Gefährliche Beziehungen: Wenn der Partner zur Bedrohung wird

Nach der Tötung einer 37-Jährigen am Uphof deutet vieles auf eine Beziehungstat hin. Partnerschaftsgewalt ist auch in Deutschland Alltag. Eine Expertin der Polizei Gütersloh erklärt, wie sie Frauen in solchen Extremsituationen unterstützt.

Melanie Wigger

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Borgholzhausen. „Ich kann nicht mehr" – wenn eine Frau mit diesen Worten zur Opferschutzbeauftragten kommt, ist oft schon viel passiert, weiß Ursula Rutschkowski aus Erfahrung. Seit mehr als 20 Jahren berät die Kriminalhauptkommissarin im Kreis Gütersloh Menschen, die Hilfe brauchen, um der Gewaltspirale zu entkommen. Denn viele Betroffene halten Jahre oder Jahrzehnte in ihrer extremen Beziehung aus.

„Drohungen sind strafrechtlich schwierig zu verfolgen"

Meistens sind es Frauen, die die Anlaufstelle in Gütersloh kontaktieren. Kein Wunder, denn laut der aktuellen Statistik des Bundeskriminalamts sind 81 Prozent der Opfer von Partnerschaftsgewalt weiblich: Statistisch betrachtet wird dabei mehr als einmal pro Stunde eine Frau gefährlich körperlich verletzt. An jedem dritten Tag stirbt eine Frau.

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37-jährige Frau aus Borgholzhausen getötet

Damit es nicht soweit kommt, helfen Ursula Rutschkowski, Leiterin des Kriminalkommissariats Kriminalprävention und Opferschutz, sowie Kriminaloberkommissarin Kirstin Bernstein-Rivers. „Es geht darum, den Frauen eine Last abzunehmen, ihr Selbstvertrauen zu stärken – ihnen zum Beispiel zu zeigen, dass sie sich in einer nicht normalen Situation normal verhalten", erläutert Rutschkowski. Gemeinsam werden zentrale Fragen geklärt: Wollen sich die Frauen trennen? Kennen sie ihre Rechte? Brauchen sie weitere Unterstützung – vielleicht auch durch andere Hilfsorganisationen wie dem Opfergewaltverein Weißer Ring?

Isolierung des Opfers ist bei Tätern eine gängige Methode

Nicht nur körperliche Übergriffe zählen als Gewalt. Auch auf psychischer Ebene können Menschen verletzt werden. Indem sie ihre Opfer kleinmachen und verbal erniedrigen, können sich die Täter selbst erhöhen, informiert die Opferschutzbeauftragte. Isolierung sei ein gängiges Mittel, um Opfer abhängig zu machen. Finanzielle Mittel wie das Haushaltsgeld werden knapp gehalten, ein eigenes Konto vielleicht sogar verboten.

Kriminalhauptkommissarin Ursula Rutschkowski berät Hilfesuchende. - © Melanie Wigger
Kriminalhauptkommissarin Ursula Rutschkowski berät Hilfesuchende. (© Melanie Wigger)

„Strafrechtlich ist das alles schwierig zu verfolgen", erklärt die Polizistin. Selbst bei Drohungen müsse es schon konkret um Verbrechen gehen, damit es eine rechtliche Handhabe gebe. „Natürlich sind Drohungen schwer nachweisbar – vor allem ohne Zeugen."

Zur polizeilichen Dienststelle kommen die meisten Frauen erst, wenn die Gewalt körperlich wird – manchmal auch in der Hoffnung, das Verhalten des Täters ändern zu können. Einen Ansatz, den Ursula Rutschkowski von der Idee her sinnvoll findet. „Klar werden sich manche fragen: Warum soll man den Tätern helfen? Aber diese Männer haben auch Gefühle", sagt die Diplompsychologin. Und ihre Unfähigkeit, mit diesen umzugehen, führt zum Gewaltverhalten: „Sie lassen zu Hause Dampf ab, weil sie nicht gelernt haben, darüber zu sprechen. Selbst wenn die Frauen es schaffen, sich zu trennen, ändert sich das Verhalten der Täter nicht." Deshalb sei die Täterberatung ein wichtiger Ansatz, um aggressiven Männern klarzumachen, was in ihrer Beziehung falsch gelaufen ist. Auch die Polizei Gütersloh vermittelt Täterangebote. Doch in der Praxis gebe es nur wenige, die diese Hilfe annehmen.

„Irgendwann sind alle Hemmungen weg"

Frauen, die den Absprung nicht schaffen, wird ebenfalls geraten, die eigene Erziehung zu hinterfragen, um Handlungsmuster zu erkennen. „Die Hoffnung, dass der Mann sich ändert, ist bei vielen sehr groß", berichtet Rutschkowski, „weil er das am Anfang auch noch oft verspricht." Vielleicht sei das erst auch ernst gemeint, vermutet die Diplompsychologin – „aber irgendwann sind alle Hemmungen weg."

Trotzdem brauchen manche Frauen viel Zeit, um den Absprung aus dieser gefährlichen Beziehung zu schaffen. Direkt nach einem Übergriff ist die Motivation der Opfer, sich aus dem Teufelskreis zu befreien, am höchsten. „Das jahrelange Aushalten macht ganz viel mit der Psyche der Opfer", stellt Rutschkowski fest. Aber nicht nur mit ihnen. Auch die Kinder leiden mit, wie Studien der Uni Cottbus belegen.

Auch Kinder leiden mit

„Sie haben ein erhöhtes Risiko, in die gleiche Schiene wie ihre Eltern zu rutschen – sei es die Täter- oder die Opferrolle. Ein Riesenproblem, das sich über Jahrzehnte fortsetzt", warnt die Beraterin, die immer wieder Frauen trifft, die Skrupel vor einer Trennung haben. Sie wollen die Kinder nicht vom Vater trennen. „Diese Mütter sollten nicht vergessen, dass sie eine Verantwortung für ihre Kinder haben. Sie leiden mit und es ist erschreckend, was so eine Situation mit Kindern macht – immer hinten anzustehen, immer wieder Angst zu haben ..."

Auch der gesellschaftliche Schaden sei immens, schon allein die Therapiekosten. „Dabei könnte man bereits bei kleinen Kindern vorbeugen: In der Kita könnte man ihnen beispielsweise beibringen, wie sie ihre Gefühle ausdrücken können."

Wie können Angehörige helfen?

Auch Angehörige können die Anlaufstellen für Gewaltopfer besuchen, um sich zu informieren. „Schließlich sind das wichtige Schlüsselpersonen", betont Opferschutzbeauftragte Ursula Rutschkowski. Oft trauen sich die Frauen nichts mehr zu. Sie brauchen Stabilität. Wenn sie in ihrer Gewaltbeziehung zum Beispiel von Freundinnen isoliert wurden, rät die Expertin den Angehörigen: „Nicht aufgeben! Versuchen Sie, Kontakt zu halten, und bieten sich immer wieder als Ansprechperson an. Irgendwann ist es soweit, dass die Frau sagt: Ich brauche Hilfe."

Kommt es hart auf hart und eine reelle Gefahrensituation liegt vor, sollte man immer die 110 wählen – selbst, wenn man damit das Vertrauensverhältnis bricht. Kontakt zu den Opferschutzbeauftragten im Kreis Gütersloh: Telefon  (0 52 41) 8 69  -18 70 oder -18 73.

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