Zweiter Weltkrieg: Erinnerungen an Piums blutigen Ostermontag

Am 3. April 1945 wurde die Stadt kampflos von den Amerikanern besetzt. Doch am Tag davor wurde vor allem im Bereich der Bahnhofstraße heftig gekämpft. 20 Menschen ließen dabei ihr Leben – Soldaten, aber auch etliche Zivilisten

Andreas Großpietsch

2. 4. 1945: Auch Herbert Hanke starb an diesem Tag. - © Andreas Großpietsch
2. 4. 1945: Auch Herbert Hanke starb an diesem Tag. (© Andreas Großpietsch)

Borgholzhausen. Die Grabsteine stehen im Halbrund vor einem schlichten Holzkreuz im hinteren Teil des Borgholzhausener Friedhofs. Sie sind schon ziemlich verwittert, von Flechten und Moos bewachsen. Und sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie zeigen unterschiedliche Namen und Geburtsdaten, aber immer den selben Todestag: den 2. April 1945. Es war kein großer Unglücksfall, der diese Menschen betroffen hat, sondern ein Fanal des sinnlosen Widerstands in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.

Einnahmen von Borgholzhausen: Spuren der Schlacht finden sich bis heute im Stadtbild - wenn man sie zu finden weiß. - © Andreas Großpietsch
Einnahmen von Borgholzhausen: Spuren der Schlacht finden sich bis heute im Stadtbild - wenn man sie zu finden weiß. (© Andreas Großpietsch)

Kaum einen Monat später würde das Deutsche Reich bedingungslos kapitulieren – doch in Borgholzhausen versuchte eine Gruppe von SS-Männern noch, den Endsieg zu erringen. Die militärische Lage war völlig aussichtslos: Die Angriffsspitzen einer amerikanischen Armee mit 250.000 bestens ausgerüsteten Soldaten drangen durch das Münsterland in Richtung Bielefeld vor, das von 3.000 Wehrmachtsangehörigen „bis zum letzten Atemzug" verteidigt werden sollte, wie es damals so oft hieß.

Panzersperren an den Eingängen zur Stadt

Am schicksalhaften Ostermontag, dem 2. April 1945, rückten die Amerikaner aus dem Bereich Hörste über die Straße Unter der Burg nach Borgholzhausen vor. Ungefähr in Höhe der Einmündung Berghauser Weg gab es an der Bahnhofstraße eine erste Panzersperre, in der engsten Stelle der Freistraße eine weitere und auf Höhe des Friedhofs eine dritte. Die heutige Durchgangsstraße existierte noch nicht, der Weg nach Bielefeld führte nur mitten durch die Stadt. Der Pass durch den Teutoburger Wald sollte verteidigt werden.

Auf einigen älteren Grabsteinen des Borgholzhausener Friedhofs finden sich noch heute Spuren von Granatsplittern. - © Andreas Großpietsch
Auf einigen älteren Grabsteinen des Borgholzhausener Friedhofs finden sich noch heute Spuren von Granatsplittern. (© Andreas Großpietsch)


Es kam zu ersten Kampfhandlungen im Bereich Bahnhofstraße, wo die Amerikaner zunächst aufgehalten wurden. Ihr Versuch, sich der Stadt durch das Hamlingdorfer Tal zu nähern, misslang. Heutige Straßennamen wie Großes und Kleines Moor erklären, was die schweren Fahrzeuge aufhielt. Als nächste Maßnahme setzten die Angreifer auf gezielten, lang andauernden Beschuss aus den Kanonen ihrer Panzer.

Ein Artilleriebeobachtungsflugzeug kreiste über der Ravensburg und leitete den Angriff. Die Amerikaner feuerten aus dem Bereich Holtfeld über den Teuto und die Burg hinweg und fanden ihre Ziele angesichts dieser Entfernung bemerkenswert gut. Allerdings wurden alle Häuser im Umfeld der beiden Panzersperren an den Ortseingängen erheblich beschädigt oder brannten gleich ganz nieder.

Einen Tag und eine Nacht lang lag die Stadt im Feuer der Panzergranaten

In Augenzeugenberichten ist davon die Rede, dass in der ganzen Nacht die Granaten einschlugen sowie Gewehr- und MG-Feuer zu hören waren. Erst am frühen Morgen hörte die Kampftätigkeit auf. Die Bilanz dieser ungleichen Schlacht: 20 Tote auf deutscher Seite, keine Opfer bei den Amerikanern. Die meisten Toten waren Soldaten, aber auch einige Zivilisten verloren ihr Leben. Zwei Männer wurden sogar nach dem Einmarsch erschossen, weil aus dem Garten ihres Hauses noch mit Panzerfäusten auf die heranrückenden Truppen geschossen worden war.

Angezündet: Haus Beune brannte vollständig nieder. - © Andreas Großpietsch
Angezündet: Haus Beune brannte vollständig nieder. (© Andreas Großpietsch)

Die übrigen deutschen Soldaten waren allerdings noch in den frühen Morgenstunden des 3. April geflohen. In der von den Bewohnern bereits vor den Kämpfen verlassenen Villa der Familie Beune hatten sich die Soldaten Zivilkleidung genommen und ihre Uniformen zurückgelassen. Die Amerikaner zündeten wohl aus diesem Grund das Gebäude an. Es brannte komplett aus.

In der von deutschen Soldaten inzwischen verlassenen Stadt nahmen einige Bürger ihren ganzen Mut zusammen und gingen mit weißen Fahnen ausgerüstet den Amerikanern entgegen. Als erster traf ein Elektrikermeister namens Wilhelm Vornbaum dort ein. Die Amerikaner erklärten ihm, dass sie von den den SS-Soldaten und den Panzersperren in der Stadt wüssten und dass ein weiterer Beschuss und die Bombardierung unausweichlich beschlossen sein.

Mutige Bürger retteten die Stadt vor der kompletten Vernichtung

Auf Vornbaums inständiges Bitten erklärten die Angreifer ihm sowie einer danach eingetroffenen weiteren Gruppe aus der Stadt um Heinrich Knaust, die ebenfalls die kampflose Übergabe der Stadt anboten: „Wenn Sie sicher sind, dass Borgholzhausen kampflos besetzt werden kann, bleiben Sie als Geisel hier. Wenn geschossen wird, werden Sie auch erschossen." Die Männer ließen sich darauf ein und drei von ihnen blieben als Geisel in der Hand der Amerikaner.

Die übrigen überbrachten die Nachricht an ihre Mitbürger und bald flatterten in den Fenstern weiße Fahnen, währen die Kolonnen der amerikanischen Armee durch die Stadt in Richtung Werther und Bielefeld rollten. In Borgholzhausen gab es etliche zerstörte und beschädigte Häuser und auch der Friedhof war schwer in Mitleidenschaft gezogen. Doch die durchaus realistische Drohung des kompletten Untergangs der Stadt konnte dank mutiger Bürger abgewendet werden.

In den Büchern von Carl-Heinz Beune über die Geschichte Borgholzhausens gibt es ausführliche Beschreibungen der dramatischen Ereignisse von mehreren Zeitzeugen. Die Spuren dieser Zeit finden sich bis heute – siehe dazu auch den Artikel über die Kampfmittelräumer.

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