Brauerei-Besitzer plant Hobbit-Höhle

Derzeit sind in der Rotingdorfer Brauerei Besichtigungen nicht möglich. Damit fehlt eine wichtige Einnahmequelle. Doch Inhaber Michael Zerbst hat schon neue Ideen.

Heiko Kaiser

Michael Zerbst heizt ein. In der Rotingdorfer Brauerei wird der Braukessel mit Buchenholz befeuert. Das Wasser für den Brauprozess gewinnt Zerbst aus dem eigenen Brunnen. - © Heiko Kaiser
Michael Zerbst heizt ein. In der Rotingdorfer Brauerei wird der Braukessel mit Buchenholz befeuert. Das Wasser für den Brauprozess gewinnt Zerbst aus dem eigenen Brunnen. (© Heiko Kaiser)

Werther-Rotingdorf. Manchmal erfahren selbstverständliche Dinge erst dann die gebührende Wertschätzung, wenn sie plötzlich fehlen. „In der Corona-Zeit habe ich gemerkt, wie gerne ich Gäste habe", sagt Michael Zerbst. Und das hat keineswegs nur finanzielle Gründe. Denn der Brauereibesitzer verdient mit der Bewirtung nicht nur seinen Lebensunterhalt. Die Menschen, die zu ihm kommen, unterhalten auch sein Leben.

Der 58-Jährige ist voll von Geschichten, Anekdoten und Erlebnissen, die er teilen möchte. Bei der Führung durch die Brauerei, beim Glas Bier vor dem prasselnden Garfeuer des offenen Backofens oder an der Spanferkel bestückten Grillstange.

Abschleppwagen holt die Gäste ab

Das Logo der Rotingdorfer Brauerei. - © Heiko Kaiser
Das Logo der Rotingdorfer Brauerei. (© Heiko Kaiser)

Geschichten über seine Erlebnisse mit der Wohngemeinschaft, in der seit 1992 Alt und Jung auf dem Hof zusammenleben. Geschichten von Gästen, die in der Brauerei ausgiebig feierten und schließlich, fahruntüchtig, von einem Abschleppwagen samt Auto abgeholt wurden. Geschichten über Tabakanbau, Trüffelzucht, eigene Whiskey- und Rumdestillation, vom Schinken im Räucherofen.

Michael Zerbst hat viel erlebt und zu erzählen. Auch deshalb kommen die Gäste in die kleine Rotingdorfer Brauerei, in der jedes Jahr etwa 25.000 Liter Bier entstehen. „Das Kerngeschäft ist hier", sagt Zerbst. Hier, das ist die Brauerei, wo vor Corona jeden Donnerstag ein Kneipenabend stattfand, die Freitage und Samstage mit Besichtigungen samt Essen und Trinken gefüllt waren. Im Schnitt kamen 40 Besucher.

„Monatelang fand dann so gut wie nichts statt.", sagt Zerbst. Erst seit etwa sechs Wochen füllen sich von Donnerstag bis Samstag die Bänke wieder mit Gästen. Kompensieren kann das den Ausfall nicht, den der 58-Jährige auf etwa 60 Prozent beziffert.

Gebraut wird dennoch weiterhin. Auch an diesem Tag. Gerade wird die sogenannte Bierwürze im Braukessel zum Kochen gebracht gebracht. Immer wieder kontrolliert Zerbst, ob die 100 Grad-Grenze bereits erreicht ist. Das ist der richtige Zeitpunkt, den Hopfen hinzuzugeben. Noch hat er ein paar Minuten und berichtet von neuen Plänen.

„Ein kleines Würstchen rettet die Welt"

Den Messingknauf zur Hobbithöhle gibt es schon. - © Heiko Kaiser
Den Messingknauf zur Hobbithöhle gibt es schon. (© Heiko Kaiser)

„Ich baue mir eine Hobbit-Höhle", sagt er. Die Eichenbalken für typisch kreisrunde hölzerne Eingangstür lagern bereits auf dem Hof. 20 Quadratmeter groß soll die Wohnung in dem Erdhügel werden. Nachempfunden den Hobbit-Häusern aus Tolkiens Trilogie „Herr der Ringe".

Michael Zerbst ist es ernst mit dieser Idee. Sie war Antwort auf seine Frage: „Was mache ich mit dem Rest meines Lebens?" Aber warum ausgerechnet eine Hobbit-Höhle? Zerbst wird philosophisch. „Die Hobbits leben für sich. Sie wollen eigentlich nichts mit der Welt zu tun haben und die Welt nichts mit ihnen. Doch als die Welt in Gefahr geriet, haben die Hobbits sie gerettet." Dieser Gedanke reizt den 58-Jährigen offenbar: „Ein kleines Würstchen rettet die Welt", sagt er. Das ist möglicherweise auch der rote Faden, an dem sein Leben verläuft: kleine Wohneinheiten, dezentral, wo alte Menschen nicht das Gefühl haben, abgeschoben zu werden. Eine kleine Brauerei, die nicht die große Welt versorgt, sondern Gäste aus der nahen Umgebung zusammenkommen lässt. Eine Hobbit-Höhle. Im Kleinen liegt die Kraft.

Das eigene Glas muss man sich erarbeiten. Durch regelmäßige Besuche in der Brauerei erhalten die Gäste ein Stammglas. - © Heiko Kaiser
Das eigene Glas muss man sich erarbeiten. Durch regelmäßige Besuche in der Brauerei erhalten die Gäste ein Stammglas. (© Heiko Kaiser)

„Hier", sagt Michael Zerbst, und greift an einen metallenen Knauf, der unterhalb der Klinke an der Tür zur Schankstube montiert ist. „Der Messingknauf für die Hobbit-Höhle ist schon da." Noch ist er ohne Funktion. Bald aber wird er die schwere Eichentür aufziehen. Dahinter eröffnet sich eine Welt. Klein, gemütlich, ein Ort für Geschichten eben.

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