Tanzender Chocolatier will wieder Deutscher Meister im Shuffle werden

Marcell Müller ist in Borgholzhausen aufgewachsen und hat hier Jumpstyle gelernt. In dieser Disziplin brachte es der Osnabrücker einst zum deutschen Meister – und will diesen Erfolg nun im Melbourne Shuffle wiederholen

Max Maschmann

Marcell Müller ist nicht nur Tänzer. - © Max Maschmann
Marcell Müller ist nicht nur Tänzer. (© Max Maschmann)

Borgholzhausen. Der Kurort Bad Rothenfelde ist eine Gegend, in der sich ältere Menschen wohlfühlen. Auch wegen der Salinen. Marcell Müller sitzt nun dort auf einer Bank, blickt auf die berühmten Gradierwerke – und denkt laut über seinen Ruhestand nach. Er sagt: „Sollte ich in Nürnberg den deutschen Meistertitel holen, wäre das mein persönliches Triple. Dann kann ich in Rente gehen, oder?" Marcell Müller ist 29, trägt Basecap, Jeans und Sneaker.

Aber der Reihe nach. Müller ist schon deutscher Meister am PC (Fifa 06/07) und im Tanzen (Jumpstyle). Um sein persönliches Triple perfekt zu machen, peilt er nun auch noch den Titel des besten Deutschen im sogenannten Melbourne Shuffle an, einer weiteren Tanzrichtung. Die Sportler treffen sich dafür am 4. Mai in Nürnberg, 60 sind dort bereits angemeldet. Ob es für Marcell Müller zu einem der vorderen Plätze reicht, ist natürlich ungewiss. Viel vorgenommen hat er sich dennoch: „Ich möchte mit einem Pokal nach Hause fahren." Dass das „sehr schwer" werden dürfte, ist ihm bewusst. Darum hat er begonnen zu trainieren. Wöchentlich arbeitet er zwei Stunden in einem Osnabrücker Tanzstudio an den eigenen Fertigkeiten.

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Shuffle? Jumpstyle? Den Unterschied sehen Sie in unserer Instastory.

"Wildes Rumgehampel auf der Stelle"

Melbourne Shuffle ist in den 1980er-Jahren in den Underground Clubs der australischen Großstadt entstanden. Die Tänzer bewegen sich zu elektronischer Musik, inbegriffen sind Schritte, die jenen des »Moonwalk« ähneln, den Michael Jackson populär gemacht hat. Doch aller Anfang ist schwer. Ein Jahr dauert es ab 2014, bis Müller sich die Standards beigebracht hat. Weitere zwei Jahre vergehen ehe die erste Teilnahme an einem Turnier ansteht. Auf internationaler Ebene erreicht er danach mehrfach das Halbfinale.

Marcell Müller tanzt Jumpstyle. - © Max Maschmann
Marcell Müller tanzt Jumpstyle. (© Max Maschmann)

Den schwierigen Start in die Szene des Melbourne Shuffle erklärter nicht nur mit dem komplexen Tanz an sich. „Jumpstyler waren in der Shuffle-Szene nicht so angesehen. Aus deren Sicht war das nur wildes Rumgehampel auf der Stelle." Bis 2014 ist er selbst noch einer von den »Jumpern«, tanzt allerdings keine kommerzielle Variante wie sie seinerzeit noch in Tanzschulen gelehrt wird, das ist ihm wichtig. Der nichtkommerzielle Jumpstyle legt im Unterschied dazu keinen Wert auf Show und Unterhaltung.

Zur ersten Begegnung mit dem Tanz, der in den Folgejahren einen Hype erfährt, kommt es für ihn persönlich durch ein Video der Band Scooter. »The Question is what is the Question« (Die Frage ist, was ist die Frage) erkundigen sich die Musiker um Frontmann H.P. Baxxter bei ihren Fans – und haben das Video mit einem Jumpstyle-Tanz versehen. „Was ist das?", fragt sich Marcell Müller beim Anblick. Gerade volljährig ist er da, 2008, und hat Lust diesen Tanz zu erlernen.

„Für jeden Trick und Beat muss man springen"

Marcell Müller, der in Borgholzhausen aufwächst, dort die Grundschule und die PAB-Gesamtschule besucht, sagt über sich: „Mit zwölf habe ich meinen ersten PC gebaut, mit 14 den ersten Trojaner." Kein Wunder also, dass er sich das Tanzen von Jumpstyle am PC beibringt, Anleitungen auf der Videoplattform Youtube machen es möglich. Getanzt wird bei Treffen der Szene in NRW oder im eigenen Zimmer – nicht immer zur Freude der Mutter. „Ich habe es irgendwann nur noch gemacht, wenn keiner da war." Untermalt wird Jumpstyle meist von Technomusik. „Für jeden Trick und Beat muss man springen", beschreibt der 29-Jährige, dass es sich dabei also durchaus um Ausdauersport handelt. Was den Reiz ausmache? „Man vergisst alles, was um einen herum passiert."

Marcell Müller zeigt den Melbourne Shuffle. - © Max Maschmann
Marcell Müller zeigt den Melbourne Shuffle. (© Max Maschmann)

Der Konditor und Chocolatier, der inzwischen bei einem Schokoladenhersteller als Produktentwickler arbeitet, springt viel in dieser Zeit, schnell kommen die ersten Erfolge. 2009 setzt er sich gegen vielleicht 80 bis 90 Tänzer aus der gesamten Republik durch, wird so erstmals deutscher Meister. Wie sich das angefühlt hat? „Ich habe damals nicht viel bekommen außer einem T-Shirt und einem Pokal", sagt er lachend. Das mag an der Struktur solcher Turniere liegen, die meisten von ihnen finden online statt. Das bedeutet: Die Tänzer erhalten ein Lied, auf das sie sich binnen einer Woche vorbereiten sollen, müssen ein maximal 120-sekündiges Video von sich drehen und dann einschicken. Eine Jury bewertet, welcher der beiden Tänzer besser abgeliefert hat – und dadurch die nächste Runde erreicht. Im K.o.-Format wird so ein Turniersieger ermittelt. In Nürnberg wird Anfang Mai dagegen »offline« getanzt, sprich: in einer Halle.

Becken zwickt - Schluss mit Jumpstyle

2009, wenige Monate nach dem Erfolg bei der deutschen Meisterschaft, schafft es Marcell Müller bei der Europameisterschaft auf den dritten Rang. Bei der Weltmeisterschaft im darauffolgenden Jahr gelingt ihm zwar der Sprung unter die besten fünf. Die Rivalen aus Polen, Russland oder Frankreich aber sind stärker. 2014 macht er Schluss mit Jumpstyle, das Becken zwickt. „Es ging irgendwann nicht mehr." Weil er sich aber weiter zu dieser Art von Musik bewegen möchte, wird es eben Melbourne Shuffle – das ihm nun zu einem letzten großen Coup verhelfen soll. Weitere Besuche in Bad Rothenfelde sind danach übrigens nicht ausgeschlossen. Nicht aber wegen eines vorzeitigen Ruhestands, sondern weil Müllers Oma im Kurort lebt.

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