Haller Fotografin schenkt Eltern Andenken von verstorbenen Babys

Sternenkind: Wenn Kinder vor oder kurz nach der Geburt sterben, bleiben den Eltern oft wenige Andenken. Ein Projekt mit ehrenamtlichen Fotografen fährt in Kliniken, um für die Familien greifbare Erinnerungen festzuhalten

Melanie Wigger

Erinnerung: Henri ist bei seiner Geburt gestorben. Dieses Foto bleibt seiner Familie als Andenken. - © Anjuscha Wörmann
Erinnerung: Henri ist bei seiner Geburt gestorben. Dieses Foto bleibt seiner Familie als Andenken. (© Anjuscha Wörmann)

Halle. Babysöckchen, der erste Strampler und Fotos, die das erste zahnlose Lachen zeigen und Eltern auch noch nach Jahren zum Seufzen bringen: die Erinnerungen an die ersten Tage ihrer Kinder hüten viele Eltern wie einen Schatz. Aber was ist, wenn das Schicksal zuschlägt und das junge Leben endet, bevor es richtig beginnt? Eltern von Totgeburten oder Säuglingen, die kurz nach der Geburt sterben, haben oft nichts Materielles, das ihre Erinnerungen symbolisiert.

„Im Krankenhaus fahre ich innerlich total herunter"

Eine Gruppe ehrenamtlicher Fotografen schenkt den Hinterbliebenen dieser Babys – im Volksmund auch »Sternenkinder« genannt – professionelle Bilder, um damit Andenken für sie, Geschwister und Verwandte zu schaffen. Die Hallerin Anjuscha Wörmann beteiligt sich seit 2016 an der Aktion »Dein Sternenkind«. Als die nebenberufliche Fotografin davon erfuhr, zögerte sie anfangs: „Ich habe lange überleg", sagt die Mutter von zwei Kindern, die hauptberuflich in der Behindertenpflege arbeitet und auch krebskranke Frauen und schwerkranke Kinder ehrenamtlich fotografiert. Bedenken hatte sie nicht nur mit Blick auf den Zeitaufwand, sondern auch auf emotionaler Ebene. „Probier es einfach aus", habe ihr Mann damals geraten.

Das erste Mal kam ganz spontan – als Springer für eine andere Fotografin. „Das war richtig heftig", erinnert sich Wörmann. „Das Kind war total deformiert", schildert sie. Es sei für sie kein Problem, wenn sie darauf eingestellt sei – aber damals konnte sie das nicht ahnen.

Und trotzdem blieb sie ruhig. „Ich bin eigentlich eher temperamentvoll, aber wenn ich im Krankenhaus ankomme, fahre ich innerlich immer total herunter." Das beginnt schon unterwegs im Auto. „Ich verarbeite die Situation in gewisser Weise zum Teil schon auf dem Weg zur Klinik." In den Tagen vor ihren Einsätzen fühle sie sich hingegen oft nervös. „Ich kontrolliere mehrfach, ob ich alles eingepackt habe und ob die Technik funktioniert. Schließlich geht es um die einzigen Fotos, die die Eltern später von ihren Kindern haben werden. Dabei darf einfach nichts schiefgehen", sagt sie. Neben Kamera und Co. packt sie ihr Sternenköfferchen ein. Darin befinden sich kleines Liegekissen, Kerzen und ein paar kleine Andenken wie Ketten mit Engelanhängern, die die Fotografin vorab in die Bildmotive integriert und später den Geschwistern schenkt.

Auch winzige Kleidung, die auch Frühchen passt, bringt sie mit. Das kleinste Kind, das sie fotografiert habe, sei gerade mal in der 16. Schwangerschaftswoche gewesen. Es passte in eine Hand.

16 Mal hat sie bereits trauernden Eltern in den schwersten Stunden beigestanden. Jedem einzelnen Auftrag stimmt sie freiwillig zu. Die Ehrenamtlichen erfahren per Alarm-App, wenn eine neue Anfrage gestellt wird. Wer klickt, übernimmt und verpflichtet sich, rund um die Uhr erreichbar zu bleiben, bis es so weit ist. Oft ist der Entbindungstag vorab bekannt. Manchmal müssen die Fotografen auch spontan reagieren. Mit ihrem Chef bekommt Wörmann dabei keine Probleme: „Er hatte von Anfang an sehr viel Verständnis dafür."

