BielefeldOstwestfalendamm wird jetzt zur riesigen Dauerbaustelle: Verkehrschaos droht

Wer auf den OWD angewiesen ist, der muss jetzt tapfer sein - denn es kommen Sperrungen und Umleitungen. Doch es gibt auch Bielefelder, die profitieren werden.

Susanne Lahr

Der Bau des Ostwestfalendamms hat 1984 begonnen. Auf dem Landesabschnitt ist noch der Ursprungsbelag, die Fahrbahnübergänge der Graphia-Brücke sind zwischenzeitlich mal nachgebessert worden. - © Susanne Lahr
Der Bau des Ostwestfalendamms hat 1984 begonnen. Auf dem Landesabschnitt ist noch der Ursprungsbelag, die Fahrbahnübergänge der Graphia-Brücke sind zwischenzeitlich mal nachgebessert worden. © Susanne Lahr

Bielefeld. Die Bielefelder und alle Ein- und Auspendler müssen stark sein: der Ostwestfalendamm (OWD) wird ab Sommer zur Großbaustelle. Zunächst wird auf einer Länge von einem Kilometer die Fahrbahn erneuert.

Ab Herbst sollen dann über viele Monate die Fahrbahnübergänge an der Graphia-Brücke erneuert werden. Und in dieser Woche wollen die Stadt und der Landesbetrieb Straßen NRW nunmehr Klarheit über die künftigen generellen Geschwindigkeitsbeschränkungen auf dem OWD schaffen.

1.000 Meter Asphalt

Die Stadtautobahn ist zweigeteilt: der eine Part ist in Trägerschaft der Stadt, ab der Brücke Haller Weg Richtung A 33 hat der Landesbetrieb Straßen NRW die Baulast.

Die hartnäckige Bürgerinitiative gegen Lärm am OWD, die hier 2016 am OWD-Übergang zur Graphia-Brücke den Lärm misst, kommt ihren Zielen jetzt wieder ein Stückchen näher.  - © Susanne Lahr
Die hartnäckige Bürgerinitiative gegen Lärm am OWD, die hier 2016 am OWD-Übergang zur Graphia-Brücke den Lärm misst, kommt ihren Zielen jetzt wieder ein Stückchen näher.  (© Susanne Lahr)

Letztgenannter hatte bereits angekündigt, dem OWD auf 800 Metern eine neue Asphaltschicht verpassen zu wollen. Im Vorgriff war deshalb die Geschwindigkeit temporär tagsüber von 100 auf 80 reduziert worden. „Jetzt haben wir das Baufenster auf 1.000 Meter verlängert – ab der Brücke Richtung Ausfahrt Quelle", sagt Sven Johanning, Sprecher von Straßen NRW.

Drei Fahrspuren + eins

Diese Karte von 2017 zeigt die Lärmbelastung im Bereich des OWD. In den dunkelroten Bereichen liegen die Immissionen zwischen 65 und 70 dB(A), in den blauen Bereichen oberhalb von 75 Dezibel. Der neue Grenzwert liegt tagsüber bei 64. - © Stadt Bielefeld
Diese Karte von 2017 zeigt die Lärmbelastung im Bereich des OWD. In den dunkelroten Bereichen liegen die Immissionen zwischen 65 und 70 dB(A), in den blauen Bereichen oberhalb von 75 Dezibel. Der neue Grenzwert liegt tagsüber bei 64. (© Stadt Bielefeld)

Der Baustellenbereich an sich wird jedoch noch länger, weil die Verkehrsumleitung früher beginnen muss. Johanning erläutert, dass dafür die Mittelleitplanke geöffnet und jeweils eine Fahrspur auf die Gegenfahrbahn verschwenkt wird. Wie von Autobahnbaustellen bekannt, gibt es dann auf einer OWD-Seite drei Fahrspuren – eine davon in Gegenrichtung – und eine Fahrspur auf der Seite, wo der Asphalt erneuert wird.

Eingebaut wird eine Art Flüsterasphalt. Fachleute sprechen von Splitt-Mastix-Asphalt, dessen Korngröße helfen soll, die Rollgeräusche der Fahrzeuge zu minimieren.

„Der bringt richtig was", betont denn auch Sven Johanning. Bei Pkw, die schneller als 60 km/h unterwegs sind, wird eine Lärmminderung von 2,8 dB(A) versprochen, bei Lastwagen mit deutlich grobstolligeren Reifenprofilen sogar von 4,6 Dezibel. Der Einbau soll nach Möglichkeit ab Juli in den sechs Wochen Sommerferien geschafft werden.

Neue Lärmrichtlinie

Solche Art von Flüsterasphalten spielen auch in der neuen Richtlinie für den Lärmschutz an Straßen (RLS 19) eine Rolle. Die Richtlinie ist bereits 2019 vom Bundesverkehrsministerium bekannt gemacht worden, tritt aber erst zum 1. März diesen Jahres offiziell in Kraft und löst die Richtlinie von 1990 ab. Damals gab es Flüsterasphalt noch nicht, so Johanning.

