Wie Fleischkonsum Epidemien begünstigt

Um die Wahrscheinlichkeit künftiger Ausbrüche zu verringern, müssen die Produktion und der Konsum von Fleisch nach der Pandemie drastisch reduziert werden, fordert der Bielefelder Epidemiologe Oliver Razum.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Bielefeld. Das Coronavirus Sars-CoV-2 breitet sich weltweit aus. Die Zahl der Krankheits- und Todesfälle steigt rasant. Seit Mitte März handelt es sich nach Bewertung der Weltgesundheitsorganisation um eine Pandemie, also eine weltweite Epidemie. Covid-19 ist wie viele andere Viruserkrankungen eine Zoonose, also eine Erkrankung, bei der ein Erreger vom Tier auf den Menschen überspringt. „Eine wichtige Konsequenz für die Zeit nach dieser Epidemie ist daher, Fleischproduktion und Fleischkonsum drastisch zu reduzieren", fordert der Bielefelder Epidemiologe Oliver Razum.

„Um die Wahrscheinlichkeit künftiger Epidemien zu verringern, müssen wir grundsätzlich über unsere Lebensweise nachdenken", fordert Razum, Leiter der Arbeitsgruppe „Epidemiologie und International Public Health" der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. „Epidemien werden durch den weltweit steigenden Fleischkonsum, die steigende Zahl der Tiere in der Massentierhaltung und die Tierzucht begünstigt, die nicht auf genetische Vielfalt, sondern auf möglichst leistungsstarke Tiere abzielt."

„Ansteckung erfolgt über den Kontakt zwischen Tieren und Menschen"

Oliver Razum, Leiter der Arbeitsgruppe „Epidemiologieund International Public Health" der Fakultät fürGesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. 
- © Universität Bielefeld

Oliver Razum, Leiter der Arbeitsgruppe „Epidemiologieund International Public Health" der Fakultät fürGesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld.

(© Universität Bielefeld)

Die durch das Coronavirus hervorgerufene Lungenkrankheit Covid-19 ist eine Zoonose. Dazu zählen auch andere gefährliche Erkrankungen wie Ebola, Tollwut, Sars oder Mers. „Die Ansteckung erfolgt über den Kontakt zwischen Tieren und Menschen beim Schlachten oder in der Massentierhaltung", erklärt Razum.

Wie das neue Coronavirus auf den Menschen übergesprungen ist, ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. „Aktuell wird vermutet, dass das Virus auf einem Wildtiermarkt in der chinesischen Stadt Wuhan erstmals auf den Menschen übergesprungen ist", erklärt Razum. „Viren können sich schnell und leicht verändern und so von Tier zu Tier aber auch auf den Menschen überspringen. Einfach haben es Viren in der Massentierhaltung, weil sich die Nutztiere genetisch sehr ähnlich sind und Viren so leicht von Tier zu Tier überspringen können."

Mit Blick auf das neue Coronavirus gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass Fledermäuse die ersten Wirte des Virus waren. „Es gibt Tiere, wie Fledermäuse oder Flughunde, die Viren in sich tragen, aber selbst nicht unbedingt erkranken und diese so ungehindert weiter geben", erklärt Razum.

„Die Grippe wird zwar nicht mehr als bedrohlich angesehen, doch das ist sie"

Bei der Ausbreitung der Erkrankungen Sars oder Mers vermuten Wissenschaftler, dass das Schlachten von Schleichkatzen und der Kontakt zu Dromedaren dazu geführt haben, dass die Viren auf den Menschen übergesprungen sind. „Bei jedem Übergang, ob von Tier zu Tier oder auf den Menschen, kann sich das Virus verändern", erklärt Razum.

Deshalb entstehen beispielsweise auch jedes Jahr neue Grippeviren. „Dank wissenschaftlicher Studien schaffen es Impfstoff-Hersteller in der Regel, einen passenden Impfstoff zu entwickeln. Das bedeutet aber nicht, dass das auch weiterhin jedes Jahr gelingt." Nach Angaben von Razum, ist nicht fraglich ob, sondern wann die nächste Grippe-Pandemie die Welt erfasst. „Die Grippe wird zwar nicht mehr als bedrohlich angesehen, doch das ist sie. Jedes Jahr sterben weltweit nahezu unbemerkt geschätzt 300.000 bis 600.000 Menschen an der Grippe."

Weniger Fleischkonsum bedeutet weniger Abholzung und Monokultur

Wichtig ist nach Angaben von Razum, dass künftig weniger Fleisch gegessen wird, aber vor allem, dass die Zahl der Tiere in der Massentierhaltung drastisch reduziert und die Art der Haltung angepasst werden. „Das hätte auch positive Auswirkungen auf den Klimawandel. Die Folgen von Massentierhaltung sind unter anderem Monokulturen und Abholzung. Die wiederum steigende Temperaturen zur Folge haben, die die Ausbreitung von Krankheiten begünstigen."

Entscheidend ist laut Razum, dass global gehandelt wird. „Als Europäer dürfen wir nicht den Fehler machen und unseren Blick nur nach Asien oder Afrika richten. Wenn durch EU-Subventionen Fangflotten ermöglicht wird, das Meer vor Westafrika leer zu fischen, ist die Konsequenz, dass sich die Menschen dort anders ernähren müssen. Manchen Familie bleibt dann nichts anderes übrig, als Buschfleisch zu essen und damit das Risiko einzugehen, dass ein Virus vom Tier auf den Menschen überspringt."

"Staaten sollten besser zusammenarbeiten"

Razum mahnt in der aktuellen Krise aber auch dazu, positive Entwicklungen hervorzuheben. „Noch nie ist in so kurzer Zeit so viel solides Wissen zu einer neuen Krankheit produziert worden. Dank Wissenschaft und globaler Vernetzung kennen wir den Erreger, haben Tests, wissen um den Ausbreitungsmodus und wie man die Ausbreitung bremsen kann."

In der Politik funktioniert die internationale Zusammenarbeit laut Razum leider noch nicht so gut. „Der Bundesregierung bleibt aktuell keine andere Möglichkeit, als Schritt für Schritt vorzugehen. Aber international sollten die Nationalstaaten besser zusammen arbeiten, denn die Länder reagieren unterschiedlich auf das Coronavirus und könnten von einem verbesserten Austausch profitieren."

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