Skandal im Kühlhaus: Rattenfraß an Lebensmitteln – Tönnies ist auch betroffen

Bei einer Routinekontrolle im Juni stoßen die Behörden auf massiven Nagerbefall, auf den es erste Hinweise im Januar gab. Die Nagel-Group versichert, sie habe mit aller Konsequenz gehandelt. Die Frage ist, ob kontaminierte Ware in den Handel gelangt ist. Auch Tönnies ist betroffen.

Nicole Donath

Das Kühlhaus von Nagel Transthermos in Dissen wurde geräumt. - © Florian Gontek
Das Kühlhaus von Nagel Transthermos in Dissen wurde geräumt. (© Florian Gontek)

Dissen/Kreis Gütersloh. Die Lagerbestände im Kühlhaus der Nagel Transthermos GmbH am Westring 8 in Dissen wurden geräumt. Und auch sonst ist vom geschäftigen Treiben auf dem Gelände und im Gebäude nicht mehr viel zu merken: Der LVD Fleisch GmbH Dissen, die in einem Teil des Kühlhauses Fleisch zerlegt und behandelt hat, wurde im Juni durch den Landkreis Osnabrück als zuständige Lebensmittelüberwachungsbehörde die Produktion untersagt.

Wie die Sprecherin des niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), Hiltrud Schrandt, mitteilt, hat der Betrieb die EU-Zulassung am 24. Juni zurückgegeben. Burkhard Riepenhoff, Sprecher des Landkreises Osnabrück, bestätigt derweil die HK-Informationen, dass Rattenbefall der Grund für die Schließung war: „Nach den Erkenntnissen des Veterinärdienstes befanden sich Ratten in erhöhter Anzahl seit Mitte Januar in Bereichen des Kühlhauses." Das Verwaltungsgericht Osnabrück (siehe Infobox) wird in seinen Ausführungen sogar noch detaillierter: Es seien Kotpillen, Laufwege, Fellreste und Anzeichen für Nestbau der Ratten in einem Umfang gefunden worden, der auf eine sehr große Rattenpopulation hindeute. Maßnahmen zu deren Bekämpfung hätten bisher keinen Erfolg gezeigt, die Ratten „bevölkerten" das gesamte Gebäude.

Kot, Fellreste und Nestbau deuten auf sehr große Population

Wie alle EU-zugelassenen Lebensmittelbetriebe sei auch Nagel Transthermos zu systematischen Bekämpfungsmaßnahmen von Schadnagern und dabei vor allem gegen Ratten verpflichtet, fährt Burkhard Riepenhoff dann fort. „Dazu müssen sie Aufzeichnungen führen, ob und in welchem Umfang an Köderstationen Ködermaterial gefressen beziehungsweise Ratten- oder Mäusekot gefunden wurde." In der Regel würden damit externe Unternehmen beauftragt.

In diesem Fall habe das von Nagel Transthermos beauftragte Unternehmen bereits im Januar 2020 in einem dokumentierten Nachweis erste Hinweise von Rattenkot gegeben. „Aber erst im Rahmen einer Routinekontrolle des Lebensmittelbetriebes im Juni wurde der Veterinärdienst auf den Rattenbefall aufmerksam", erklärt Burkhard Riepenhoff. „Damit hatten die Ratten fünf Monate Zeit, in denen sie sich an den Lebensmitteln in Teilen des Kühlhauses zu schaffen machen konnten."

Seit Januar gab es in dem Kühlhaus von Nagel Transthermos in Dissen Hinweise auf massiven Rattenbefall. Jetzt haben sich die Behörden eingeschaltet. Der Standort wird aufgegeben. Symbolfoto: Kurt Ehmke - © Kurt Ehmke
Seit Januar gab es in dem Kühlhaus von Nagel Transthermos in Dissen Hinweise auf massiven Rattenbefall. Jetzt haben sich die Behörden eingeschaltet. Der Standort wird aufgegeben. Symbolfoto: Kurt Ehmke (© Kurt Ehmke)

Die zentrale Frage ist nun, ob von Ratten befallene Ware aus dem Kühlhaus von Nagel Transthermos in den Handel und vor allem zu den Verbrauchern gelangt und welcher Schaden entstanden ist. Eine umfassende Rechercheaufgabe für die Osnabrücker Behörde, denn neben der LVD Fleisch GmbH lagerten hier im Kühlhaus auch Fleisch der Tönnies-Gruppe und Lebensmittel von anderen Firmen. „In diesem größeren Teil des Kühlhauses wurden immerhin keine Hinweise auf einen Rattenbefall festgestellt", sagt Riepenhoff. „Aber Fleisch der Tönnies-Gruppe und anderer Firmen, das in einem mit dem Fleisch der Firma LVD zusammen genutzten Produktionsraum behandelt wurde und in dem Hinweise auf Ratten festgestellt wurden, haben wir sichergestellt."

