In Quarantäne wegen Tönnies: Bei dieser Familie herrscht nur noch Frust

Drei Mal im Monat arbeitete Monika Harbert-Hallerdei auf dem Tönnies-Gelände. Nun steckt sie mit ihrer Familie seit 14 Tagen in Quarantäne. Dass es jetzt noch länger dauern könnte, macht alle im Haus wütend.

Marc Uthmann

Hans-Dieter Harbert und Monika Harbert-Hallerdei stehen in ihrer Tür. Weiter dürfen sie immer noch nicht. - © Marc Uthmann
Hans-Dieter Harbert und Monika Harbert-Hallerdei stehen in ihrer Tür. Weiter dürfen sie immer noch nicht. (© Marc Uthmann)

Versmold. Es war der 13. Juni, der die Familie nun schon seit Tagen an ihr Haus fesselt. Dabei ging Monika Harbert-Hallerdei an diesem Tag nur ganz regulär ihrem Job nach. Sie arbeitet für das Dienstleistungsunternehmen Sitex aus Minden, das sich beim Schlachtriesen um den Wäscheservice kümmert. „Ich wurde auch schon bei Schulte in Dissen oder bei Westcrown eingesetzt.“ Beim Einräumen der Arbeitskleidung habe sie keinen Kontakt zur Produktion gehabt, berichtet die 58-Jährige.

Spuk sollte doch am Freitagmorgen vorbei sein

Doch galten die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus nun einmal für alle Beschäftigten, die in einem gewissen Zeitraum auf dem Tönnies-Betriebsgelände unterwegs waren. So wurde auch Monika Harbert-Hallerdei aufgefordert, sich am 19. Juni in Rheda-Wiedenbrück testen zu lassen, und musste anschließend mit ihrer Familie in Quarantäne. Wie insgesamt gut 20 Haushalte mit 65 Personen in Versmold. Die Familie ging fest davon aus, dass der Spuk am 2. Juli, 24 Uhr, mit Ende der Verfügung des Landes NRW vorbei sein würde. Zumal sowohl die Versmolderin als auch ihr Mann Hans-Dieter und die beiden mit im Haus lebenden Söhne (20 und 23) mehrfach negativ getestet wurden.

Doch stattdessen verlängerte das Land NRW seine Verfügung zum Umgang mit Menschen aus dem Tönnies-Umfeld bis zum 17. Juli. Wer seine 14 Tage „abgesessen“ hat, durfte am Freitag nicht automatisch wieder raus. Denn mit Blick auf die Inkubationszeit des Corona-Virus könnte eine Infektion auch erst 14 Tage nach dem möglichen Ansteckungstag ausbrechen. Heißt im Klartext: Wer in Quarantäne steckt, braucht zum Abschluss noch einen negativen Test, und zwar frühestens am 14. Tag.

Monika Harbert-Hallerdei und ihre Männer müssen also weiter warten. Und das, obwohl eines der 40 mobilen Teams des Kreises am Freitagmorgen bei ihnen war und Abstriche genommen hat – für die 58-Jährige war es mittlerweile der dritte. Doch die Tests müssen zunächst ausgewertet und dem Gesundheitsamt übermittelt werden. Sind sie negativ, kann die Behörde die Quarantäne aufheben und das an die Familie kommunizieren. All das dürfte noch ein paar Tage dauern – und damit weitere zeit zu Hause für die vierköpfige Familie.

"Wir werden weiter eingesperrt"

„Wir haben einen großen Garten, unsere Nichte kauft für uns ein, jemand geht mit dem Hund Gassi – das ist schon in Ordnung“, sagt Hans-Dieter Harbert. Doch ihn ärgert etwas ganz anderes: „Ein paar Kilometer weiter im Osnabrücker Land dürfen die Leute mit Tönnies-Bezug schon längst wieder raus. Und wir werden weiter eingesperrt und als Menschen aus dem Kreis Gütersloh auch noch geächtet. Das ist eine große Ungerechtigkeit, und wir leiden da-runter.“ Das Virus mache an der Kreisgrenze doch nicht Halt, schimpft der 56-jährige Kraftfahrer.

