Die Razzia der Antikorruptionsbehörde bei Andrij Jermak, dem mächtigen Leiter von Wolodymyr Selenskyjs Präsidialamt, ist ein politisches Erdbeben für die Ukraine. Sie trifft das Land im denkbar schlechtesten Moment. Ausgerechnet Selenskyjs rechte Hand – und zentraler Unterhändler in den Gesprächen mit den USA über ein Kriegsende – steht im Fokus der Ermittlungen. Wenn die Räume des wichtigsten Mannes hinter dem Präsidenten durchsucht werden, brennt es im Maschinenraum des Staates.
Überraschen sollte das dennoch niemanden. In der Ukraine gehört Korruption seit Jahrzehnten zum Alltag. Der Krieg hat die Probleme eher verschärft: Es fließen enorme Summen, oft schnell, unbürokratisch, schlecht kontrolliert – ideale Bedingungen für jene, die sich noch in einer nationalen Notlage selbst bereichern.
Doch die jüngste Durchsuchung demonstriert auch: Der Kampf gegen Korruption in der Ukraine funktioniert, selbst wenn er die höchsten Ebenen der Macht erreicht.
Ein Machtbeweis der Korruptionsermittler
Brisant ist die Dynamik. Noch im Sommer wurden Beamte der Antikorruptionsbehörde vom Geheimdienst abgeführt, weil sie hochrangigen Politikern zu nahe gekommen waren. Die Botschaft war: Vorsicht nach oben! Dass dieselbe Behörde nun gegen Jermak vorgeht, ist ein klarer Machtbeweis. Die unabhängigen Korruptionsermittler greifen auch ganz an der Spitze des Staates durch.
Und doch ist an diesem Tag ein Stück Vertrauen verloren gegangen. Am Ende werden Gerichte entscheiden, was an den Vorwürfen dran ist. Wer aber so tief in alle Machtstrukturen eingebunden ist wie Jermak, muss sich fragen lassen, wie ihm ein großflächiges Korruptionssystem entgangen sein soll.
Wenn die Ukraine eines Tages der EU beitreten will, muss sie Korruption entschieden bekämpfen. Die Razzia bei Selenskyjs Vertrautem zeigt, wie lang dieser Weg noch ist. Und dass es keinen Weg daran vorbei gibt.