Endometriose

Junge Hallerin (22) dreht Kino-Vorfilm über schmerzhafte Krankheit

Jede zehnte Frau in Deutschland leidet an Endometriose. Trotzdem müssen viele jahrelang leiden, bis sie eine Diagnose bekommen. Marisa Landwehr will helfen, die Erkrankung schneller zu erkennen.

Die Hallerin Marisa Landwehr bei der Produktion ihres Kurzfilms über Endometriose. | © Jan Schröder

Melanie Wigger
17.02.2024 | 06.03.2024, 16:03

Halle. Der Wecker klingelt. Der reale Albtraum beginnt. Mal wieder. Wie jeden Monat. Übelste Schmerzen. Kaum aushaltbar. Und doch wartet da der Alltag mit seinen Verpflichtungen: Schule, Klassenarbeiten, Treffen mit Freunden ... Dabei ist schon das Frühstück am Morgen ein Kraftakt. Szenen, mit denen Marisa Landwehr ein Problem beschreibt, das sie selbst allzu gut kennt. Die 22-jährige Hallerin arbeitet in der Filmbranche und hat einen Kurzfilm gedreht, in dem ein Mädchen begleitet wird, das unter Endometriose leidet.

Viele wissen nicht, dass sie diese Krankheit haben, erläutert Marisa Landwehr, die sich die Ursache für ihre Probleme ohne ärztliche Hilfe erschließen musste. Dabei beschrieb sie ihre „superkrassen Regelschmerzen“ immer wieder beim Arzt. „Ich entwickelte Ängste - jedes Mal, bevor es wieder losging.“ Vor allem vor den Abiprüfungen wuchs die Panik, „weil ich nicht wusste, ob ich es schaffe, oder eher und unvollständig abgeben muss“. Die Reaktionen der Ärzte waren frustrierend: „Regelschmerzen sind normal und gehören dazu.“

Dass ihr Problem keine gängigen Menstruationsbeschwerden waren, sondern eine anerkannte Krankheit, erfuhr die damals 19-Jährige durch einen Podcast, in dem Endometriose thematisiert wurde. Sie recherchierte und war sich schnell sicher, endlich die Ursache gefunden zu haben. Als sie ihrer Frauenärztin davon erzählte, bekam sie jedoch eine Abfuhr. „Selbstdiagnosen im Internet sind ja immer so eine Sache. Da lassen wir mal die Kirche im Dorf“, lautete die frustrierende Antwort, mit der die junge Frau weggeschickt wurde.

Die Schauspielerin Julie Gekle hat die Hauptrolle übernommen. Sie versetzt sich in den Schmerzen einer Endometriose-Patientin hinein. Schon der Start in den Tag wird zum Albtraum. - © Fynn Niebusch
Die Schauspielerin Julie Gekle hat die Hauptrolle übernommen. Sie versetzt sich in den Schmerzen einer Endometriose-Patientin hinein. Schon der Start in den Tag wird zum Albtraum. (© Fynn Niebusch)

Viele Ärzte erkannten ihre Krankheit nicht

Doch die Symptome wurden noch stärker und Marisa Landwehrs Motivation nahm zu. Im Netz fand sie Ärzte, die sich auf Endometriose spezialisiert haben. Sie telefonierte mit sämtlichen Anlaufstellen - bis sie endlich einen Termin in einer Praxis ergattern konnte. Die Ärztin fackelte nicht lange und stellte direkt eine OP-Überweisung aus. Zwei Monate später hatte Marisa Landwehr eine offizielle Diagnose - nach sechs Jahren mit regelmäßigen Schmerzen und Ängsten.

„Rückblickend ging es schnell, weil ich wusste, dass ich es habe. Aber wenn man darauf wartet, dass ein Arzt von alleine daraufkommt, kann es deutlich länger dauern“, weiß die junge Frau durch Erfahrungsberichte.

Marisa Landwehr sieht aber auch das Dilemma vieler Ärzte. „Man kann Endometriose nur durch eine OP sicher diagnostizieren und ich kann verstehen, dass man eine 15-Jährige, die über Regelschmerzen klagt, nicht gleich operieren möchte. Aber ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass man mehr auf mich eingegangen wäre und es nicht als ’normal’ heruntergespielt hätte.“ Lange litt sie darunter, sie wie ein Hypochonder zu fühlen oder als zu sensibel abgestempelt zu werden.

Junge Hallerin erlebte mehr Unterstützung als ihre Film-Figur

Seit dem Einsetzen ihrer Periode erlebte sie das Martyrium Monat für Monat. Die Schmerzen waren oft so stark, dass sie sich sogar davon übergeben musste. Für die Jugendliche waren diese Tage ein Kraftakt. Trotzdem fiel die Schule nicht aus. Sie probierte es tapfer, zum Unterricht zu gehen - auch wenn es ihr unangenehm war, wenn sie sich dann doch abholen lassen musste. Im Gegensatz zu den Familienmitgliedern in ihrem Kurzfilm war ihre eigene Familie in dieser Zeit eine große Stütze, betont die 22-Jährige.

