Schlummernde Schätze: Wohin mit den alten Handys?

Uwe Pollmeier

Zweite Chance: Was vor einigen Jahren noch der neueste Techniktrend war, ist heute auf den ersten Blick nichts mehr wert. Allerdings schlummern in den alten Mobiltelefonen wertvolle Rohstoffe, die ein Recycling allein aus Umweltgesichtspunkten äußerst sinnvoll machen. - © dpa
Zweite Chance: Was vor einigen Jahren noch der neueste Techniktrend war, ist heute auf den ersten Blick nichts mehr wert. Allerdings schlummern in den alten Mobiltelefonen wertvolle Rohstoffe, die ein Recycling allein aus Umweltgesichtspunkten äußerst sinnvoll machen. (© dpa)

Altkreis Halle. Vor 26 Jahren gab es in Deutschland gerade einmal 950.000 Mobilfunkverträge. Somit hatte nicht einmal jeder 80. Bundesbürger ein Handy, was aus heutiger Sicht verschwindend gering ist. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass derzeit jeder deutsche im Schnitt 1,5 Mobilfunkanschlüsse hat. Hinzu kommen rund 130 Millionen Handys, die dafür genutzt werden. Ebenso viele Mobiltelefone schlummern jedoch auf Dachböden, in Kellern oder in der hintersten Ecke der Schreibtischschublade.

Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom liegen derzeit rund 124 Millionen Handys ungenutzt herum. Die Zahl ist rasant angestiegen, schließlich waren es 2015 noch 100 Millionen und vor sieben Jahren lediglich 72 Millionen Altgeräte. Allein in den drei vergangenen Jahren ist der Althandymüllberg somit um ein Viertel angestiegen. „Das ist wirklich ein gesellschaftliches Problem", sagt Andreas Dierkes, Pressesprecher der Gesellschaft zur Entsorgung von Abfällen Kreis Gütersloh mbH (GEG), die auch den Entsorgungspunkt Nord in Künsebeck betreibt. Er plädiert dazu, die nicht mehr benötigten Handys beim Entsorgungspunkt abzugeben, schließlich enthalten sie wichtige Rohstoffe, die wunderbar recycelt werden können.

Wertvolle Rohstoffe im Inneren des Plastikgehäuses

„Wir sind ja ein sehr rohstoffarmes Land, daher müssen wir diese Vorräte abschöpfen", sagt Dierkes. Denn in den alten Telefonen, die nichts anderes konnten als Sprache oder maximal 160 Zeichen umfassenden Textnachrichten von A nach B zu transferieren, steckt noch ein großes Potenzial. Gold, Silber, Palladium und Kobalt können beim Recycling wiedergewonnen werden. Ein Mobiltelefon besteht etwa zu einem Viertel aus wertvollen Metallen.

Frühere Verkaufsschlager: Auf der Hannoveraner Computermesse CeBIT stellt der damalige Handy-Gigant Nokia 2002 die neuen Modelle mit polyphonen Klingeltöne und Farbdisplay vor. - © dpa
Frühere Verkaufsschlager: Auf der Hannoveraner Computermesse CeBIT stellt der damalige Handy-Gigant Nokia 2002 die neuen Modelle mit polyphonen Klingeltöne und Farbdisplay vor. (© dpa)

Wie viele Handys im Jahr am Künsebecker Entsorgungspunkt abgegeben werden, kann Dierkes nicht sagen. „Wir sammeln die Geräte nicht separat ein. Sie gehören zu den Kleingeräten und landen somit gemeinsam mit Mixer oder Haartrockner auf einem Haufen", sagt Dierkes. Von dort gehen die Geräte an Spezialfirmen, die den Rückbau des Handys vornehmen und fein säuberlich Schrott von wertvollem Restmaterial trennen. „In sehr komplizierten Einzelarbeiten werden die Metalle herausgefiltert", sagt Dierkes. Ein Aufwand, der sich offensichtlich lohnt, denn laut Dierkes gibt es unter den Firmen, die das betagte Handy förmlich obduzieren, einen großen Wettbewerb.

„Bei uns geht alles zertifizierte Wege", sagt Dierkes. Er wisse aber auch, dass viele Geräte in Afrika landen, wo sie „unter erbärmlichen Bedingungen für die Arbeiter und unter keineswegs umweltfreundlichen Bedingungen" auseinandergenommen werden. Schließlich sind einige Bestandteile in den Geräten giftig, wie etwa Kabel, Platinen oder Batterien. Diese müssen sauber entsorgt und dürfen nicht verbrannt werden.

Der Turnus von Elektrogeräten werde, so Dierkes, immer kurzlebiger. „Sechs von zehn Smartphone-Nutzern haben ihr Gerät im vergangenen Jahr gekauft", erklärt Bitkom-Umweltexperte Kai Kallweit. Aktuell hätten 80 Prozent der Bundesbürger ab 14 Jahren mindestens ein unbenutztes Handy zu Hause. Mehr als die Hälfte aller Befragten gaben sogar ein, zwei oder im Dornröschenschlaf gefallene Mobiltelefone zu horten. „Einige bauen anscheinen ein sehr emotionales Verhältnis zu ihrem Mobiltelefon auf und wollen es dann nicht mehr abgeben", sagt Dierkes.

Wer sein altes Handy nicht extra an den Rand von Künsebeck bringen möchte, kann es auch in eine der aufgestellten Wertstoffboxen werfen. Diese stehen an der Ecke Mönchstraße/Goebenstraße (Bahnübergang), an der Ecke Neumarkt 10/Gartnischer Weg sowie in Hesseln (Hesselner Straße 15, Sportplatz), in Hörste (Ruthebackstraße 15, Grundschule) oder in Künsebeck (Dürkoppstraße 22). Auf gar keinen Fall gehören die alten Telefone in den Hausmüll, wo allerdings auch jetzt noch zwei Prozent der Geräte landen. Ab und zu gibt es auch Sammelaktion karitativer Einrichtungen oder auch in Schulklassen. In der Regel nehmen auch Handy-Shops die antiken Kommunikationsgeräte wieder zurück, insbesondere dann, wenn ein neues Gerät gekauft wird.

Mit den multifunktionalen Smartphones heutiger Generationen haben die alten Knochen mit Monochrome-Display allerdings kaum noch etwas gemeinsam. „Bei uns können alte Mobiltelefone abgegeben werden. Wir schicken Sie dann an Vodafone und vorn dort aus werden sie entsorgt beziehungsweise wiederverwendet", sagt Pascal Niebrügge vom Wertheraner Handyshop. Er schätzt, dass im Schnitt pro Woche weniger als zwei Kunden vorbeikommen, um ihr altes Gerät abzugeben. „Einige lassen es da, wenn sie ein neues Handy kaufen. Andere kommen einfach so", sagt Niebrügge. Wichtig ist es in jedem Fall, vorab die persönlichen Daten zu löschen, etwa indem man das Gerät auf die Werkseinstellungen zurücksetzt.

In den USA gibt es einen ganz neuen Weg, um möglichst viele alte Handys wieder einsammeln zu können. An zahlreichen Standorten steht der Automat ecoATM. Er sieht aus wie ein Geldautomat und wenn man das alte Handy in den Eingebeschacht legt, wird ein Restwert ermittelt und ausgezahlt. Bis es aber soweit ist, ist weiterhin der Weg nach Künsebeck die beste Lösung.

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