BedrohungsgefühlÄchtung und Stigma: Warum wir bei Corona immer einen Schuldigen brauchen

Die Pandemie ist beängstigend und unkontrollierbar. Das haben wir Menschen gar nicht gern. Experten wissen: Dann kommt der Steinzeitmensch in uns zum Vorschein.

Anneke Quasdorf

Die Schuld wird gern beim anderen gesucht. - © Symbolbild: CC0 Pixabay
Die Schuld wird gern beim anderen gesucht. © Symbolbild: CC0 Pixabay

Superspreader, Maskenverweigerer, Reiserückkehrer - diese Pandemie hat uns eine Menge neuer Wörter beschert oder schon bestehenden eine neue Bedeutung gegeben. Und viele von ihnen spiegeln wider, worum es bei Corona in unserer Gesellschaft oftmals geht: um Schuld. Ums Falschmachen. Um Diskriminierung, Anfeindung, Ächtung und Stigma. Experten überrascht das nicht. Denn sie wissen: Extremsituationen bringen ganz schnell den Steinzeitmenschen ins uns zum Vorschein.

Der Fall Garmisch Partenkirchen ist ein gutes Beispiel. Eine Amerikanerin, die in dem bayerischen Ferienort in einem Hotel arbeitete, kam aus dem Urlaub zurück, erhielt ihr positives Testergebnis mit den Quarantäne-Auflagen - und ging danach hemmungslos feiern, womit sie viele andere ansteckte.

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Zumindest war das die Version, auf die sich alle stürzten, woraufhin die Hexenjagd begann. Politiker bis hoch zu Landeschef Markus Söder verurteilten die Frau, forderten harte Strafen, Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung wurden aufgenommen, die Bild-Zeitung bezeichnete die Frau gar als "potentielle Killerin".

"Menschen brauchen einen Sündenbock"

Im Endeffekt ließ sich kein einziger Corona-Fall nachweislich auf die 26-jährige zurückführen, die zudem keineswegs eine Tour durch Clubs und Bars hinter sich hatte, sondern lediglich in einem Lokal gewesen war. "Aber die Art und Weise, wie hier ein Sündenbock an den Pranger gestellt wurde, ist sehr typisch für uns Menschen, wenn wir uns in Situationen befinden, die unsicher und bedrohlich sind", sagt der Sozialpsychologe Gerd Bohner von der Uni Bielefeld. "Wir brauchen Erklärungen, wir wollen die Lage kontrollieren können und da ist eine Schuldzuweisung ein beliebtes Instrument."

Hinzu kommt: Der Mensch ist extrem gut darin, schnell zu erkennen, wenn andere sich nicht an Regeln halten, das zeigen Studien, in denen Probanden sehr abstrakte Rätsel gestellt wurden, die kaum jemand von ihnen lösen konnte. "Formulierte man die Aufgabenstellung aber um in eine Situation, in denen Menschen bestimmte Voraussetzungen nicht erfüllten oder sich falsch verhielten, kamen die Probanden schnell auf die Lösung", so Bohner. "Und Regelverletzungen können richtige Adrenalinschübe, Aggression, Wut und körperliche Reaktionen bei denen auslösen, die sich daran halten, zum Beispiel im Straßenverkehr oder wenn sich einer an der Kasse vordrängelt."

Situationen, die das hervorrufen, kennen wir alle, es gibt sie derzeit en masse: Jemand lässt im Supermarkt die Nase aus der Maske hängen oder drängelt sich zu dicht an einem vorbei. Jemand erzählt, dass er am Wochenende zu einem Geburtstag gehen will, der drinnen und mit 25 Leuten stattfindet.

Gutes Instrument für die Politik

Doch warum geht in uns dann sofort das rote Lämpchen an? Weil wir tief im Inneren immer noch ticken wie die Jäger und Sammler, die wir einst waren. "Und deren Überleben hing davon ab, zum einen gut für sich zu sorgen und sich zum anderen nicht von anderen schaden zu lassen", so Bohner. "Natürlich hat es seitdem Fortschritt gegeben, technische Entwicklung, die Aufklärung - aber wir merken an einer bedrohlichen Lage wie der gerade eben, dass Zivilisation nicht alles ist."

Unterm Strich möchten wir also gern jemandem die Schuld geben, während wir selbst außerordentlich ungern schuld sind. Und das lässt sich nutzen, weiß der Literatur- und Kulturwissenschaftler Matthias Buschmeier von der Uni Bielefeld. "Schuld ist ein sehr effizientes Instrument, um Menschen zu bewegen - und das wird von der Politik gern genutzt, vor allem für den privaten Raum, auf den Politik eigentlich keinen Zugriff hat."

Sehr schön ist das gerade an der Debatte um private Feiern zu sehen. Buschmeier: "Hier wird an den gesunden Menschenverstand appelliert, die Solidarität beschworen - aber das impliziert auch immer die Botschaft: Ihr seid schuld, wenn Ihr das riskiert, wir haben getan, was wir konnten. Hier werden Schuldgefühle als Normregulativ genutzt, um Leute zu erziehen."

Quarantäne mit Schuld verbunden

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie gut das funktioniert. Denn auch wenn diese Schuld keine juristische ist und somit nicht strafbar, so bleibt doch der moralische Aspekt - der vielleicht sogar schwerer wiegt. "Schuld kann immer auch den Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeuten. Das ist für uns Menschen als soziale Wesen eine echte Bedrohung."

Problematisch wird das in Zeiten einer Pandemie, weil so auch der Zustand der Quarantäne mit einer Semantik der Schuld verbunden ist. Buschmeier: "Das ist dann gleichermaßen die für alle sichtbare Konsequenz eines möglichen Fehlverhaltens. Denn man kann ja auch nur schwer erklären, dass man nichts falsch gemacht hat. Der Vorwurf steht im Raum, selbst, wenn es nicht nur um die Gesundheit, sondern auch um die ökonomische Dimension eines Lockdowns geht."

Gesellschaften haben sich schon immer von Kranken abgewandt

Einer, der schon früh anhand von Fällen in seiner eigenen Familie erkannt hat, wie belastend und groß das Stigma ist, dem vor allem mit Corona Infizierte ausgesetzt sind, ist der Bielefelder Sebastian Stölting. "Gesellschaften haben sich schon immer von ihren Kranken abgewendet und sie oft selbst nach Genesung nicht zurückgelassen in die Mitte." In seinen Augen ist das nicht nur unsolidarisch - sondern auch fatal im Kampf gegen Corona. "Wir können dieser Pandemie doch nur beikommen, wenn wir einen offenen Austausch von Informationen haben - gerade das findet aber oft nicht mehr statt, weil Erkrankte oder Genesene sich verstecken und alles verheimlichen."

Aus diesem Grund hat er sich gemeinsam mit einem Bekannten der "Ex-Corona-Hilfe" angeschlossen, ist ihr Gründer in NRW. Die Initiative baut ein Netzwerk von Covid-19-Gesundeten auf, die jetzt immun sind und sich als Plasma-Spender oder anderweitig engagieren möchten. "Vom Zero zum Hero, das ist die Devise dahinter. Und davon brauchen wir mehr in dieser Zeit."

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