So steht es um Koyo - und was der Automobilmarkt damit zu tun hat

Der Haller Wälzlagerhersteller durchlebt erneut schwere Zeiten. Weil die Zahlen für das laufende Geschäftsjahr deutlich unter den Erwartungen bleiben, sollen die Personalausgaben gesenkt werden. Der Betriebsrat ist skeptisch

Marc Uthmann

Beim Haller Wälzlagerhersteller Koyo müssen dringend Kosten gespart werden. - © Marc Uthmann
Beim Haller Wälzlagerhersteller Koyo müssen dringend Kosten gespart werden. (© Marc Uthmann)

Halle. Die Krise schien eigentlich überwunden zu sein. 2015 erst wollte die Geschäftsleitung beim Haller Tochterunternehmen des japanischen Jtekt-Konzerns die Zahl der Beschäftigten von 630 auf 520 kürzen – stattdessen stieg sie auf aktuell 712 an. Anfang vergangenen Jahres blickte Werksleiter Christoph Holz optimistisch in die Zukunft, die Auftragsbücher schienen voll. Doch jetzt sind die Sorgen zurück.

In einer Belegschaftsversammlung informierte das Management von Koyo jetzt über die missliche Lage: Das Unternehmen hatte bereits im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatzeinbruch von etwa zwölf Prozent zu verzeichnen, wie Dieter Hohenbrink, Verantwortlicher für den kaufmännischen Bereich bei Koyo, auf Anfrage des Haller Kreisblattes präzisiert.

Abhängig von der Automobilindustrie

Und in diesem Jahr laufen die Geschäfte nicht besser. Das Auftragsvolumen stagniert. Dabei hatte man sich eigentlich noch vollere Bücher gewünscht. Was Koyo in dieser Lage schwer trifft, ist die Abhängigkeit von der Automobilindustrie. Mit einem Umsatz von 114 Millionen Euro rechnet das Unternehmen für das bis zum 31. März laufende aktuelle Geschäftsjahr, 65 bis 67 Millionen Euro davon entfallen auf die Eigenfertigung, der restliche Umsatz ist Handelsgeschäft. „Die Wälzlager, die wir produzieren, werden allerdings zu 70 Prozent in Autos verbaut", erklärt Hohenbrink.

Doch ausgerechnet die Schlüsselbranche schwächelt als Abnehmer der Künsebecker derzeit: Protektionistische Tendenzen in der Weltwirtschaft, Unsicherheit über die konjunkturelle Entwicklung und der Boom der E-Autos sind die Gründe. „Bei Elektromobilität werden kaum noch Lager benötigt", so Dieter Hohenbrink. Sich parallel im Komponentenbau zu etablieren, um unabhängiger von den Autokonzernen zu werden, falle schwer, weil Koyo eben sehr spezialisiert aufgestellt sei.

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Das sagt der Betriebsrat

• Ein wenig Sarkasmus legt der Koyo-Betriebsratsvorsitzende Thorsten Neermann schon in die Stimme, als er nach der Lage im Unternehmen gefragt wird: „Es sieht hier so aus wie seit 25 Jahren. Trotz guter Auslastung kommen wir nicht in die schwarzen Zahlen."
• Das habe aus seiner Sicht mit Kundenverhalten, aber auch mit internen Prozessen zu tun. „Das sind zum Teil Management-Probleme", sagt Neermann.
• Dass die Geschäftsleitung nun an die Löhne will, kommentiert Neermann, der auch im Ortsvorstand der IG Metall sitzt, erwartungsgemäß distanziert: „Ich bin natürlich nicht euphorisch, wenn es darum geht, den Kollegen das Geld wegzunehmen. Wir müssen sehen, wie weit wir uns da aus dem Fenster lehnen."
• Letztlich werde das über Verhandlungen und einen Ergänzungstarifvertrag geregelt werden, sagt Neermann und betont: „Gehaltsverzicht hat sich für Mitarbeiter am Ende selten ausgezahlt."
• Zumal Koyo nach Angaben des Betriebsrates künftig verstärkt auf befristete Verträge und Leiharbeiter setzen wolle, um flexibler auf die jeweilige Auslastung zu reagieren. „Wir müssen sehen, inwieweit wir da mitgehen", sagt Neermann.

Weil auch der Mutterkonzern schwächelt, soll sich Koyo nun selbst aus dem Schlamassel ziehen. „Die Quote der Personalkosten bezogen auf den Umsatz liegt bei uns bei 53 Prozent – Vorgabe von Jtekt ist, sie auf unter 50 Prozent zu senken", erklärt der Kaufmännische Leiter. Noch in diesem Jahr sollen 1,2 Millionen Euro eingespart werden, in den kommenden sollen es sogar zwei Millionen Euro sein. Und zwar ohne betriebsbedingte Kündigungen auszusprechen, wie Dieter Hohenbrink betont: „Wir haben unter anderem Einsparpotenziale beim Leistungslohn oder beim Weihnachtsgeld ausgemacht. Wir hoffen da auf einen Konsens mit der Gewerkschaft." Dann könne das Sparprogramm ohne Entlassungen funktionieren und Koyo wieder attraktiver für seine Großkunden werden. Mit denen laufen parallel auch Gespräche.

„Bis Herbst müssen wir ein Ergebnis haben"

Schwer zu schlucken haben die Künsebecker nach eigenen Angaben am Tarifabschluss aus dem vergangenen Jahr mit einem Plus von 4,3 Prozent für die Beschäftigten. „Das lässt sich aus der Produktivität nur schwer erwirtschaften", sagt der kaufmännische Chef, der seit 22 Jahren im Unternehmen ist und seit einem Dreivierteljahr die Verantwortung für den gesamten Geschäftsbereich trägt.

Koyo will schnell Gespräche mit der IG Metall aufnehmen, hat bereits Terminvorschläge gemacht. Die Zeit drängt, denn „bis Herbst müssen wir ein Ergebnis haben, um die Einsparungen bis zum 31. März realisieren zu können", so Hohenbrink. Die Gewerkschaft tritt indes auf die Bremse: „Die Termine sind ambitioniert", sagt Ute Herkströter, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Bielefeld. „Wir haben aber natürlich ein Interesse daran, eine sozialverträgliche Lösung zu finden und setzen uns bald zusammen."

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