HalleDas System steht kurz vorm Kollaps: Hebammen werden dringend gesucht

In der Corona-Krise geraten die Geburtshelferinnen zunehmend unter Druck. Burnout ist die häufige Folge. Für Frauen wird es immer schwieriger, eine Hebamme zu finden.

Heiko Kaiser

Halle. „Das ganze System kann eigentlich nur zusammenbrechen", sagt Petra Marz. Seit 1984 ist sie Hebamme, in den vergangenen zehn Jahren freiberuflich tätig. Petra Marz liebt ihren Beruf. Auch heute noch. Den Kontakt zu den jungen Familien, den Blick in die erwartungsvollen Babyaugen, ihre Rolle als fürsorgliche Begleiterin in einer neuen Familienkonstellation. Und dennoch zweifelt sie in den vergangenen Jahren mehr und mehr, ob sie den stetig wachsenden Druck noch tragen will, tragen kann. Denn Petra Marz ist ständig auf Abruf. Wie ihre Tage aussehen, kann sich stündlich neu entscheiden. Denn wann eine natürliche Geburt einsetzt, ist nicht planbar und so muss sie immer damit rechnen, dass plötzlich eine SMS auf ihrem Handy verkündet: Die nächsten Wochenbettbesuche stehen an.

120 Hausbesuche für den Lebensunterhalt

„Urlaubsplanung?" Petra Marz schmunzelt und schüttelt den Kopf. Wann frei ist, hat sie oft nicht selbst in der Hand, soll es heißen. Zudem bedeutet Freizeit auch kompletter Einnahmeausfall für sie. Dadurch entsteht ein großer wirtschaftlicher Druck. „Wenn ich am Ende des Monats 1.500 Euro zur Verfügung haben will, muss ich 4.500 Euro Umsatz machen", rechnet sie vor. Der Rest geht für Krankenversicherung, Steuern und Rentenversicherung drauf. Um auf diesen Bruttoverdienst zu kommen, muss Petra Marz etwa 120 Hausbesuche im Monat machen, denn die Krankenkassen gestehen den Hebammen pauschal nur 38,46 Euro für jeden Hausbesuch zu.

Der enorme wirtschaftliche Druck, der auf den Hebmannen lastet, ist nur eine der großen Schwierigkeiten, mit denen Petra Marz und ihre Kolleginnen zu kämpfen haben. Eine Bürokratie zwingt ihnen zudem immer mehr Dokumentationspflichten auf. 2020 mussten sie sich einem Qualitätsmanagement, kurz QM, unterwerfen, das die Sicherheit in der Geburtshilfe verbessern soll, gleichzeitig aber viel Kraft und Konzentration der Geburtshelferinnen in administrativen Aufgaben bindet. „Jemand hat berechnet, dass wir nur 44 Prozent unserer Arbeit bezahlt bekommen", sagt Petra Marz. Reichtümer können Hebammen nicht erwerben.

Zudem steigt die Verantwortung. Gerade in Corona-Zeiten. Besuche in Krankenhäusern sind in diesen Tagen untersagt. „Um ihre Männer und Kinder teilhaben zu lassen, wünschen sich immer mehr Frauen ambulante Geburten", sagt Petra Marz. Bedeutet: Die Frau verlässt nach zwei Stunden das Krankenhaus und wird anschließend von der Hebamme betreut. So weit die Theorie. Praktisch gesehen aber gibt es nicht genug freie Hebammen, die diese wachsende Nachfrage auffangen könnten. „Ich habe allein in dieser Woche sieben Frauen absagen müssen", berichtet Petra Marz. 2019 registrierte die Hebammenzentrale Bielefeld/Gütersloh 240 Frauen, denen keine Hebamme vermittelt werden konnte. Im Juni 2019 musste der Kreißsaal des Klinikums Herford zeitweise wegen Personalmangels vorübergehend geschlossen werden.

„Wir haben eben keine Lobby"

Weniger Hebammen, die immer mehr Verantwortung tragen müssen, wenn Frauen sich für eine ambulante Geburt entscheiden. Das belastet. „Wie oft habe ich nachts wach gelegen und gehofft, dass es endlich acht Uhr ist und ich anrufen und fragen kann, ob alles in Ordnung ist", gesteht Petra Marz. Denn sie entscheidet in dieser für Mutter und Kind vulnerablen Phase, was zu tun ist, ob ein Arzt herangezogen werden muss oder nicht. Und selbst wenn sie sich dafür entscheidet, ist das Problem in diesen Tagen längst nicht gelöst. „Die Kinderärzte sind stark belastet, auch Gynäkologen. Ich hatte Frauen, die pillern unter der Dusche wegen ihrer Schmerzen und bekommen keinen Termin. Da bleibt dann nur der Weg ins Krankenhaus", sagt Petra Marz.

Petra Marz ist seit 36 Jahren Hebamme. - © Heiko Kaiser
Petra Marz ist seit 36 Jahren Hebamme. (© Heiko Kaiser)

Trotz dieser zunehmend kritischen Lage ändert sich nicht viel an der Situation der Hebammen. „Wir haben eben keine Lobby", sagt Petra Marz. Zwar begleite man die Familien in einer ganz wichtigen Phase des Lebens. Diese aber sei halt nur sehr kurz. Anschließend sei das Thema Hebamme in der Regel schon wieder vergessen.

Schon vor der Geburt ist eine Hebamme extem wichtig

Vielen Schwangeren ist dabei nicht bewusst, wie wichtig die Betreuung durch eine Hebamme schon in der Schwangerschaft sein kann. Eine kürzlich in der Hebammenzeitschrift veröffentlichte Studie dokumentiert, dass sich durch die vorgeburtliche Betreuung durch eine Hebamme das Risiko für Fehlgeburten und Kaiserschnitte signifikant senkt. Die Autorinnen kommen zu dem Schluss, dass Beratung und sachliche Aufklärung, angstmindernd und psychologisch entlastend wirken.

Corona – mehr ambulante Geburten – mehr Belastung für Hebammen, Kinderärzte und Gynäkologen. „Das ganze System kann eigentlich nur zusammenbrechen", sagt Petra Marz noch einmal. Dann überlegt sie aber kurz: „Trotzdem ist Hebamme zu sein der schönste Beruf, den es gibt für mich", sagt sie mit voller Überzeugung.

Hebammenanwesenheit ist Pflicht

´ Laut Hebammengesetz kann eine Hebamme eine normal verlaufende Geburt alleine leiten. Ein Arzt aber darf eine Frau nur in Notfällen ohne eine Hebamme entbinden. Eine Hebamme muss bei der Geburt anwesend sein. Das gilt auch bei einem Kaiserschnitt.´ Etwa 98 Prozent aller Geburten finden in Kliniken statt. Gut 20 Prozent davon werden von freiberuflichen Hebammen (im Belegsystem) begleitet.´ Ab 1. Januar 2020 muss jede Frau, die Hebamme werden will, ein Bachelorstudium absolvieren. Die Ausbildung umfasst mindestens 1.600 Stunden Theorie und 3.000 Stunden Praxis.´ Hebammen müssen innerhalb von drei Jahren mindestens 60 Unterrichtsstunden Fortbildung nachweisen. Davon 20 Stunden auf dem Gebiet des Notfallmanagements.´ In der Corona-Krise können Hebammen erstmals auch telefonische und Online-Beratungen abrechnen. Das war bislang nicht möglich.

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