Angst, Bettnässen, Suizidgedanken: Wie Corona Kinder krank macht

Während der Coronazeit haben Ängste und Verunsicherungen bei Heranwachsenden zugenommen. Therapeuten und Klinik bestätigen das. Hauptursache der Störungen ist aber nicht das Virus selbst.

Ansgar Mönter

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Bielefeld. Es sind gerade nicht die besten Zeiten für eine unbeschwerte Kindheit. Mehr Kinder und Jugendliche als sonst werden seit der Coronazeit von Ängsten, Sozialphobien, Niedergeschlagenheit, Depression, Suizidgedanken oder anderen psychischen Belastungen geplagt. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bethel sowie frei praktizierende Therapeuten für die Heranwachsenden bestätigen eine Zunahme dieser Probleme.

Kinderpsychiater Michael Siniatchkin. Foto: EvKB - © EvKB
Kinderpsychiater Michael Siniatchkin. Foto: EvKB (© EvKB)

Michael Siniatchkin vom Evangelischen Klinikum Bethel erwartet einen harten Herbst und eine „Zuspitzung der Lage". Der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie registriert seit Beginn der Krise vermehrt Fälle in der Notfallversorgung sowie der stationären Hilfe. „Wir sind komplett ausgebucht", sagt der Mediziner. Über 16 tagesklinische und 27 stationäre Plätze verfügt die Klinik, hinzu kommen derzeit ein bis drei Notfallversorgungen von Minderjährigen mit akuten psychischen Leiden. Bisher, so Siniatchkin, habe die Psychiatrie den Andrang noch gut auffangen können.

Angefangen habe die stärkere Belastung mit den Schulschließungen ab März. „Da haben viele ihren Rhythmus verloren", sagt Renate Munz-Becker, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin mit eigener Praxis in Bielefeld. Plötzlich war die Tagesstruktur weg, manchmal auch die Orientierung, wie es nach der Schule weitergehen soll, weil unter anderem Praktika abgesagt wurden. Das erzeugt Frust und „setzt manchen Kindern und Jugendlichen sehr zu", sagt Munz-Becker.

„Kinder spüren die Unsicherheit der Eltern"

Eine Besserung ist mit dem Beginn des neuen Schuljahrs im August längst nicht bei allen eingetreten. „Jetzt haben es einige sogar besonders schwer", erklärt Siniatchkin. Gerade die schwächeren Schüler stehen mächtig unter Druck. Sie müssen neben dem neuen nun oft noch den verpassten Stoff nachholen. Das überfordert und deprimiert. Hinzu kommen „soziale Phobien", wie er sagt. Mehr Mädchen und Jungen sind schwer verunsichert. Sie wissen nicht, wie sie mit den Abstandsregeln umgehen sollen. Außerdem fehlen vor allem denen, die sonst schon Kontaktschwierigkeiten haben, die zusätzlichen Angebote von Schulen wie Gruppenarbeiten oder Freizeitaktivitäten mit anderen. Ängste und Unsicherheit führen so schneller zu Isolation und Depression.

Auch Antje-Christine Pietsch hat sich auf Kinder und Jugendliche spezialisiert. Um ihnen zu helfen, nutzt die Heilpraktikerin die klassische Homöopathie, die den Anspruch einer ganzheitlich heilenden Medizin hat, vor allem bei chronischen und psychischen Leiden. „Kinder spüren die Unsicherheit der Eltern", sagt Pietsch. Und aktuell sind übermäßig viele Eltern ängstlich, entweder vor dem Virus, vor Arbeitslosigkeit oder vor neuen Einschränkungen der Freiheit. Nervöse Ticks, Zappeligkeit, Bettnässen und Konzentrationsstörungen treten seit der Pandemie und ihren daraus resultierenden Vorsichtsregeln merklich häufiger bei Kindern auf als sonst. Auch subtilere Formen wie unspezifische Bauchschmerzen weisen auf mehr Kummer bei den Mädchen und Jungen hin. „Es trifft Kinder, die vorher schon Probleme hatten, besonders hart", erklärt Pietsch.

Wie Siniatchkin und Munz-Becker diagnostiziert Pietsch einen enormen Druck und eine große Unsicherheit – bei Kindern und Eltern. Allein jetzt, während der Schulzeit, gehe die Sorge um Krankheiten um, egal, welcher Art.

Soziales Leben bricht zusammen

Denn ein krankes Kind kann abermals einen Zusammenbruch des sozialen Lebens bedeuten: Ausschluss aus der Schule für längere Zeit, eventuell Quarantäne für die ganze Familie. Zahlreiche Eltern versuchen in dieser sorgenvollen Lage, alles zu tun, um Krankheiten bei ihren Kindern auszuschließen. Das ist Stress pur – was wiederum krankmachend wirken kann.

Michael Siniatchkin nennt die aktuelle Situation ein „enormes Spannungsfeld", bei dem jederzeit eine Eskalation – wie Schulschließungen – zu befürchten sind. Das erzeuge Unsicherheit und mitunter Perspektivlosigkeit und wäre auch eine Katastrophe für die Kinder- und Jugendgesundheit. Denn Schule spiele eine ganz wichtige Rolle, schaffe Rhythmus, soziale Integration und im besten Fall die richtigen Anforderungen an Körper und Geist der Heranwachsenden. Kurz gesagt: Sie ist ein unersetzliches Element für eine gesunde Psyche und Physis – für Kinder und Eltern.

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