Altenpflege in der Coronakrise: Alte Probleme spitzen sich dramatisch zu

Durch die Coronakrise steuert das Pflegesystem laut einer Studie einem Zusammenbruch entgegen.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Die Situation in Pflegeheimen wird durch die Corona-Krise verschlechtert. - © CC0 Pixabay
Die Situation in Pflegeheimen wird durch die Corona-Krise verschlechtert. (© CC0 Pixabay)

Bielefeld/Köln. Pflegebedürftige Menschen sind aufgrund ihres oftmals hohen Alters und den damit einhergehenden Mehrfacherkrankungen die Gruppe, die am stärksten durch das Coronavirus gefährdet ist. Ausbrüche in Pflegeheimen sind besonders gefährlich: Jeder dritte Corona-Tote in Deutschland lebte in einer Betreuungseinrichtung. Zudem steigt die Zahl infizierter Pflegekräfte. Gleichzeitig spitzen sich die bekannten Probleme Kostendruck, Fachkräftemangel und Unterbesetzung in der Altenpflege durch die Krise weiter zu. Wissenschaftler der Universitäten Bielefeld und Köln warnen deshalb vor einer Gefährdung der Pflegebedürftigen.

Eine Studie der Wissenschaftler Kira Isabel Hower, Timo-Kolja Pförtner und Holger Pfaff vom Institut für Versorgungsforschung und Rehabilitationsforschung der Universität Köln bestätigt, dass die Belastungen in der Altenpflege durch die Coronakrise stark zugenommen haben. Die Untersuchung zeigt auch, „dass sich das pflegerische Versorgungssystem in Deutschland bereits vor dem Ausbruch der Pandemie an der Belastungsgrenze befand".

Mangelnde gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung

Die Ergebnisse der Studie beruhen auf den Angaben von 525 Leitungskräften aus ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen und deuten nach Angaben der Wissenschaftler daraufhin, dass es sich aktuell nicht nur um eine Fortsetzung des „normalen Wahnsinns" in der Altenpflege handelt, sondern das System durch die Zusatzbelastung einem Systemkollaps entgegensteuert. Hinzu kommen mangelnde gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung. Anstelle von einer als kurzzeitig wahrgenommen Anerkennung in Form von Applaus, wünschen sich die Befragten eine langfristig wirkende leistungsgerechte Vergütung und eine reelle Refinanzierung von Aufwendungen.

Die Bielefelder Pflegewissenschaftlerin Kerstin Hämel ergänzt: „Diese Missstände erschweren es Pflegekräften, sich den Pflegebedürftigen individuell zuzuwenden und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. In der Coronakrise sind vielmehr isolierte und überlastete Pflegesituationen zu befürchten, die begünstigen, dass Menschen mit Pflegebedarf vernachlässigt werden." Die Sorge um das Wohlbefinden der Pflegebedürftigen und Mitarbeiter zählt laut der Studie zu den größten Belastungen in der Altenpflege, erklären Hower, Pförtner und Pfaff.

Corona-Todesfälle: 3.222 Bewohner und 48 Pflegekräfte

Negativen Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden der Pflegebedürftigen sind nach den Angaben der Befragten bereits sichtbar.

Dass diese Sorgen berechtigt sind, zeigt der aktuelle Lagebericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) von Freitag (29.05.), wonach von 16.323 mit dem Coronavirus infizierten Bewohner in Betreuungseinrichtungen bereits 3.222 verstorben sind. Zudem zählt das RKI 9.218 infizierte Mitarbeiter, darunter 48 Verstorbene.

Drei Viertel der Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut

Hämel kritisiert zudem, dass sich die Diskussion über die Missstände in der Altenpflege vor allem auf Pflegeheime konzentriert, obwohl drei Viertel der Pflegebedürftigem in Deutschland zu Hause betreut wird. „Nötig sind auch Strategien der Politik für Menschen, die in ihrem Zuhause leben und gepflegt werden. Wie steht es um ihre Gesundheit? Wie können sie in den nächsten Monaten ihre sozialen Kontakte pflegen, welche Unterstützungsangebote nutzen?", fragt Hämel. „Doch schon vor der Krise fehlte es in der häuslichen Pflege in vielen Regionen Deutschlands an breit gefächerten Unterstützungsangeboten."

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