Zwei Mal die Hand am Pott

Legenden des Altkreissports: Hartmut Kania

Marc Uthmann

Ein großes Team: Hartmut Kania zeigt ein Mannschaftsfoto des Europakpokalsiegers TuS Nettelstedt aus dem Jahr 1981. Mit »Pott« und ihm selbst - hintere Reihe, Dritter von rechts. - © Marc Uthmann, HK
Ein großes Team: Hartmut Kania zeigt ein Mannschaftsfoto des Europakpokalsiegers TuS Nettelstedt aus dem Jahr 1981. Mit »Pott« und ihm selbst - hintere Reihe, Dritter von rechts. (© Marc Uthmann, HK)

Werther. Hartmut Kania ist kein Mann, der in Nostalgie versinkt. Dabei hätte er eine Menge Anlässe dazu. Der frühere Tophandballer, der so elegant die Fäden zog für den TuS Nettelstedt in der Bundesliga. Der den Europapokal in seinen Händen hielt. Der unter dem legendären Trainer Vlado Stenzel drei A-Länderspiele absolvierte. Ausgerechnet dieser Hartmut Kania (59) also sitzt jetzt – sachlich, freundlich, eloquent – drei Stunden auf seinem Sofa und soll in Erinnerungen kramen. Und manchmal, wenn er wieder eine besonders schöne Anekdote gefunden hat, dann rutscht es dem Ex-Profi heraus: „Irre!"

Erzählt in drei Stunden, mag der Verlauf einer Karriere, die von Werther in die Bundesliga und wieder zurück führte, tatsächlich irre erscheinen. Dabei war sie eigentlich unvermeidbar. Und zwar schon 1964. Da beginnt Hartmut Kania, beim TV Werther Handball zu spielen. „In Werther hatten die Vereine große Bedeutung – da war man einfach drin", erzählt der spätere Profi.

„Ich habe Lust auf Sport gehabt, und mit etwas Talent konnte man damals schnell viel erreichen." So vorsichtig und doch genau formuliert jemand, der sich zwar nie in den Mittelpunkt stellt, aber stets genau gewusst hat, wohin er will: nach oben. Wie gut trifft es sich da, dass der junge Handballer den idealen Förderer an seiner Seite weiß: Gerd Tubbesing. Der Trainer lotst den begabten Spieler schon in der Jugend aus Werther zum TV Künsebeck und soll für Jahrzehnte sein sportlicher Weggefährte bleiben.

Mit 17 in der Männer-Verbandsliga

Schon mit 17 Jahren rückt er – wieder gefördert von Gerd Tubbesing – in die Verbandsliga-Mannschaft der Künsebecker Herren auf. „Ich wollte das Spiel auf der Rückraum-Mitte-Position gestalten oder war auf Linksaußen der Mann für die unmöglichen Dinger", sagt Hartmut Kania, den später alle nur »Hatti« rufen.

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„Wer in der Jugend viel konnte, kann bei den Herren erst mal gar nichts", sagt Kania über die erste Zeit mit Künsebecker Größen wie Hans Brauner, Friedel Bußmann, Jürgen Tippe, »Wacki« Walkenhorst und Hartmut Nollkämper. Doch schon früh wird klar, was Hartmut Kania ausmacht: Schnelligkeit, Präzision, ein guter Wurf und vor allem das Gefühl dafür, wann er in die Lücke stoßen muss.

Groß, aber schmächtig

1,88 ist Kania groß – ordentlich für die damalige Zeit. 83 Kilo wiegt der schmächtige Junge – eigentlich ein Desaster für körperbetonten Handballsport. Der Junge aus Werther muss schlau sein. „Da gab es viele, die mit Härte und Kraft beeindrucken wollten – und nach dem Spiel total nett waren", formuliert es Kania heute diplomatisch. Er wird später auf den damals weltbesten Handballer Frank-Michael Wahl vom HC Empor Rostock treffen: „Der war ein richtiges Tier, ging ohne Rücksicht auf Verluste drauf – da musste man schon zeigen: Hier ist jetzt Schluss", erzählt Kania.

Doch zunächst einmal wechselt der Schlaks mit seinem handballerischen Ziehvater Gerd Tubbesing 1974 zum TuS Jöllenbeck in die Oberliga. „Wieder so ein Dorfverein. Da kannte der Hans den Franz, alle kamen in die Halle, nachher ging es in die Kneipe", sagt Kania – diese menschliche Nähe hat ihm immer gefallen.

Zwei Mal die Hand am Pott

1976 wechselt Tubbesing zum TSV Altenhagen in die damals zweitklassige Regionalliga – und sein ehrgeiziger Schützling folgt ihm. An der Seite des „begnadeten Handballers" »Bolle« Borgstedt, mit den Keepern »Matze« Räber und Hans Feuß erklimmt Hartmut Kania die nächste Stufe der Karriereleiter – und die Späher des TuS Nettelstedt sitzen schon auf der Tribüne.

