Er läuft für das Leben durch ganz Deutschland

Claus Meyer

Zu übersehen ist er nicht: Mario Dieringer trägt ein Neon-T-Shirt, als er die Einfahrt von Jutta Opiela und Fritz Bude in Westbarthausen verlässt. Sein nächster Weg führt ihn nach Norddeutschland. Den Wagen hat ihm Fritz Bude gebaut, hinten prangt das Banner von Trees of Memory. - © Claus Meyer
Zu übersehen ist er nicht: Mario Dieringer trägt ein Neon-T-Shirt, als er die Einfahrt von Jutta Opiela und Fritz Bude in Westbarthausen verlässt. Sein nächster Weg führt ihn nach Norddeutschland. Den Wagen hat ihm Fritz Bude gebaut, hinten prangt das Banner von Trees of Memory. (© Claus Meyer)

Borgholzhausen-Westbarthausen.Den Begriff Selbstmord mag Mario Dieringer nicht. „Sagen wir lieber Suizid", schlägt er vor. »Selbsttötung« bedeutet das. Der Tag, an dem Mario Dieringer sich selbst töten wollte, war der 28. Dezember 2014. „Morgens um 8", präzisiert er. In letzter Sekunde wurde er gerettet. Für seinen Lebensgefährten, „die Liebe seines Lebens", kam Ostern 2016 jede Hilfe zu spät.

Seit der Jugend hatte Dieringers Freund mit Depressionen zu kämpfen gehabt, auch die Mutter und Großmutter waren schon betroffen. „Eine Behandlung hat er verweigert", sagt Dieringer. Zweieinhalb Jahre muss er hilflos zusehen, bis sich sein Freund das Leben nimmt. Dieringer selbst nimmt die Behandlung seiner eigenen Depression an.

Gründungsmitglied: Jutta Opiela aus Westbarthausen. - © Claus Meyer
Gründungsmitglied: Jutta Opiela aus Westbarthausen. (© Claus Meyer)

Am zweiten Todestag seines Lebensgefährten hat der Offenbacher sein Projekt gestartet. »Mario läuft« heißt es so einfach wie passend. Denn Mario Dieringer läuft. Weit und viel. Seine Wohnung und seinen journalistischen Beruf hat er aufgegeben für seine Idee. Menschen in seinem Umfeld sagten ihm: „Das geht nicht." Er sagt: „Es ist machbar."

Bis Ende des Jahres wird er in Deutschland unterwegs sein. Westbarthausen, das Haus von Jutta Opiela und Fritz Bude, ist eine Zwischenstation. Am 2. Juni kam er in Borgholzhausen an. An einem „Grau-in Grau-Tag ohne Sonnenstrahl", wie er in seinem Internet-Blog auf Englisch schreibt. Als die drei Damen von der Bäckerei sein Trees-of-Memory-Banner sahen, sponsorten sie ihm sein Frühstück.

Der Dümmer See, Vechta und Bremerhaven sind die nächsten Ziele. 2019 läuft Mario Dieringer voraussichtlich in der Schweiz und Österreich. Anfragen zu den Bäumen der Erinnerung liegen ihm aus den USA, Nepal, Israel und Kolumbien vor. „Die Welt ist das Limit", sagt Dieringer.

Eine Unterstützerin hat Dieringer in Jutta Opiela. Seit einem Jahr wohnt die gebürtige Fuldaerin bei ihrem Lebensgefährten Fritz Bude in Westbarthausen. Bis zu ihrer Pensionierung war sie Hauptschullehrerin. Eine schwierige Klientel. Und eine, die schnell bei der Hand war mit Sprüchen wie: „Dann bringe ich mich eben um."

Einen Suizid in ihrem Umfeld hat Jutta Opiela nie erlebt, aber gekümmert hat sie sich um die Schüler. Ihre Erfahrung will sie nun als Mitglied bei Trees of Memory einbringen. „Ich kann mir gut vorstellen, als Patin zu arbeiten", sagt sie. „Wir können helfen", ist sie überzeugt. Ihr schwebt vor, Kontakt zu einem Arzt herzustellen, der Betroffene bei Depressionen behandelt.

Die Bäume, die auf Dieringers Weg gepflanzt werden, sollen Erinnerung an den verlorenen Menschen, Mahnung an die Hinterbliebenen und Symbol einer Liebe sein, die wächst. „Ich sehe, was es mit den Leuten macht, wenn man einen Baum pflanzt. Sie berichten mir im Nachgang, dass sie jetzt loslassen können", sagt Dieringer.

Die Motive, die ihn leiten, sind frei von Esoterik oder Religion. „Bei suizidalen Gedanken ist es wichtig, medizinische Hilfe in Anspruch zunehmen", sagt er. Er selbst weiß aus eigener Erfahrung, warum. „Depressionen ändern die Hirnchemie", sagt Dieringer. Am Ende biete das Gehirn den Suizid als Lösung an, aus dem dunklen Keller zu gelangen.

Kurz nach Mittag muss Mario Dieringer weiter. Er umarmt Jutta Opiela und Fritz Bude, dankt für die Gastfreundschaft. Bude hat ihm einen Anhänger gebaut, auf dem Dieringer sein 50 Kilogramm schweres Gepäck besser transportieren kann als auf dem Rücken. Auf dem Banner hinten steht »Bitte unterstütze mich«. „Nach links oder nach rechts?", fragt Dieringer, als er aus der Einfahrt am Westbarthausener Hasenweg tritt. „Nach links", sagt Bude. Und Mario läuft.

Info
Trees of Memory und "Mario läuft"

Der Verein Trees of Memory möchte Menschen, die einen Angehörigen oder Freund durch Suizid verloren haben, bei der Trauerbewältigung helfen.

Die von Mario Dieringer begleitete Baumpflanzaktion ist nur eine Säule. Der Verein stellt den Betroffenen ein Netzwerk und Informationen zur Verfügung. Paten übernehmen diese Aufgabe, können etwa Kontakt zu Therapeuten herstellen. Trees of Memory möchte nach eigener Aussage „auch diejenigen unterstützen, die selbst Suizidgedanken in sich tragen".

Gegründet wurde der Verein im November 2017. Die Westbarthausenerin Jutta Opiela ist Gründungsmitglied.

»Mario läuft« ist ein vom Verein unterstütztes Projekt. Am 31. März startete Mario Dieringer in Frankfurt am Main. Bei seinem Gang um die Welt pflanzt Mario Dieringer die Bäume der Erinnerung, mit denen Menschen an Suizidopfer aus ihrem Umfeld erinnern.

Betroffene laden ihn ein. „Das bestimmt die Route", sagt Dieringer. Kann er selbst an einer Pflanzung nicht teilnehmen, kommt ein anderes Mitglied von Trees of Memory vorbei.

Interessenten können Dieringers Route im Internet verfolgen und mit ihm Kontakt aufnehmen. Der Journalist bedient die gängigen sozialen Medien. Infos mit entsprechenden Links gibt es unter www.treesofmemory-ev.com.

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