Er arbeite in Niedersachsen – und sein Chef könne kaum glauben, dass er immer noch zu Hause bleiben müsse, sagt Harbert. „Wir sind nur ein kleiner Betrieb, da fällt das schon ins Gewicht. Und so wird es vielen anderen Unternehmen doch auch gehen. Hier werden sehr viele wichtige Arbeitstage vergeudet.“ Beim 20-jährigen Sohn, der noch in der Lehre stecke, habe der Chef mittlerweile nach einem Quarantänebericht gefragt – „den gibt es aber erst am Ende“, sagt Monika Harbert-Hallerdei und lächelt gequält.

So langsam fällt dem Quartett trotz des großzügigen Heims auch die Decke auf den Kopf: „Selber einkaufen gehen oder im Versmolder Bruch mal schauen, was die Störche so machen – das wäre schon wieder schön“, sagt Hans-Dieter Harbert. Seine Frau bangt derweil vor weiteren Wochen im heimischen Exil: „Einer aus dem mobilen Team hat mir gesagt, ich bräuchte fünf negative Tests, bis ich wieder raus dürfte. Ja, wie lange soll das denn dauern?“

Doch immerhin das trifft nach Recherchen des Haller Kreisblattes nicht zu – Familie Harbert-Hallerdei darf auf baldige „Freilassung“ hoffen. So sieht es auch Thomas Tappe, Chef des Versmolder Ordnungsamtes. Den Ärger der Menschen kann er dennoch verstehen: „Wir setzen hier die Landesverfügungen um. Aber ich kann den Menschen eben auch nicht sagen, wann ihre Quarantäne endet. Und das sorgt für den Frust.“

„Die Menschen müssen sich das unverschuldet gefallen lassen“

Es sei nun mal ein Massenverfahren, bei dem keine Kommune eine Sonderrolle spielen dürfe. „Die Menschen, die unverschuldet in diese Situation geraten sind, müssen sich das jetzt gefallen lassen, um die Gefahr für andere zu reduzieren“, sagt Tappe und weiß zugleich, wie komisch sich das manchmal anfühlt. Vor allem, weil positiv Getestete zum Teil früher aus der Quarantäne kommen als Nichtinfizierte.

Doch angesichts der hohen Dunkelziffer und der langen Zeit bis zu einer möglichen Ansteckung sei das aktuelle Vorgehen eben das sicherste. „Wir fahren täglich alle Menschen in Quarantäne ab und erkundigen uns nach Gesundheit und der Versorgung. Auch die Verlängerung der Verfügung haben wir jedem erklärt“, berichtet Tappe. „Den Frust beseitigt das aber nicht.“

Das wird erst das Ende der Quarantäne können – wann immer es auch an die Tür klopft.

Kreis ändert Teststrategie

Als Reaktion auf den geballten Frust passt das Gesundheitsamt sein Vorgehen an. Die 40 mobilen Teams besuchten ab Freitag zunächst die Wohnungen der Tönnies-Beschäftigten, in denen ausschließlich negativ getestete Personen leben. Die Teams werden voraussichtlich am Samstagabend diese Testreihe abschließen. Ab Sonntag folgen dann Haushalte, die bisher noch nicht im Blick waren: Es gibt Adressen, unter denen Tönnies-Beschäftigte wohnen, die noch von keinem mobilen Team aufgesucht worden sind, da die Adressen bisher nicht vorlagen. Wer bei Tönnies oder einem seiner Subunternehmer beschäftigt ist oder mit einer solchen Person in einem Haushalt lebt und bis Sonntagabend keinen Besuch durch ein mobiles Team hatte, soll eine E-Mail schreiben an test-me@kreis-guetersloh.de.

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