Deutschlands erste Wasserstoff-Siedlung soll in Gütersloh entstehen

Ein Unternehmer will das neue Quartier in Avenwedde einzigartig machen. 120 Wohnungen, Kita und das Büro- und Geschäftshaus sollen den Strom- und Wärmebedarf ausschließlich über Wasserstoff decken.

Ludger Osterkamp

Etwa 120 Wohnungen, eine Kita und ein Büro- und Geschäftshaus sollen in Avenwedde entstehen. - © Tassikas
Etwa 120 Wohnungen, eine Kita und ein Büro- und Geschäftshaus sollen in Avenwedde entstehen. (© Tassikas)

Gütersloh. In Avenwedde will ein Bauunternehmer eigenen Angaben zufolge Deutschlands erste Wasserstoff-Siedlung bauen. Das neue Quartier an der Avenwedder Straße werde komplett klimaneutral sein, sagt Dimitrios Tassikas, Inhaber einer örtlichen Bau- und Sanitärfirma. Das Vorhaben passe perfekt in die aktuellen Bestrebungen von Bund und Europäischer Union, die Wasserstoff-Technologie voranzutreiben.

Tassikas (44) spricht von einem „energetischen Leuchtturmprojekt". Das geplante Quartier, bestehend aus circa 120 Wohnungen, einer Kita und einem Büro- und Geschäftshaus, werde seinen Strom- und Wärmebedarf ausschließlich über grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien decken.

Er rechnet mit einer Dauer von von bis sieben Jahren

Eine erste Projektskizze sei vom Bundeswirtschaftsministerium, zuständig für Förderprogramme, positiv aufgenommen worden. Den Plänen zufolge wird das Quartier in Avenwedde-Mitte auf einem 3,2 Hektar großen Baufeld zwischen dem Autohaus Bettenworth und der Volksbank-Filiale Platz finden. Das Verfahren für die Änderung des Bebauungsplanes (Nr. 308, „Quartiersbebauung Avenwedder Straße") ist in Arbeit und stieß bislang auf breite politische Zustimmung; voraussichtlich im Herbst setzt die Stadt eine Bürgerversammlung dazu an.

Der 44-jährige Dimitrios Tassikas, Unternehmer und Inhaber einer örtlichen Bau- und Sanitärfirma, hat große Pläne für Avenwedde. - © Ludger Osterkamp
Der 44-jährige Dimitrios Tassikas, Unternehmer und Inhaber einer örtlichen Bau- und Sanitärfirma, hat große Pläne für Avenwedde. (© Ludger Osterkamp)

Tassikas rechnet für die Gesamtentwicklung des Quartiers mit einer Dauer von fünf bis sieben Jahren. Mit seiner Firma, der Tassikas Immobilien GmbH & Co. KG, werde er bis zu 40 Millionen Euro investieren; hinzu kämen 12,3 Millionen Euro Mehrkosten für das Wasserstoffprojekt.

Tassikas hofft auf Sonderfördermittel

Tassikas hofft auf Sonderfördermittel des Bundes – bis zu 80 Prozent seien in Aussicht gestellt. Abwegig ist diese Hoffnung nicht: Bund und EU schreiben dem grünen Wasserstoff eine Schlüsselrolle auf dem Weg zu klimafreundlicherem Wirtschaften zu. Vor einem Monat erst hat die Bundesregierung eine „Nationale Wasserstoffstrategie" beschlossen: Das Programm sieht Zuschüsse, rechtliche Erleichterungen und konkrete Produktionsziele vor.

Mit sieben Milliarden Euro Förderung will der Bund erreichen, dass sich Wasserstoff am Markt durchsetzt, weitere zwei Milliarden plant er für internationale Partnerschaften (etwa Nordafrika) ein. Auch Ralph Brinkhaus, Gütersloher Abgeordneter und CDU-Fraktionschef im Bundestag, findet Wasserstoff gut. Als er für seine Fraktion im Juni das „Aufbruchspaket gegen Corona" vorstellte, zählte er zu jenen Innovationen, die gefördert werden sollen, die Wasserstofftechnologie.

Grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien

Für das Avenwedder Quartier setzt Investor Tassikas ausschließlich auf grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien. Mehrere Windräder und Photovoltaik sollen den Strom erzeugen, den er für die Elektrolyse braucht – jener Prozess, bei dem sich Wasser in Wasserstoff (H2) und Sauerstoff (O2) aufspaltet. Die Photovoltaik will er aufgeständert auf die Flachdächer seiner Neubauten und daneben auf Freiflächen packen; dort, außerhalb der Siedlung, will er auch die drei Windräder platzieren.