An Bundesfernstraßen wie dem OWD gelten jetzt schärfere Immissionsgrenzwerte: In Wohngebieten oder Bereichen mit Kliniken oder Schulen werden tagsüber (6 bis 22 Uhr) die Lärmgrenzwerte von 67 auf 64 dB(A) gesenkt, nachts von 57 auf 54 Dezibel. In der Kategorie „Kern-/Dorf- und Mischgebiete", in die auch der Ostwestfalendamm fällt, gelten tags nur noch 66 statt 69 dB(A) sowie nachts 56 statt 57 dB(A) als Grenze. (Gewerbegebiete: 72 tags, nachts 62 Dezibel).

Lkw-Grenze 3,5 Tonnen

Die RLS 19 ist für die Frage nach dem Lärmschutz für Anlieger am OWD auch deshalb elementar, weil ein Lkw damit wieder erst ab 3,5 Tonnen zu einem Schwerlastfahrzeug wird. Nach der noch gültigen RLS 90 liegt die Grenze bei 2,8 Tonnen. Ein ewiger Streitpunkt zwischen Anliegern und Amt für Verkehr bei der Frage der Lärmschutzberechnungen.

Warum das einen so großen Unterschied macht, zeigt ein Blick in die Jahresauswertung der Zählstelle auf dem OWD für 2020: Nach alter Lesart haben 2,614 Millionen Schwerlastfahrzeuge die Stadtautobahn benutzt, nach neuer Lesart wären es nur 866.345.

Insgesamt bringt die neue Richtlinie neue Lärmkennwerte für die Unterscheidung der Fahrzeugtypen. Pkw sind dann alle Fahrzeuge mit und ohne Anhänger (inklusive Lieferwagen) bis 3,5 Tonnen. Die Liste der „Lkw 1" beinhaltet Lastwagen ohne Anhänger und Busse, „Lkw 2" sind Lkw mit Anhänger, Sattelschlepper und Motorräder, weil deren Schallbelastung der von Schwerlastverkehr gleichzusetzen ist. Die OWD-Zählstelle an der Blitzeranlage kann übrigens alle diese Typen fein säuberlich auseinanderhalten.

Neue Brückenübergänge

Gerade die schwereren Fahrzeug machen den Anliegern auch deshalb zu schaffen, weil sie an der Graphia-Brücke beim Queren der Fahrbahnübergänge laute Geräusche auslösen. „To-tong" oder „Ta-tack" im Sekundentakt, weil die Lagerung der Schwellen ihre besten Zeiten hinter sich hat.

Rechts ein Fahrbahnübergang alter Bauart, wie er auch an der Graphia-Brücke zu finden ist, links die neue Zick-Zack-Variante, die mehr Schall schlucken soll.  - © Straßen NRW
Rechts ein Fahrbahnübergang alter Bauart, wie er auch an der Graphia-Brücke zu finden ist, links die neue Zick-Zack-Variante, die mehr Schall schlucken soll.  (© Straßen NRW)

Die Arbeiten an der Brücke bedürfen einer längeren Vorbereitungszeit. Der Sprecher von Straßen NRW erläutert, dass die Übergänge aus Metall mit Gummi oder Kunststofflagerung vorgefertigt werden. Wie beim Asphalt gibt es auch hier eine Neuerung, die Lärm mindern soll: Die Rillen laufen nicht mehr parallel, sondern im Zickzack. Dadurch werde der Schall besser geschluckt.

Sven Johanning geht von einer langen Bauzeit aus – inklusive Winterpause. Sobald die Auftragnehmer nach der Ausschreibung feststehen, könne genauer geklärt werden, wie lange die Arbeiten dauern werden. Und was es kostet – dazu wollte Straßen NRW keine Auskünfte geben. Auch bei der Brückensanierung wird es die gleiche „3+1"-Umleitung geben, wie bei der Asphalterneuerung.

Tempowirrwarr

Seit Längerem gilt auf dem OWD ein Geschwindigkeitsflickenteppich. Die Stadt hatte im Oktober 2019 aus Lärmschutzgründen auch tagsüber durchgängig Tempo 80 angeordnet. Straßen NRW mochte für seinen Teil nicht folgen. Der Verkehr auf der Stadtautobahn müsse fließen, zudem hieß es, dass 20 km/h weniger die Lärmbelastung nicht signifikant senken würden.

Nachts nur noch 60?

Nach Klage der OWD-Anwohner hatte das Verwaltungsgericht Minden der Stadt aufgetragen, ihre Ermessensentscheidung zu Tempo 80 noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Und jetzt ist auf Grundlage der am März gültigen RLS 19 noch einmal neu gerechnet worden; gibt es ein Gutachten, das vorschlägt, nachts die Geschwindigkeit gar auf 60 km/h zu senken. Das Amt für Verkehr und Straßen NRW scheinen nun eine Entscheidung getroffen zu haben, die sie in dieser Woche gemeinsam verkünden wollen.
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