Um eine Rückverfolgung sicherzustellen – eine zentrale Anforderung des EU-Lebensmittelrechts –, müssten nun alle beteiligten Firmen Nachweise über sämtliche Eingänge von Waren sowie Verkäufe von Waren inklusive der erforderlichen Angaben zur Ermittlung der Lieferanten und Empfänger führen, beschreibt Burkhard Riepenhoff das bevorstehende Prozedere. „Die Nachweise zu den seit Januar belieferten Kunden mit deren Adressen wurden mittlerweile vorgelegt. Zudem mussten die Firmen ihre Kunden über die Probleme mit der Ware informieren." Auch dafür seien entsprechende Nachweise erbracht worden. Parallel dazu prüfe der Landkreis Osnabrück gerade mögliche rechtliche Konsequenzen für die Verantwortlichen.

Mit dem Fall konfrontiert, erklärt ein Sprecher der Nagel-Group: „Wir legen an allen Standorten höchsten Wert auf den Schutz unserer Mitarbeiter und der uns anvertrauten Waren." Hier müsse man sehen, dass es bei dem Tiefkühlhaus in Dissen eine für die Nagel-Group besondere Konstellation gebe, da ein Teil des Gebäudes an einen Fleischzerlegebetrieb untervermietet worden sei. „Nach derzeitigen Erkenntnissen hat der Untermieter in seinen Räumen die gesetzlichen Hygienestandards nicht ausreichend befolgt."

„Eine tatsächliche Kontamination wurde nicht nachgewiesen"

Auf die Frage, ob Nagel nicht dennoch eine Aufsichtspflicht für das Gebäude habe, erklärte der Sprecher: „Vermieter haben keinen Zugang zu den Räumen ihres Untermieters und können daher nur im eigenen Bereich beziehungsweise im Außenbereich kontrollieren. Diese haben wir regelmäßig mit Hilfe von Fachunternehmen und den Behörden durchgeführt. Da es sich bei dem Untermieter um ein Unternehmen der Lebensmittelbranche mit eigener Veterinärnummer handelte, bestand in den vermieteten Räumen eine Eigenkontrollpflicht sowie die Notwendigkeit von behördlichen Kontrollen. Ob und in welchem Umfang dies bei dem Untermieter durchgeführt wurde entzieht sich unserer Kenntnis."

Weiter heißt es: „Der genannte Zeitpunkt Januar resultiert aus einer ersten Feststellung im Rahmen der turnusgemäßen Eigenkontrolle durch unseren vertraglichen Schädlingsbekämpfer, der daraufhin seine Maßnahmen verschärft hat. In den folgenden Wochen gab es keine weiteren Hinweise, bis im April ein deutlicher Nagerbefall nachgewiesen wurde."

Nach dem Bekanntwerden dieses Befalls habe man unmittelbar ein internes Expertenteam zusammengestellt, gemeinsam mit den Behörden und dem Schädlingsbekämpfer umfangreiche Gegenmaßnahmen eingeleitet sowie aktiv die Kunden und die Mitarbeiter des Standortes informiert. „Neben massiv erhöhten Maßnahmen zur Schädlingsabwehr wurde (...) in einem geringen Umfang Ware zur Vernichtung freigegeben, die außerhalb des Tiefkühlbereichs bearbeitet wurde. Hierbei handelte es sich um eine Vorsichtsmaßnahme", wie der Sprecher betont. „Eine tatsächliche Kontamination wurde nicht nachgewiesen. Eingelagerte und vorher nicht bearbeitete Ware im Tiefkühlbereich wurde hingegen intensiv geprüft und behördlich freigegeben. Wir sind in diesem Fall unserer Fürsorgepflicht mit aller Konsequenz und ohne Zeitverzug nachgegangen. Alle behördlichen Anforderungen wurden bereits abgearbeitet." Aufgrund „des Vorfalls" werde die ältere Immobilie in Dissen zukünftig aber nicht mehr von der Nagel-Group genutzt und der Standort aufgegeben. Die eingelagerte Tiefkühlware sei nach individueller Prüfung bereits an andere Standorte der Nagel-Group umgelagert worden.