Mit ihrer Kamera: Anjuscha Wörmann aus Halle steht trauernden Eltern bei. - © Melanie Wigger
Mit ihrer Kamera: Anjuscha Wörmann aus Halle steht trauernden Eltern bei. (© Melanie Wigger)

Auch ihre Familie unterstützt sie – vor allem an den ersten Tagen nach ihren Einsätzen. „Wenn ich nach Hause komme, gehe ich als Erstes zu meinen Kindern, umarme sie und bin dankbar, dass sie gesund sind." Im Anschluss verbringt sie bewusst Zeit mit ihrem Mann. Damit ihre Kinder wissen, was Mama traurig macht, hat sie mit ihnen über ihr Ehrenamt gesprochen. Vor allem ihr „Großer" – zwölf Jahre alt – spreche mit ihr offen darüber und stelle auch Fragen dazu.

Wörmann bewegt die Aufgabe aus persönlichen Gründen. Sie hatte auch eine Fehlgeburt. Im Krankenhaus, aber auch schon im Vorfeld am Telefon, versucht sie den Eltern Kraft zu spenden. Sie wartet wie eine Angehörige vor dem Kreißsaal, leidet mit und vergießt oft gemeinsam mit den Eltern Tränen.

„Wenn ich nach Hause komme, gehe ich zuerst zu meinen Kindern"

Trotz ihrer starken Schulter für die Trauernden gehen die Einsätze an der 35-jährigen Mutter nicht spurlos vorbei: „Spätestens seitdem ich das mache, weiß ich sicher, dass ich kein drittes Kind haben möchte. Ich habe einfach zu viel gesehen ..."

Erinnerungen, an denen sie trotzdem bewusst festhält. „Ich möchte keines dieser Kinder vergessen." Deshalb hat sie sich die Sternenkinder symbolisch als Rückentattoo verewigen lassen – als Vögel fliegen sie Richtung Himmel. Einer dieser Vögel ist Henri. Er starb im März bei seiner Geburt im Bielefelder Krankenhaus. Die Eltern waren nach den Diagnosen der Ärzte darauf eingestellt und wendeten sich an »Dein Sternenkind«. Die Mutter des kleinen Jungen erinnert sich noch an den ersten Anruf der Fotografin. „Sie sagte, es wäre ein Traum, wenn ich dich begleiten könnte", erzählt Elisabeth Ott. Das habe sie berührt. „In der Klinik hat sie sich viel Zeit genommen und die Fotos sind Gold wert."

Die ganze Familie – Henris Geschwister und Verwandte – können ihn nun sehen. „Wenn man es nicht besser wüsste, würde man es gar nicht bemerken ...", sagt Ott. „Man würde vermutlich denken: Was für ein süßes Baby ..."

Erinnerungen für trauernde Eltern – auch im Altkreis

Die Fotografen der Aktion »Dein Sternenkind« halten für die Eltern ganz unterschiedliche Bilder fest. In Halle wurden die Fotografen noch nie angefordert – die Haller Fotografin Anjuscha Wörmann hofft, dass dieser Artikel auch Eltern im Altkreis auf das Angebot aufmerksam macht.

Wörmann macht für die Eltern nicht nur Schwarz-Weiß-Fotos: „Die werden oft am Anfang bevorzugt. Aber später schauen sich Eltern auch häufiger die Farbfotos an." Für die Geschwister werden oft Detail-Aufnahmen gemacht. Ein Bild von einem Füßchen oder dem Händchen wird zum Andenken für jüngere Kinder. Falls nötig, wählt sie zusätzlich Perspektiven, bei denen Deformierungen weniger auffallen.

Die Eltern bekommen von ihr zehn Abzüge – „sie sollen etwas in den Händen halten können" – sowie eine CD mit sämtlichen Fotos. Anjuscha Wörmann bietet eine möglichst große Auswahl an – denn nicht immer können die Eltern dabei sein. Manchmal sind zum Beispiel die Mütter währenddessen noch im Kreißsaal, berichtet die Ehrenamtliche.

Die Fotos legt Wörmann in kleine Kisten. Dazu kommt ein persönlicher Brief, in dem sie den Eltern viel Kraft wünscht. Für Geschwisterkinder hat sie kleine Andenken, die auch auf den Bildmotiven vorkommen.

Für die Trauernden ist das alles kostenlos. Die Fotografen spenden nicht nur ihre Arbeitszeit, sondern auch die Spritkosten. Zuschüsse gibt es nur in Form von Gutscheinen, die einen Teil der Kosten für die Fotoabzüge abdecken. Auch die vielen Kleinigkeiten drum herum stiftet die Hallerin aus eigener Tasche. ´ Die Frühchenkleidung wird von ehrenamtlichen Näherinnen angefertigt. 600 Helfer gehören zu »Dein Sternenkind« – darunter 350 professionelle Fotografen.

Mehr unter: www.dein-sternenkind.eu

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