Borgholzhausen„Dann fiel der Baum einfach um“

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Eine der mächtigen Pappeln stürzte beim Sturm am 29. Mai auf diesen Schuppen und zerstörte ihn. - © Foto: Detlef Hans Serowy
Eine der mächtigen Pappeln stürzte beim Sturm am 29. Mai auf diesen Schuppen und zerstörte ihn. © Foto: Detlef Hans Serowy
Repariert: Dieser Dachteil wurde von einem Baum beschädigt. - © Foto: Detlef Hans Serowy
Repariert: Dieser Dachteil wurde von einem Baum beschädigt. (© Foto: Detlef Hans Serowy)

Borgholzhausen-Kleekamp. Den 29. Mai wird Kerstin Hecht so schnell nicht vergessen. Die 51-Jährige sitzt an diesem Dienstag gegen 17 Uhr in ihrer Terrassentür, als sie plötzlich einen sehr kräftigen Windstoß spürt. „Es krachte und dann sah ich, wie auf einmal in Zeitlupe Bäume umfielen", erinnert sie sich. Kerstin Hecht bewohnt am Landbach 31 einen Kotten, in dessen unmittelbarer Nähe 31 sehr große Pappeln stehen.

Jetzt stehen dort nur noch 25 der bis zu 35 Meter hohen Bäume. Zwei Pappeln fallen direkt bei dem Windstoß um und reißen 20 Meter hohe Tannen mit. Auf dem Nachbargrundstück kippt ebenfalls eine hohe Pappel um, doch die richtet keinen Schaden an.

Eine Windhose mit Starkregen entwurzelt die Pappeln

Anders bei Kerstin Hecht und dem Mitmieter Rüdiger Engel. Ein Baum fällt auf das Gebäude und beschädigt einen Teil des Daches. „Wir haben das alles notdürftig gesichert und dann den Eigentümer verständigt." Seit 18 Jahren besteht das Mietverhältnis mit Rolf Westmeyer.

Gefahr: Kerstin Hecht zeigt auf den Baum, der gestern noch in einem anderen Baum hing und in Richtung des Gebäudes hätte fallen können. - © Foto: Detlef Hans Serowy
Gefahr: Kerstin Hecht zeigt auf den Baum, der gestern noch in einem anderen Baum hing und in Richtung des Gebäudes hätte fallen können. (© Foto: Detlef Hans Serowy)

Eine Windhose ist der Grund für die entwurzelten Bäume in Kleekamp. Das Unwetter zieht mit Starkregen durch Ostwestfalen-Lippe und sorgt allein im Kreis Gütersloh für rund 160 Feuerwehreinsätze. Der Regen hat Kerstin Hecht von ihrer Terrasse ins Gebäude vertrieben.

„Ich bin dann vor das Haus gelaufen und habe meine beiden Pferde aus dem Stall unter den Bäumen auf die Wiese gebracht", erinnert sie sich. Als sie in die Küche zurückkehrt, kann sie nicht mehr aus dem Fenster sehen. Ein mächtiger Baum liegt dort und versperrt den Weg auf die Terrasse.

Die Pappel hat Gartenmöbel und anderes Inventar zerstört. „Wir haben einen Schaden von rund 1.000 Euro, den keine Versicherung bezahlt." Vier Bäume fallen in der Folge der Windhose direkt um und richten auf dem 5.500 Quadratmeter großen Grundstück Verwüstungen an.

Sechs Wochen nach der Windhose liegen immer noch die Baumriesen herum

Das Dach wird schnell repariert. „Es hat nur eine Nacht etwas hinein geregnet", so Kerstin Hecht. Die Aufräumarbeiten auf dem Grundstück gehen aber nicht voran. Sechs Wochen nach der Windhose liegen dort immer noch die Baumriesen herum. „Fünf Bäume liegen im Teich."

Zwei Pappeln stürzen nicht direkt um, sondern bleiben in anderen Bäumen hängen. Es besteht die Gefahr, dass sie ebenfalls auf das Haus fallen und dabei andere Bäume mitreißen. „Wir haben große Angst gehabt und nur abseits vom Haus im Wohnmobil geschlafen", erklärt Kerstin Hecht.