„Die Ware wurde sichergestellt"

Auch Dr. André Vielstädte, Sprecher der Tönnies-Gruppe, äußert sich auf Anfrage: „Wir haben hier keine feste Zusammenarbeit, sondern haben das Kühlhaus sporadisch in einem geringen Umfang für beispielsweise die Lagerung von Waren in Anspruch genommen." Nach einer ersten Information am 12. Juni 2020 durch den Kreis Gütersloh habe man die im Zugriff befindliche Waren in diesem Zusammenhang gesperrt. Eine Mitteilung über einen Rattenbefall sei Tönnies am 3. Juli 2020 vom Landkreis Osnabrück zugegangen.

„Wir stehen in keinerlei Geschäftsbeziehung zum Unternehmen LVD Fleisch", fährt Dr. Vielstädte dann fort. „Alle Anfragen, die seitens der jeweiligen Behörden an uns herangetragen wurden, sind innerhalb kürzester Zeit, zum Großteil noch am selben Tag, bearbeitet worden. Dazu gehört auch die Ermittlung und Zurverfügungstellung der benötigten Angaben zur Rückverfolgbarkeit der Waren."

Bei den betroffenen Produkten handele es sich um Rohware, nicht um Fertigprodukte, zur weiteren Verarbeitung. „Somit ist vor einer weiteren Verarbeitung durch entsprechende Wareneingangskontrollen und begleitende Prozesskontrollen eine intensive Inaugenscheinnahme sichergestellt."

Auf die Frage, ob Tönnies ausschließen könne, dass von Ratten befallene Ware in den Verkehr gebracht wurde, versichert Dr. Vielstädte: „Die Ware wurde sichergestellt. Die dazugehörigen Informationen sind vollständig an die zuständigen Behörden übergeben worden." Gemäß den Anweisungen der beteiligten Behörden seien alle in den Vorgang Involvierten entsprechend informiert und zum behördlich vorgegebenen Verfahren angewiesen worden. Zur Klärung der weiteren Sachlage stehe man mit den Behörden, aber auch mit dem Unternehmen Nagel im Austausch.

Nicole Donath - © Nicole Donath
Nicole Donath (© Nicole Donath)

Kommentar: Maximal ekelhaft

Massiver Rattenbefall seit über fünf Monaten im Produktionsraum eines Kühlhauses, in dem Fleisch verarbeitet wird. Dazu Fellreste, Anzeichen für Nestbau, Kotpillen – allein bei diesen Vorstellungen dreht sich einem der Magen um. Wenn man den Ausführungen des Landkreises Osnabrück folgt, konnten die Nagetiere in Teilen des Kühlhauses der Nagel Transthermos GmbH auf den Tischen tanzen. Nagel wiederum versichert, man hätte alles getan, um die Umstände, für die sie nichts könnten, zu bekämpfen.

Und während die Behörden erklären, Fleisch von Tönnies sei im selben Raum behandelt worden, in dem auch Fleisch von LVD zerlegt wurde, wiegelt Tönnies ab: Man habe das Kühlhaus nur sporadisch für die Lagerung von Waren benutzt und es gebe keine Verbindung zu LVD. Ganz ehrlich? Das reicht noch nicht. Hier braucht es mehr Aufklärung, denn diese Ratten am Fleisch sind ein Skandal.

Info
Vernichtung im Ausland abgelehnt

Mit zwei Beschlüssen hat die 3. Kammer des Verwaltungsgerichts Osnabrück am Mittwoch die Eilanträge der LVD Fleisch GmbH und einer benachbarten Abnehmerfirma aus Dissen gegen die ihnen gegenüber ausgesprochenen lebensmittelrechtlichen Verfügungen abgelehnt.

Der Landkreis Osnabrück hatte dem fleischverarbeitenden Betrieb unter Anordnung der sofortigen Vollziehung verboten, sämtliches Fleisch, das seit dem 15. Januar 2020 in seinen Betrieb gelangt war, zu verarbeiten und in den Verkehr zu bringen. Außerdem hatte der Landkreis der LVD GmbH aufgegeben, die ab dem genannten Datum in den Räumlichkeiten hergestellten Lebensmittel unschädlich zu machen und als sogenanntes Material der Kategorie 2 (mittleres Risiko) zu vernichten. Das wiederum durfte nicht im Ausland geschehen.

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