Blick in die umgebaute Brennerei Schlichte

Über 50 Besucher beim Tag des offenen Denkmals

SVEN HAUHART

Schlicht und schick: Eines der sanierten Turmzimmer soll in Zukunft für Koch-Veranstaltungen genutzt werden. Die Besucher nutzten am Wochenende den Tag des offenen Denkmals, um sich hinter der Kulisse der historischen Brennerei einmal in Ruhe umzuschauen. - © Foto: Sven Hauhart
Schlicht und schick: Eines der sanierten Turmzimmer soll in Zukunft für Koch-Veranstaltungen genutzt werden. Die Besucher nutzten am Wochenende den Tag des offenen Denkmals, um sich hinter der Kulisse der historischen Brennerei einmal in Ruhe umzuschauen. (© Foto: Sven Hauhart)

Steinhagen. Für einige war der Treppengang in den nördlichen Turm der alten Schlichte-Brennerei ein Ausflug in die eigene Berufsvergangenheit. Lebhaft erinnerten sie sich an das mühevolle Hinaufschleppen von Aktenordnern. Für alle anderen der über 50 Teilnehmer am Tag des offenen Denkmals war es ein faszinierender Einblick in eine längst vergangene Industrieepoche.

Geballtes Fachwissen: Nils Twelmeier vom gleichnamigen Bauunternehmen, erzählte Wissenswertes über die Sanierung der ehemaligen Brennerei Schlichte. - © Foto: Sven Hauhart
Geballtes Fachwissen: Nils Twelmeier vom gleichnamigen Bauunternehmen, erzählte Wissenswertes über die Sanierung der ehemaligen Brennerei Schlichte. (© Foto: Sven Hauhart)

»Zwicken, zwacken dich die Nieren, musst du sie mit Schlichte schmieren.« So jedenfalls lautet der Rat des adretten Mannes mit Fliege und Arztkittel, der den Betrachter von einem Reklameplakat aus vertrauensvoll anlächelt.

Diese Werbung aus dem Jahr 1929 würde dem heutigen Wettbewerbsgesetz sicherlich nicht mehr standhalten. Als Relikt einer Epoche, in der das Brennereiwesen in Steinhagen seine Blüte erlebte und das Schnapsdorf geboren wurde, passt sie aber perfekt in das kleine Lädchen der immer noch aktiven Brennerei im Gebäudekomplex der ehemaligen Firma König-Schlichte. Seit 1986 steht dieser aufgrund seiner beiden Türme charakteristische Bau unter Denkmalschutz.

Da der europaweite Tag des offenen Denkmals in diesem Jahr unter dem Motto »Handwerk, Technik, Industrie« stand, hatte die Gemeinde Steinhagen zu seiner Besichtigung eingeladen. Neben der Brennerei öffneten das mittlerweile dort ansässige Physiotherapiezentrum Bußmeyer und die Tischlerei Habitus ihre Pforten.

Balanceakt zwischen Denkmal- und Brandschutz

Dass der Gebäudekomplex aktiv genutzt wird und nicht als Industrieruine dem Verfall preisgegeben wurde, ist dem Engagement der Baufirma Twelmeier zu verdanken, die das Gebäude gekauft hat. Geschäftsführer Nils Twelmeier gab einen Einblick in die Hürden, die bei der Sanierung zu bewältigen waren. Zwar fühle man sich als seit 1888 in Steinhagen ansässige Firma der Gemeinde verpflichtet, gleichwohl müsse sich ein Investment in dieser Größenordnung natürlich auch rechnen, erläuterte Nils Twelmeier.

Um den Balanceakt zwischen den Anforderungen des Denkmalschutzes und den Brandschutzrichtlinien oder energetischen Standards effizient zu bewältigen, mussten einige Ideen – wie etwa die Nutzung als Pflegezentrum – verworfen werden. Auch so hat die Sanierung um die 1600 Euro pro Quadratmeter gekostet.

Bei aller Wirtschaftlichkeit – eine Reminiszenz leistet sich Nils Twelmeier aber doch: Obwohl der südliche Turm der ehemaligen Brennerei nicht mehr genutzt werden kann, geht jeden Abend im Turmzimmer per Zeitschaltuhr das Licht an. Um an die alten Zeiten zu erinnern. Zeiten, in denen der Geruch des Wacholderlutters durch das ganze Gebäude wehte. Heutzutage ist dieser nur noch in der Brennerei wahrnehmbar.

Im Gegensatz zu dem Mann vom Reklameplakat war Nils Twelmeier ohne Fliege und Arztkittel gekommen. Sein Rat klang 86 Jahre später allerdings ähnlich: „Wenn sie krank sind, nehmen sie eine kräftige Nase davon. Das ist besser, als jeder Arztbesuch.“

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.