HalleAktivisten besetzen Bäume im Storck-Wald, Arzt erläutert Ziel der Aktion

Eine Gruppe von gut 20 Personen wehrt sich in schwindelerregender Höhe gegen die geplanten Baumfällungen des Süßwarenkonzerns. 22 Hektar Wald sollen für das neue Firmengelände asphaltiert werden. Bisher ist alles ruhig, aber es bleibt noch eine Woche Zeit

Ekkehard Hufendiek

Ein Umweltaktivist der Extinction-Rebellion-Gruppe hat in sieben Metern Höhe ein Banner gespannt, das den Spaziergängern im Storck Wald mitteilt: "Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Wald" - © Ekkehard Hufendiek
Ein Umweltaktivist der Extinction-Rebellion-Gruppe hat in sieben Metern Höhe ein Banner gespannt, das den Spaziergängern im Storck Wald mitteilt: "Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Wald" © Ekkehard Hufendiek

Halle. Noch vor Sonnenaufgang sind sie angerückt. Am Sonntagmorgen haben Mitglieder der Gruppen Extinction-Rebellion und Ende-Gelände die baumreiche Erweiterungsfläche des Süßwarenkonzerns Storck in Beschlag genommen. „Natürlich kündigt man so etwas nicht groß an", erklärt Dr. Thomas Müller-Schwefe, der als Sprachrohr der Protestler fungiert. „Was uns alle vereint, ist die Bereitschaft zum zivilen Ungehorsam", sagt er. Übersetzt aus dem Englischen bedeutet Extinction-Rebellion die Rebellion gegen das Aussterben.

Dr. Thomas Müller-Schwefe, ein pensionierter Hausarzt aus Borgholzhausen, trat als Sprachrohr der Extinction Rebellion-Gruppe auf. Die Mitglieder wollen die Baumfällung verhindern, die für die Erweiterung der Firma Storck geplant ist. - © Ekkehard Hufendiek
Dr. Thomas Müller-Schwefe, ein pensionierter Hausarzt aus Borgholzhausen, trat als Sprachrohr der Extinction Rebellion-Gruppe auf. Die Mitglieder wollen die Baumfällung verhindern, die für die Erweiterung der Firma Storck geplant ist. (© Ekkehard Hufendiek)

Rodungen noch bis 
28. Februar möglich

Ausgerüstet mit professioneller Seilklettertechnik erklommen die Aktivisten mehrere Bäume und legten Traversen zwischen den Stämmen an. In der Krone einer alten Buche befestigten sie eine Euro-Palette. Zwischen drei Astgabeln in zwanzig Meter Höhe dient die Euro-Palette jetzt als Protestplattform – sie ist nur eine von mehreren. Aus dem Kronenbereich der Bäume heraus wehren sich die Umweltaktivisten gegen die Fällarbeiten. In solch schwindelerregender Höhe wollen sie auf den Paletten ausharren – auch über Nacht und falls nötig bis zum 28. Februar. Denn bis dahin reicht laut Dr. Thomas Müller-Schwefe das Zeitfenster, in dem das Rodungsvorhaben des Weltkonzerns Storck rechtens sei. Ende Februar endet nämlich die Fällperiode, die wegen des Tierschutzes vom 1. Oktober bis zum 28. Februar läuft.

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Kontakt zur Protestgruppe

Müller-Schwefe ist Mitglied der Gruppe Extinction-Rebellion-Bielefeld. Der pensionierte Allgemeinmediziner hat in den vergangenen Jahren viel Zeit mit ähnlichen Protest-Aktionen verbracht. Seine Motivation ist die Angst vor einer Klimakatastrophe. Er denke dabei vor allem an die jungen Menschen und die nachfolgenden Generationen. 16 Hektar Wald werden allein in Nordrhein-Westfalen täglich versiegelt. „Wir verprassen unsere Zukunft", warnt er.

Die nach jeder Rodung von Grünflächen fälligen Ausgleichsmaßnahmen nennt Müller-Schwefe „Augenwischerei". Deswegen bewundert er die jungen Leute seiner Gruppe, die sich für ihre Zukunft einsetzen. Erst kürzlich hat er sich im Dannenröder Forst mit Gleichgesinnten an einen Baum gekettet. Bei der polizeilichen Räumung sei ihm – ohne Widerstand zu leisten – in die Rippen getreten worden. „Als Rentner wird man da am Schlafittchen gepackt", sagt er.

Mit einer gewaltreichen Räumung könnte auch die Besetzung im Storck-Wald enden: Es komme immer darauf an, welche Hundertschaft der Polizei anrücke. Die Beamten des Unterstützungskommandos aus Bayern etwa, seien, so der Aktivist, „in der Szene als Schlägerbullen bekannt".
Lina, die an der Baumbesetzung beteiligt ist, erklärt: „Es ist nicht hinnehmbar, dass ein vielfältiger Wald für das Profit-Interesse eines Unternehmens gerodet werden soll. Die Welt steuert auf einen ökologischen Kollaps zu. Wir müssen aufhören, Umwelt zu zerstören, und anfangen, sie zu schützen."

"Steini bleibt" - © Jonas Damme
"Steini bleibt" (© Jonas Damme)

Fridays-for-Future begleitet Aktion mit Mahnwache

Mit den beiden Gruppen sympathisieren auch die Haller Fridays-for-Future-Mitglieder, jedoch distanzieren sie sich vom Vorgehen. „Unser Ziel ist das Gleiche, aber wir wollen nicht gegen Recht verstoßen", sagt deren Sprecher Tobias Rüter. Man werde aber die Aktion begleiten, indem man rund um die Uhr unterhalb der Brücke der Umgehungsstraße eine Mahnwache abhalte. „Dies ist eher unser Stil", sagt Rüter.

Eine Reaktion aus dem Hause Storck gibt es derzeit nicht und von offizieller Seite wird sie wohl auch nicht erfolgen. „Wir kommentieren die Vorgänge nicht", teilte Unternehmenssprecher Dr. Bernd Rößler auf Anfrage des Haller Kreisblatts kurz und knapp mit.

Tappe: "Wir warten zunächst einmal ab"

Auch die Stadt Halle wird sich zunächst ruhig verhalten. „Wir warten zunächst einmal ab", teilt Bürgermeister Thomas Tappe mit. Zwar handele es sich hier um einen Rechtsbruch, jedoch werde derzeit niemand dadurch gefährdet. Der Weg durch den Wald werde nur von Spaziergängern genutzt, es sei keine Anliegerstraße. Am gefährlichsten sei die Lage derzeit, so Tappe, für die Aktivisten selbst, die hoch oben in den Bäumen sitzen. Man werde die Lage nun weiter beobachten, es sei ja noch eine Woche Zeit.

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