Um Abstandsvorschriften einzuhalten, sollen die Windräder kleiner als die mächtigen, derzeit üblichen Anlagen ausfallen; auf diese Weise seien sie eher genehmigungsfähig. An der Verfügbarkeit von Flächen ist jedenfalls kein Mangel: Tassikas hat auf den Hof Hauertmann (in alten Schriften unter „Avenwedde 4" geführt) eingeheiratet, er nennt mehrere Ländereien sein eigen.

"Dann geht die Rechnung nicht mehr auf"

Klar ist: Um verlässlich und ganzjährig genug Strom für die Elektrolyse zu haben, braucht Tassikas beides, Photovoltaik und Wind. „Fällt eines davon raus, geht die Rechnung nicht mehr auf", sagt er. Das Ingenieurbüro Ben-Tec aus Rheine, das sich um die technischen Details kümmert, plant mit einem Tank, der in der Lage ist, täglich 360 Kilo Wasserstoff zu sammeln – aus diesem Tank (möglicherweise auch mehrere kleine Tanks) fließt die Energie in die Brennstoffzellen in den Kellern der Gebäude.

Für das Büro- und Geschäftshaus und für die Kita hat Ben-Tec-Chef Sebastian Niehoff errechnet, dass sie jeweils vier Brennstoffzellen brauchen; für die zehn Wohnblock reiche jeweils eine.

Sehr ambitioniertes Ziel

Die Energie des Wasserstoffgases wird in den Brennstoffzellen zu Strom und Wärme umgewandelt – der Wirkungsgrad dieser Zellen schwankt aktuell um die 90 Prozent. Theoretisch, so Niehoff, lässt sich dem Wasserstoff auch Stadtgas beimischen, in Großbritannien etwa ist das durchaus verbreitet – in Avenwedde aber wolle man das vermeiden.

Ohne fossile Energieträger auszukommen: In einem Maßstab wie in Gütersloh ist das tatsächlich sehr ambitioniert. Im schwedischen Vargarda bei Göteborg hat ein Energie-Unternehmen nun den ersten von sechs Wohnblöcken ans Netz gebracht – 30 von 172 Wohnungen beziehen ihren Strom und ihre Wärme seither vollständig über Solarmodule auf dem Dach, mit Wasserstoff als Speichermedium. Auch im schwäbischen Esslingen entsteht ein Wohnquartier, das weitgehend, aber nicht komplett über grünen Wasserstoff versorgt wird.

"Ich will hier in Gütersloh etwas Einzigartiges schaffen"

Tassikas sagt über sich, er denke gerne groß. „Ich will hier in Gütersloh etwas Einzigartiges schaffen!" Für die wissenschaftliche Begleitung des Projektes möchte er Fachleute von der Uni Münster gewinnen – das Planungskonzept habe er ihnen bereits vorgestellt.

Im Gespräch sei er ferner mit renommierten Kesselherstellern – die Firmen hätten großes Interesse daran, Erfahrungen im Zukunftsmarkt Wasserstoff und im Entwickeln von Brennstoffzellenheizungen zu sammeln. Die Signale der Genehmigungsbehörden – die Bezirksregierung für den Immissionsschutz, die Stadt für das Baurecht – werte er ebenfalls positiv.

Irgendwann soll mal ein Wasserstoffbus der Stadtwerke dort parken

„Grüner Wasserstoff ist das Erdöl von morgen", hat der Unternehmer seine Projektstudie für das „H2-Revier Gütersloh" betitelt. Davon sei er schon seit 1992 überzeugt, als er auf der ISH in Frankfurt (weltweit führende Messe für Wasser, Wärme, Klima) einen Mercedes der Baureihe W 202 mit einem Wasserstoffmotor unter der Haube entdeckte.

„Das hat mich fasziniert." In Avenwedde plant er das Quartier mit einer Energie-Überproduktion von 180 Prozent – zum einen für die absolute Versorgungssicherheit der Anwohner, zum anderen für den Betrieb einer Tankstelle; auch dafür hofft er auf (reichlich fließende) Fördermittel des Bundes. „Ich würde mich zum Beispiel freuen, wenn dort irgendwann mal ein Wasserstoffbus unserer Stadtwerke tankt."

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