Der Wochenkommentar

Ausgerechnet Kultur? Mutige Unternehmer im Altkreis Halle trotzen der Krise

Mit dieser Wendung war nicht zu rechnen. Für den leer stehenden Borgholzhausener Bahnhof gibt es plötzlich eine Perspektive jenseits von Pop-up-Büros. Warum das Mut für den Altkreis Halle macht.

Programmleiterin Jana Felmet hat schon Ideen für das Bühnenprogramm im "Weberei Bahnhof". | © Marc Uthmann

Marc Uthmann
29.11.2025 | 29.11.2025, 10:08

Wir lechzen doch alle nach positiven Nachrichten. Das hat auch unsere Redaktionsleiterin Nicole Donath zu spüren bekommen, als sie in ihrem wöchentlichen HK-Newsletter jetzt einfach mal ein paar Erfolgsgeschichten aufgezählt hat - quasi als Stimmungsaufheller in der dunklen Jahreszeit. Und daraufhin viele dankbare Reaktionen erntete.

Darauf schiele ich natürlich auch - Journalisten sind ja eitel. Also kommentiere ich heute eine Nachricht und muss sie nicht einmal krampfhaft beschönigen. Weil sie - trotz aller Nebengeräusche, die auch bei dieser Geschichte zu hören sind - zeigt, dass es immer noch Unternehmer und Kreative gibt, die in unserer Dauerkrisenzeit etwas anpacken.

Und diese Entwicklung klingt zunächst wirklich ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Der Borgholzhausener Bahnhof fristet nun bereits seit vielen Monaten wieder ein Dornröschendasein. Auch der jüngste Versuch, ihn mit verschiedenen kleinen Praxen und Büros zu beleben, ist gescheitert. Der Inhaber wollte die Immobilie verkaufen, was selbst dem Makler vor acht Monaten als Herkulesaufgabe erschien.

Bürgerkiez-Engagement in Borgholzhausen hat eine Vorgeschichte

Dass es direkt an den Gleisen mal wieder Bühnenprogramm und Gespräche an der Theke geben würde, schien damals in weiter Ferne zu liegen. Und nun kommt die Bürgerkiez gGmbH, mietet die Immobilie langfristig und kündigt an, sie kontinuierlich bespielen zu wollen. Mit dem Anspruch, das Ganze auch noch wirtschaftlich zu tun. Und mit der Referenz, genau das am Standort Alte Weberei in Gütersloh zwölf Jahre lang geschafft zu haben.

Überraschendes Comeback: Profis beleben Bahnhof in Borgholzhausen

Also, da riskieren Unternehmer etwas mitten in der deutschen Wirtschaftskrise, die auch in der Region seit Monaten Jobs kostet? Siehe Gerry Weber, siehe Schaeffler, siehe Durkopp, siehe selbst Hörmann oder Schüco. Und dann auch noch in der Kreativwirtschaft? Kultur war doch totgesagt, oder? Zumindest unter dem Gesichtspunkt, davon leben zu können.

Zur Wahrheit gehört an dieser Stelle natürlich, dass es zum Engagement der Bürgerkiez gGmbH in Borgholzhausen nicht gekommen wäre, wenn sie ihre Zelte am Standort Weberei in Gütersloh nicht abgebrochen hätte. Aus wirtschaftlichen Gründen: Weil die verschobene Sanierung des Küchen- und Toilettenbereichs am traditionsreichen Standort in der Kreisstadt einen rentablen Betrieb nicht mehr zugelassen hätte, so die Betreiber.

Misstöne müssen Neustart am Bahnhof Borgholzhausen nicht belasten

Geschäftsführer Steffen Böning und sein Team arbeiten bereits seit geraumer Zeit am Konzept für den neuen Standort. - © Marc Uthmann
Geschäftsführer Steffen Böning und sein Team arbeiten bereits seit geraumer Zeit am Konzept für den neuen Standort. (© Marc Uthmann)

Man habe die vorübergehende Schließung bereits einkalkuliert, diesen Umstand auch bei den Personalplanungen berücksichtigt - und darum ohne diese Perspektive mit langem Vorlauf gekündigt, heißt es vom Bürgerkiez-Team. Nun gibt es Irritationen darüber, dass sich der Bürgerkiez zahlreiche Markenrechte im Zusammenhang mit der „Weberei“ gesichert hat. Der Förderverein in Gütersloh kritisiert das und beklagt mangelnde Kommunikation darüber, ob etablierte Formate am alten Standort nun noch stattfinden dürfen.

Die Vorgeschichte: Borgholzhausens Bahnhofsgebäude steht zum Verkauf

Den Neustart in Borgholzhausen müssen diese Misstöne indes nicht belasten. Die Region kann sich viel mehr darüber freuen, dass Kultur-Profis eine dieser Stätten wieder zum Leben erwecken, denen alle Welt immer wieder viel Potenzial bescheinigt, an denen aber dann doch nie investiert wird. Der Borgholzhausener Bahnhof ist über den Haller Willem und die A33 direkt mit der ganzen Region verbunden, Kulturinteressierte können ihn komfortabel erreichen.

Vielleicht noch wichtiger: Die Bürgerkiez gGmbH setzt voll auf eine gastronomische Begleitung, will die Location auch für Unternehmen zur Verfügung stellen, die dort eine Feier ausrichten. Man mag die Nase rümpfen: Wie passt das jetzt zur kleinen Bühne, zur kulturellen Freiheit ohne Zwänge, vielleicht sogar zum subkulturellen Charme?

„Weberei Bahnhof“ könnte Leuchtturm-Projekt im Altkreis Halle werden

Nun ja, diese Säule verdient das Geld, damit andere Dinge überhaupt erst möglich werden. Dass die neuen Betreiber auch einen klaren wirtschaftlichen Blick auf den Bahnhof haben, verbessert seine Perspektiven.

Im Altkreis Halle mit seiner ländlichen Struktur gibt es erstaunlich viele kreative Initiativen. Sie gehen von zahlreichen Vereinen, aber auch von den Kommunen selbst aus. Es gibt spannende Standorte, viele Ideen - und immer wieder auch wirtschaftliche Engpässe. Vieles ermöglichen die Städte und Gemeinden finanziell - aber auch deren Spielraum wird in Zeiten der Haushaltskrisen kleiner.

Umso mehr Mut macht es, dass hier ein Unternehmen ein Projekt wagt, das sich über einen Mix aus eingeworbener Kulturförderung und gastronomischer Begleitung weitestgehend selbst tragen soll. Der „Weberei Bahnhof“, so heißt die Stätte künftig, könnte zu einem Leuchtturm-Projekt für den Altkreis Halle werden. So viel Optimismus sei erlaubt.

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