Einen Weltmeister vor sich

Der Sprung in die Bundesliga ist groß, und Kania würde auf Linksaußen zunächst einmal »Jimmy« Waltke vor sich haben, Nationalspieler und Weltmeister. Er traut sich 1979 dennoch, weil er schon damals weiß, „dass ich mir das sonst ewig vorgeworfen hätte".

Respekt einflößend ist übrigens auch der erste Bundesliga-Trainer des Wertheraners: „Vitomir Arsenijevic, bekannt als der Schleifer. Ein kleiner Kroate – aber messerscharf." Vor dem Training müssen die Spieler pünktlich und wie die Orgelpfeifen an der Mittelinie erscheinen – wer zu spät ist, wird vor versammelter Truppe niedergemacht. Arsenijevic formt die Spieler zu Maschinen – und Hartmut Kania hält mit, weil er als Vorgezogener in der 3:2:1-Deckung spielen kann. „Zwei, drei Tore dazu, dann war man dabei", sagt Kania pragmatisch. Doch erst Arsenijevics Nachfolger Martin Karcher haucht den »Kanten« Kreativität ein, zudem profitiert Hartmut Kania vom genialen Zdravko Miljak. „Der war ein brillanter Linkshänder und hat mich unter seine Fittiche genommen."

Europacup gegen den Welthandballer

So geht der TuS Nettelstedt ins Jahr 1981. Weil der TV Großwallstadt Meisterschaft und Pokal gewonnen hat, darf der TuS als unterlegener Finalist im Europapokal der Pokalsieger antreten – und holt nach einer 16:18-Hinspielniederlage im Finale gegen HC Empor Rostock vor 4500 Zuschauern den »Pott« gegen das Team um Frank-Michael Wahl: 17:14. „Dieses Spiel, diese Kulisse – das bleibt", sagt Kania.

Sektfontänen: Hartmut Kania (rechts) und seine Mitstreiter lassen nach dem Europapokalsieg die Korken knallen. - © Foto: HK-Archiv
Sektfontänen: Hartmut Kania (rechts) und seine Mitstreiter lassen nach dem Europapokalsieg die Korken knallen. (© Foto: HK-Archiv)

Im selben Jahr gewinnt der TuS wenige Wochen später auch den DHB-Pokal, nach einer 15:19-Niederlage im Hinspiel beim TV Günzburg mit 22:17 zu Hause. „Es ging um ein Tor. Zdravko Miljak hatte Sekunden vor Schluss einen Siebenmeter gerissen und Peter Pickel verwandelte. ’Das konnte nicht schief gehen’, hat er nachher gesagt", erinnert sich Hartmut Kania und lacht.

Nun beruft Vlado Stenzel Hartmut Kania in die Nationalmannschaft, beim Vier-Länder-Turnier in Jugoslawien spielt der Neuling gegen den Gastgeber, Dänemark und die Tschechoslowakei. Kania setzt „ein paar Impulse", wie er findet. „Bis zum nächsten Lehrgang, hieß es dann – aber Stenzel hat sich nie mehr gemeldet." Das wurmt ihn heute noch ein wenig.

1983 sorgt Hartmut Kania für Verblüffung: Er beendet seine Profilaufbahn in Nettelstedt. Mit 26 Jahren. Nüchtern hat er das mit Frau Anke entschieden: Der Beruf – Kania hat Betriebswirtschaft studiert und seinen Techniker gemacht – fordert ihn, es ist Zeit, eine Familie zu gründen. Also wechselt der Wertheraner zum SC Bielefeld in die Verbandsliga. Und wirft den Klub sofort in die Oberliga – Trainer ist übrigens: der alte Förderer Gerd Tubbesing. An der Regionalliga scheitert der SCB knapp, trotzdem werden es fünf Jahre in Kanias Karriere.

»Bald absolviere ich hoffentlich meinen 18. Hermannslauf«

1989 wechselt er – mittlerweile Vater zweier Töchter – zum TV Werther. Mit seinem Stammverein steigt Kania noch einmal in die Bezirksliga auf, wird 1991 mit 158 Treffern Torschützenkönig im Altkreis. 1994 ist Schluss. Heute ist Kania nach eigener Aussage sogar ein schlechter Zuschauer: „Manchmal gehe ich hin, kriege feuchte Hände, weiß alles besser – dabei würde mein Körper gar nicht mehr mitmachen", sagt er und lacht. Doch ohne körperliche Herausforderung kann der 59-Jährige – ein erfolgreicher Berater beim Software-Unternehmen Catuno – bis heute nicht leben. „Bald absolviere ich hoffentlich meinen 18. Hermannslauf", sagt er.

Und eine weitere Leidenschaft hat der Ex-Profi für sich entdeckt: „Früher wurde in den Mannschaften viel gesungen – das mir gefallen." Seit Jahren gibt Hartmut Kania also den Tenor im Wertheraner Chor »Tonart« – voller Inbrunst und Hingabe, wie er die Dinge immer schon angegangen ist. „Das macht riesigen Spaß", sagt der spätberufene Sänger und lächelt: „Irre!"

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