LokalsportHK-Interview mit Jörg Böhme: „Da war 100 Prozent Leidenschaft drin“

Philipp Kreutzer

„Es war sehr emotional": Trotz des Abstiegs wird Jörg Böhme seine Zeit bei der Spvg. Steinhagen in guter Erinnerung behalten. - © Philipp Kreutzer, HK
„Es war sehr emotional": Trotz des Abstiegs wird Jörg Böhme seine Zeit bei der Spvg. Steinhagen in guter Erinnerung behalten. © Philipp Kreutzer, HK

Steinhagen. Ex-Nationalspieler Jörg Böhme (44) zieht trotz des Landesliga-Abstiegs ein überraschend positives Fazit seiner gut zweimonatigen Trainertätigkeit bei der Spvg. Steinhagen. Und verrät, was er in der siebten Liga gelernt hat.

Herr Böhme, wie bitter ist dieser Abstieg?

JÖRG BÖHME: Sehr bitter. Weil in dieser Mannschaft eine Menge Potenzial steckt. Wenn man die Entwicklung von meinem ersten Spiel Ende März in Mastholte bis heute sieht, muss man sagen, dass die Spieler einen Riesenschritt gemacht haben: individuell genauso wie partner-, gruppen- und mannschaftstaktisch, konditionell, in der Art und Weise, wie wir Fußball gespielt haben. Das hat sich leider nicht immer in Ergebnissen niedergeschlagen. Aber da war 100 Prozent Leidenschaft drin, von der Nummer 1 bis zur Nummer 24. Wir haben super als Team funktioniert. Es ist schade und traurig, dass es nicht gereicht hat.

Das klingt ja fast so, als würde für Sie trotz des Abstiegs das Positive überwiegen.

BÖHME: Ja, auch wenn das kurios ist, aber genau so ist es. Die Jungs sind Amateure, die kommen abends nach der Arbeit zum Training. Wie die mitgezogen haben, mit welcher Intensität, das ist der Hammer. Es war von Anfang an klar, dass ich das nur bis Saisonende mache, der neue Trainer stand ja schon fest. Wie sie dann abgeliefert haben, dafür haben sie meinen Respekt. Da kenne ich andere Situationen. Und wenn ich sehe, dass das komplette Team, also wirklich alle, am Abend nach dem letzten Spiel, nach dem Abstieg noch mal im Cronsbachstadion aufschlägt, um sich zu verabschieden, dann ist das besonders. Es war sehr emotional. Ich habe von der Mannschaft eine Dankeskarte bekommen und ein Geschenk, einen Spvg.-Steinhagen-Schal. Für einen, der wie ich auch eine Amshausener Vergangenheit hat, ist das schon speziell. (lacht)

Wenn so viel gepasst hat: Warum ist die Spvg. dennoch abgestiegen?

BÖHME: Es ist in dieser Saison eine Menge vorgefallen. Das hat man am Sonntagabend sehr deutlich gemerkt. Da habe ich gespürt, wie sehr Micky Johanning ein Bestandteil der Mannschaft war und wie sehr sein Tod die Spieler belastet. Dazu kam ja auch noch der Tod von Basti Herrmanns Mutter.

War auch die sportliche Hypothek aus den ersten beiden Dritteln der Saison zu hoch?

BÖHME: Über die ersten 19 Spiele möchte und kann ich nichts sagen, denn da war ich ja nicht dabei. Wenn man die elf Spiele unter meiner Regie sieht und auf eine Saison hochrechnet, hätten wir mit dem Abstieg nichts zu tun gehabt. Dann hätten wir am letzten Freitag nach dem Training schon den Grill angeschmissen. Und es war ja noch mehr möglich. Wenn ich an die Schiedsrichterentscheidungen bei den Spielen bei Eidinghausen-Werste denke oder zu Hause gegen Maaslingen, wo wir zwei Elfmeter kriegen müssen ...

Der SC Peckeloh und die Spvg. Brakel hätten Ihre Mannschaft mit einem Unentschieden bzw. einem Sieg am letzten Spieltag retten können. Machen Sie diesen Teams Vorwürfe, dass sie das nicht getan haben?

BÖHME: Auf keinen Fall. Das waren enge Spiele mit knappem Ausgang, es gab ja keine deutlichen Ergebnisse. Alles okay. Wir sind ja nicht deswegen abgestiegen, sondern weil wir vorher nicht genug Punkte hatten. Klar, wenn man dann bis zur 85. Minute die Klasse hält, bis Vlotho in Brakel den Ausgleich macht, dann ist es bitter. Am Sonntagabend ging mir durch den Kopf, dass das wohl wieder meine magischen fünf Minuten waren. So wie 2001 mit Schalke, als wir glaubten, Meister zu sein. Und dann waren es doch die Bayern.

