BielefeldMedikamenten-Irrtum in Bielefelder Klinik endet tödlich

Nachdem der Patient nach einer Überdosis stirbt, müssen sich jetzt zwei Krankenpflegerinnen wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Die Jüngere weist den Tatvorwurf zurück.

Jens Reichenbach

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild © CC0 Pixabay

Bielefeld. Der Schock war riesig, als Ende August bekannt wurde, dass ein im Klinikum Mitte irrtümlich verabreichtes Medikament einen 26-jährigen Patienten getötet haben soll. Sowohl die Angehörigen als auch die Mitarbeiter auf der Station waren fassungslos. Nach langen Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft jetzt zwei der Angestellten der Station wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Das berichtet die ermittelnde Staatsanwältin Claudia Bosse.

Wie die Staatsanwältin mitteilte, lag nach abschließenden Ermittlungen der Behörden im Nachbarbett des später gestorbenen Patienten Mohammad Sliman (26) ein Mann, der nach seiner Opiat-Sucht (etwa Heroin) ersatzweise mit Methadon behandelt wird.

Methadon ist Überlebenshilfe für denen einen, tödlich für den anderen

Um diese Substituierung auch im Krankenhaus fortzusetzen, sollte dieser Bettnachbar an jenem Tag zwei Tabletten à 40 Milligramm „Methaddict" einnehmen - oder vereinfacht Methadon. Was für diesen eine Überlebenshilfe nach der Suchterkrankung bedeutet, war für den 26-jährigen Syrer im Bett nebenan tödlich.

Die Ermittler gehen davon aus, dass es am 30. Juli 2020 gleich zwei Pannen bei der Ausgabe der Medikamente gab: Zunächst soll eine 63-jährige Krankenpflegerin auf der Station die Tablettenbox mit dem Methadon mit dem falschen Patientenaufkleber versehen haben – laut Bosse eine Verwechslung der beiden Namen. Denn Sliman, der nach einer erfolgreichen OP an der Brust, auf dem Weg der Besserung war, sollte an diesem Abend gar keine Medikamente erhalten.

Zweite Kontrolle bei der Ausgabe soll ausgeblieben sein

Später beim Austeilen der Tabletten in der Nachtschicht soll dann eine Pflegestudentin (22) nicht noch einmal kontrolliert haben –so wie es vorgesehen ist –, ob der Name des Patienten zu den verordneten Medikamenten passt. Die junge Frau soll laut Anklage Mohammad Sliman eine für ihn tödliche Dosis des Opioids ausgeteilt haben.

Als es dem 26-Jährigen plötzlich zusehends schlechter ging und der Irrtum dadurch auffiel, wurde Sliman zwar noch in die Neurologie im Johannesstift verlegt. Doch er konnte nicht mehr gerettet werden. Die Rechtsmediziner bestätigten bei der späteren Untersuchung des Toten, dass die Methadon-Überdosis für den Patienten todesursächlich war, sagt Bosse.

Zweifel im Fall der 22-Jährigen Pflegestudentin

Während die 63-Jährige eingeräumt habe, den Fehler möglicherweise begangen zu haben – „sie hat keine konkrete Erinnerung", so Bosse –, bestreitet die junge Frau ihre Mitverantwortung. Ihr Rechtsanwalt Holger Rostek hat die Einstellung des Verfahrens gegen seine Mandantin beantragt: „Die Ermittlungsergebnisse rechtfertigen nicht den Tatvorwurf gegen sie." Ihm zufolge stehe nicht fest, dass sie die Tabletten verabreicht habe.

Sie ist laut Bosse innerhalb der damaligen Schicht aufgrund der Angaben des Bettnachbarn identifiziert worden. Die Beschreibung könnte aber auch auf eine andere junge Angestellte in dieser Schicht passen. Rostek: „Der Zeuge hat meine Mandantin bei einer Lichtbildvorlage nicht wiedererkannt."

Zwei Nachtschwestern waren für 30 Patienten zuständig

Kritik von Mitarbeitern und Patienten, dass Stationen vor allem nachts unterbesetzt und viele Krankenpflegerinnen angesichts der Vielzahl der Aufgaben überlastet seien, wies das Klinikum Bielefeld von sich. „Wir hatten in der besagten Nachtschicht drei examinierte Fachkräfte mit Unterstützung einer Schülerin im Einsatz", sagte damals bereits Klinik-Chef Michael Ackermann.

„In der Nacht waren es dann zwei examinierte Fachkräfte." Bei 30 zu versorgenden Patienten sei die Personallage „absolut in Ordnung" gewesen. Die gesetzliche Personaluntergrenze in der Pflege schreibe eine Pflegekraft auf 20 Patienten in der Nacht vor. Das Klinikum und der Bruder des Toten wollten sich außergerichtlich über Schmerzensgeld und Schadenersatz einigen.

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