In ihrem Film macht das Umfeld deutlich mehr Druck: „Er ist bewusst etwas überspitzt, um die negativen Seiten klar hervorzuheben.“ Die Mutter will unbedingt verhindern, dass ihre Tochter Unterricht verpasst, der Film-Bruder unterstellt der leidenden Schwester, schwänzen zu wollen, und der Lehrer lässt mit Blicken Bände sprechen, als die Hauptfigur ihre unfertige Klausur vor dem Ende der Prüfungszeit abgibt.

Marisa Landwehr hatte da mehr Glück als ihre Filmfigur. Viele Lehrer unterstützten die Jugendliche, so gut es ging - und drückten so manches Mal ein Auge zu. Auch ihre Freunde waren verständnisvoll, obwohl manche Absage für gemeinsame Treffen sicher nicht leicht nachvollziehbar war, schildert die Hallerin.

Am Frühstückstisch: Film-Mutter Elena Rommel drängt ihre Tochter, trotz starker Schmerzen in die Schule zu gehen. - © Fynn Niebusch
Am Frühstückstisch: Film-Mutter Elena Rommel drängt ihre Tochter, trotz starker Schmerzen in die Schule zu gehen. (© Fynn Niebusch)

Kamerafrau wurde im Kino inspiriert

Ihre Diagnose zu kennen und benennen zu können, hat in ihrem Umfeld zudem dazu beitragen, die Situation für alle verständlicher zu machen. Deshalb hofft sie, dass ihr Film auch anderen hilft. „Es ist kein Erklärfilm“, stellt sie klar. Es geht eher darum, einen Impuls zu geben und sich oder eine Person aus dem Umfeld darin wiederzuerkennen. Damit Betroffene Hilfe bekommen. „Schließlich leidet jede zehnte Frau in Deutschland darunter.“

Die Idee dazu kam der jungen Kamerafrau und Cutterin, als sie selbst im Kino saß und einen Vorfilm sah - und sich vorstellte, wie sehr es ihr geholfen hätte, wenn es einen Film zu dem Thema in ihrer Pubertät gegeben hätte. Beflügelt von der Idee, schrieb sie das Drehbuch in einer Nacht runter. Es war leicht - schließlich konnte sie sich von ihren eigenen Erfahrungen inspirieren lassen. „Auch wenn der Film nicht mein Leben zeigt.“

Aktuell nimmt sie mit Institutionen und Ministerien Kontakt auf, um Unterstützung für die Veröffentlichung zu bekommen. Ihr Kameramann und wichtigster Helfer, Johannes Feltkamp, macht parallel den Feinschliff. 18 Freiwillige haben bei dem Projekt mitgewirkt - kümmerten sich um Licht, Ton, Szenenbild, Kostüme, Maske ... oder einfach mit selbst gebackenen Kuchen um die Versorgung.

Haller Schule und Borgholzhausener Wohnhaus werden zu Drehorten

Gedreht wurde in Halle und Borgholzhausen: Das Kreisgymnasium stellte einen Klassenraum zur Verfügung. Schüler aus dem Pädagogik-Leistungskurs der elften Klasse spielten die Mitschüler in einer Filmszene. Bei der Familie Eimterbäumer wurden mehrere Wohnräume drei Tage lang zum Filmset.

Die junge Filmemacherin ist überwältigt über so viel Hilfe aus ihrem Freundeskreis und beruflichen Netzwerk. Die Schauspieler wurden online gecastet. Über die Leistung der Hauptdarstellerin, Julie Gekle, ist Marisa Landwehr besonders glücklich: „Sie hat einen überragenden Job gemacht.“ Beim Dreh der Abschlussszene, als das Mädchen im Badezimmer unter ihren Schmerzen zusammenbricht, war die Hallerin so berührt, dass sie selbst weinen musste. „Julie hat all meine Erwartungen übertroffen.“

Marisa Landwehr aus Halle arbeitet in der Filmbranche. - © Marisa Landwehr
Marisa Landwehr aus Halle arbeitet in der Filmbranche. (© Marisa Landwehr)

Kino-Vorfilm soll mit Spenden finanziert werden

Bei allen Kosten ist die junge Frau in Vorleistung gegangen. Sie hofft jetzt, die Finanzierung durch Spenden ausgleichen zu können, um die Produktion und kleine Aufwandsentschädigungen zu zahlen. Sollte das Spendenziel überschritten werden, werden die Beiträge für die Beteiligten erhöht. Wer das Team unterstützen möchte, findet hier den Spendenlink: https://www.betterplace.me/kurzfilm-endometriose