Was haben Sie während der zwei Monate bei der Spvg. Steinhagen gelernt?

BÖHME: Zu improvisieren. Ich wusste ja oft bis eine Stunde vor Trainingsbeginn nicht, wie viele Spieler mir zur Verfügung stehen. Auch im Umgang mit den Jungs habe ich gelernt. Das sind 24 verschiedene Charaktere, und ich denke, ich habe es ganz gut mit ihnen hinbekommen. Es wird mich wohl keiner von ihnen steinigen, wenn ich in Zukunft als Zuschauer zum Heimspiel komme.

Wo wird der Trainer Jörg Böhme künftig tätig sein?

BÖHME: Es gibt die eine oder andere Sache, die läuft, aber das muss man abwarten. Ich denke, so schlecht war der Job, den mein Co-Trainer Daniel Eikelmann und ich in Steinhagen gemacht haben, nicht. Das spricht sich herum. Nehmen Sie Jörg Heinrich. Der hat Luckenwalde trainiert und ist jetzt Co bei Borussia Dortmunds Profis.

Jetzt kommt erst mal die WM. 2002 waren Sie in Japan und Südkorea als Spieler selbst dabei. Was trauen Sie der deutschen Mannschaft in Russland zu?

BÖHME: Sie wird eine gute Rolle spielen, aber ich fürchte, für ganz oben wird es diesmal nicht reichen. Ich glaube, Brasilien ist stärker. Die sind mein Titelfavorit. Und Belgien traue ich auch eine Menge zu.

Sind Sie eigentlich ein Alles-Gucker oder picken Sie sich gezielt einzelne Spiele heraus?

BÖHME: Da sind ja viele Mannschaften dabei, die man nicht täglich sieht, da kann man einiges über Systeme und Grundordnungen lernen. Deswegen würde ich schon gerne so viele Spiele wie möglich sehen. Mit zwei kleinen Kindern wird das nicht immer ganz einfach, aber ich werde es versuchen.

Kommentar: Das verflixte siebte Jahr

Sechs Landesliga-Spielzeiten in Folge beendete die Spvg. Steinhagen auf einstelligen Tabellenplätzen, nun hat es die Cronsbach-Kicker erwischt. Im verflixten siebten Jahr müssen sie die siebte Liga nach unten verlassen. Für den Abstieg gibt es mehrere, sehr unterschiedliche Ursachen.

Schicksalsschläge, die die Mannschaft belastet haben. Genauso aber Fehler. Etwa in der Zusammenstellung des Kaders nach dem Verlust des kämpferischen Spielmachers Jochen Pape. Fünf von sieben Sommerzugängen verließen die Spvg. schon im Winter wieder.

Als problematisch erwies es sich auch, auf Spieler zu setzen, die zum Teil dem Futsal Priorität einräumen. Nach dem Trainerwechsel hat Jörg Böhme die Blockade im Team gelöst. Den Abstieg verhindern konnte er nicht. Dafür fehlten ihm nur ein wenig Zeit und Glück.

Info
Im Schnitt 1,45 Punkte pro Spiel

Jörg Böhme übernahm die abstiegsbedrohte Spvg. Steinhagen Ende März. Kurz zuvor hatte sich der Verein von Trainer Daniel Keller getrennt. Mit dem 2:1-Sieg in Mastholte gelang Böhme ein perfekter Start, auch die Gesamtbilanz des Fußballlehrers kann sich trotz des Abstiegs sehen lassen: In elf Spielen unter seiner Regie holte Steinhagen 16 Punkte. Das entspricht einem Schnitt von 1,45 Zählern pro Partie. Ein Wert, der – auf eine komplette Saison hochgerechnet – eine Platzierung im gesicherten Mittelfeld bedeuten würde.

Nach dem 4:1-Sieg am letzten Spieltag bei SuS Westenholz, der den Abstieg nicht verhindern konnte, verabschiedete sich der in Steinhagen lebende Ex-Nationalspieler von der Spvg. Sein Nachfolger Tobias Brockschnieder , den die Spvg. bereits im Januar für die neue Saison verpflichtet hatte, wird das Training am Sonntag, 1. Juli, aufnehmen. Womöglich wird dann auch Matthias Freyermuth weiterhin dabei sein. Der Wechsel des Defensivspielers zu TuS GW Pödinghausen ist fraglich, seit die Mannschaft am Sonntag in die Herforder Kreisliga B abgestiegen ist.