"Ich arbeite an der letzten Milchkanne": Glosse einer HK-Mitarbeiterin

HK-Mitarbeiterin Anke Schneider zeigt ein persönliches Beispiel für Homeoffice auf der digitalen Durststrecke – Telefon, Handyempfang, schnelles Internet? Fehlanzeige.

Anke Schneider

Anke Schneider - © privat
Anke Schneider (© privat)

Borgholzhausen. Breitbandausbau bis zur Letzten Milchkanne wurde uns versprochen. Ich kann Ihnen versichern: die Milchkanne steht bei uns auf dem Hof und ich warte immer noch. Mit Beginn des Lockdown light Anfang November ist mein Geduldsfaden allerdings gerissen. Ich stemme das Homeoffice ohne zuverlässiges Festnetztelefon, ohne Handyempfang und mit elend miesem Internet.

Unsere Internetverbindung und die Telefonie läuft über LTE. „Der Mast ist überlastet, wir können nichts für Sie tun", so die Auskunft von Vodafone. Und so warte ich auf den Anschluss an das Glasfasernetz. Am 14. Januar 2021 um 8 Uhr soll er geschaltet werden. Das sind noch 518.400 Sekunden.

Das Arbeiten für die Zeitung von zu Hause aus? Ein Abenteuer. „Ich kann Sie nicht verstehen", ist mein häufigster Satz am Festnetztelefon. Mein Gesprächspartner wird dann in der Regel lauter, was die schlechter Verbindung nicht besser macht. Für geplante Anrufe setzte ich mich in mein Auto. Eine nahe gelegene Firma dürfte sich inzwischen bespitzelt fühlen, denn mehrmals am Tag stehe ich mit laufendem Motor auf ihrem Parkplatz – den Block auf den Knien, das Handy am Ohr. Zum Glück hat noch niemand die Polizei geholt.

Meine Laune sinkt schlagartig, wenn die Sekretärin meines Gesprächspartners folgenden Satz ins Telefon flötet: „Herr Mustermann ist gerade in einer Konferenz. Bitte rufen Sie in einer halben Stunde nochmal an." Also fahre ich nach Hause, um 30 Minuten später zurückzukehren. Der Worst-Case: „Herr Mustermann ruft Sie zurück." Dann höre ich mich sagen: „Das geht leider nicht" und ich muss meinem erstaunten Gesprächspartner erklären, wie das mit der Telefonie auf dem Land im 21. Jahrhundert funktioniert – oder eben auch nicht.

"Ich stehe mit einem T-Shirt bekleidet am Misthaufen und friere"

Für spontane Anrufe flitze ich mit meinem Handy hinter die Scheune. Dort habe ich LTE-Empfang. Wenn die Jacke mal wieder nicht griffbereit war versuche ich, meinen Gesprächspartner anzutreiben, damit ich nicht erfriere. „Entschuldigen Sie, aber ich stehe mit einem T-Shirt bekleidet am Misthaufen und friere?" Nein, das verkneife ich mir. „Der Akku ist gleich leer." Das versteht jeder.

Mein Schreibgerät ist leider ebenso empfindlich für Frost. „Herr Mustermann, ich rufe in fünf Minuten zurück. Ich muss schnell ins Haus flitzen und einen Bleistift holen?" Das geht auch nicht. Dann muss halt der Akku wieder herhalten. Irgendwann habe ich meine Aufzeichnungen im Block, bin wieder aufgetaut und die Stimmung steigt. Herr Mustermann sichert mir zu, noch ein Foto zum Thema zu schicken. Der Tag scheint gerettet.

In seiner Mail lese ich dann den Satz „Anbei schicke ich 15 Bilder zur Auswahl". Ich sacke zusammen, denn das Laden der 20-MB-Mail beschert mir eine unfreiwillige Pause von mindestens 20 Minuten. Wenn mein Arbeitstag dann glücklich zu Ende ist, lade ich erst einmal meinen eigenen Akku wieder auf. Versöhnlich schaue ich meine Milchkanne an und mache mit klar, dass das Leben auf dem Land auch ganz wundervolle Seiten hat. Und nun sind es ja auch nur noch 516.600 Sekunden.

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