Obwohl die Mieter den Vermieter bedrängen, passiert aus ihrer Sicht erst einmal lange Zeit nichts. Es dauert über vier Wochen, bevor ein Fachunternehmen beim ersten Gefahrenbaum die Krone auslichtet. „Die zogen am vergangenen Samstag ab und meinten, der Baum bleibt jetzt erst einmal stehen."

Am Mittwoch fällt dieser Baum um, richtet aber keinen weiteren Schaden an. Am späten Donnerstagnachmittag kommt die Firma erneut nach Kleekamp. „Die Mitarbeiter schnitten zwei Zweige ab, mit denen der Baum an einem anderen hing, dann fiel er einfach um."

Aus Sicht der Mieterin besteht Lebensgefahr

Aus Sicht der Mieterin besteht seit der Windhose Lebensgefahr beim Betreten des Grundstücks. Rolf Westmeyer zeigt sich erleichtert, dass die „zwei Gefahrenbäume jetzt liegen". Die seien definitiv nicht mehr standsicher gewesen, räumt der Landwirt ein.

„Alle Fachfirmen sind derzeit gut ausgelastet", begründet Rolf Westmeyer den zeitlichen Ablauf der Aktion. Außerdem sei die Lage auf dem Grundstück äußerst schwierig. Tatsächlich stehen die Pappeln, die Anwohnern zufolge nach dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt wurden, eng aneinander.

Er wisse nicht, wie alt die Bäume genau seien, sagt Rolf Westmeyer. Dass sie über 40 Jahre und damit „schlagreif" sind, räumt er ein. Pappeln können zwar über 100 Jahre alt werden, doch mit zunehmenden Alter lässt ihre Standsicherheit nach. Sie bilden nur horizontale Wurzeln.

„Die Bäume sind zu groß, zu alt und nicht mehr standfest"

„Jeder Eigentümer hat die Verkehrssicherungspflicht und muss seine Bäume auf Standsicherheit hin untersuchen lassen", betätigt Försterin Gabriele Lindemann auf Anfrage. Laut Rechtsprechung muss der Aufwand für die Untersuchung zwar verhältnismäßig sein, stattfinden muss sie aber.

Die Verkehrssicherungspflicht gilt sicher auch für Bäume, die nach Windbruch in anderen Bäumen hängen. Rolf Westmeyer hat seiner Meinung nach alles getan, um die Gefahr schnellstmöglich abzuwenden. „Es mussten mehrere Behörden und Institutionen beteiligt werden", trägt er vor.

Nach Rücksprache mit ihren Versicherungsfirmen hätten die Fachfirmen quasi einen Freibrief für Schäden am Haus gefordert, bevor sie die Arbeiten aufnehmen wollten. „Ich war selbst vor Ort, habe versucht, Zugänge zu schaffen und aufzuräumen, damit die Bäume zugänglich werden."

Kerstin Hecht berichtet dagegen davon, dass sie den Vermieter immer wieder gebeten habe, etwas gegen die Gefahr zu tun. „Es waren viele sachverständige Personen hier und die haben alle gesagt, die Bäume müssen komplett weg. Sie sind zu groß, zu alt und nicht mehr standfest."

Fällaktion muss  gut vorbereitet werden

Dieser Auffassung ist jetzt offenbar auch Rolf Westmeyer. „Die müssen da weg, es wäre mir lieber, wenn wir es möglichst schnell schaffen würden", erklärt er. Einige der mächtigen Bäume stehen so nah an dem Kotten, dass sie bei einem Sturm auch auf das Gebäude fallen könnten.

Die Fällaktion muss allerdings gut vorbereitet werden. „Da muss eine Stromleitung ausgehängt und durch einen Generator ersetzt werden", so Rolf Westmeyer. Das Grundstück ist für den Abtransport der noch stehenden und bereits liegenden Bäume zudem nur sehr schwer zugänglich.

„Diesen Text kennen wir schon seit sechs Wochen, lassen uns seitdem vertrösten und sind immer geduldig geblieben", erklärt Kerstin Hecht dazu. Ihr Mitmieter und sie wollen jetzt die Miete mindern und bestehen darauf, dass der Vermieter seiner Verkehrssicherungspflicht nachkommt.

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