Impfskepsis bei PflegepersonalAngst vor Unfruchtbarkeit: Junge Frauen glauben an Impfmythos

In Pflegeheimen lehnen vor allem Mitarbeiterinnen die Corona-Schutzimpfung ab, weil sie glauben, dass der Impfstoff Schwangerschaften verhindert. Der Mythos kursiert bereits seit Jahren, ist jedoch wissenschaftlich widerlegt.

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Bielefeld/Berlin. Mit den Impfungen der Bewohner und Mitarbeiter in Pflegeheimen gegen das Coronavirus ist die Impfkampagne Ende 2020 in Deutschland angelaufen. Während die Impfbereitschaft der Bewohner in den meisten Einrichtungen bei über 90 Prozent liegt, entscheiden sich viele Pflegekräfte gegen die Schutzimpfung. Mitunter liegt die Bereitschaft bei nur 50 Prozent. Auffällig: Die Impfskepsis ist vor allem bei jungen Frauen verbreitet. Sie lehnen die Impfung in dem Glauben ab, dass sie dadurch unfruchtbar werden. Ein Mythos, der schon seit Jahren auch im Zusammenhang mit anderen Impfungen kursiert. Doch obwohl es keine wissenschaftlichen Belege dafür gibt, hält sich die Theorie hartnäckig.

„Impfgegner verbreiten mit dieser und anderen Verschwörungsmythen Angst und Schrecken", moniert der Bielefelder Gynäkologe Rolf Englisch, Vorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte in Westfalen-Lippe. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine Impfung gegen das Coronavirus die weibliche Fruchtbarkeit negativ beeinflusst. Trotzdem wird es auch im Zusammenhang mit anderen Impfungen wie gegen Diphtherie seit Jahren behauptet."

Mediziner Wolfgang Wodarg verbreitet Falschinformationen

Der Bielefelder Gynäkologe Rolf Englisch, Vorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte in Westfalen-Lippe, hofft, dass die breite Bevölkerung bald gegen das Coronavirus geimpft werden kann. - © Praxis Mein Gyn
Der Bielefelder Gynäkologe Rolf Englisch, Vorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte in Westfalen-Lippe, hofft, dass die breite Bevölkerung bald gegen das Coronavirus geimpft werden kann. (© Praxis Mein Gyn)

Besonders häufig beziehen sich Frauen, die eine Impfung gegen das Coronavirus aus Angst vor Unfruchtbarkeit ablehnen, auf den Mediziner Wolfgang Wodarg, der seit Beginn der Pandemie Falschinformationen verbreitet. Das Gefährliche an ihm: Wodarg kann als Mediziner und ehemaliger Stipendiat der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore Expertise vorweisen. Zudem ist er ehemaliger Leiter des Gesundheitsamtes Flensburg und saß von 1994 bis 2009 für die SPD als Abgeordneter im Bundestag.

Wodarg behauptet, dass die Impfung gegen das Coronavirus eine Immunreaktion auslösen kann, die sich nicht nur gegen das Coronavirus wendet, sondern auch gegen ein Protein, das an der Bildung der Plazenta in der Gebärmutter beteiligt ist. Seine Begründung: Die Impfung generiert Antikörper gegen das sogenannte Spike-Protein des Coronavirus und dieses Protein stimmt in Teilen mit dem körpereigenen Protein Syncytin-1 überein, das für eine gesunde Ausbildung der Plazenta notwendig ist. Daraus schlussfolgert Wodarg, dass die gebildeten Antikörper nicht nur das Coronavirus bekämpfen, sondern auch eine Schwangerschaft verhindern können.

Sorge vor Unfruchtbarkeit ist unbegründet

Mediziner verschiedener Einrichtungen wie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sind sich jedoch einig, dass das eine Falschbehauptung ist, weil die Proteine sich nur in einer sehr kleinen Sequenz ähneln. Die Sorge vor einer unerwünschten Abwehrreaktion sei deshalb unbegründet. Auch in den klinischen Studien zu den Impfstoffen gibt es keinen Hinweis auf eine Unfruchtbarkeit bei geimpften Frauen.

Außerdem müssten bei unerwünschten Abwehrreaktionen bei Schwangeren, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben und ebenfalls Antikörper bilden, Komplikationen während der Schwangerschaft entstehen. Untersuchungen, unter anderem aus den USA mit mehr als 40.000 publizierter Fälle von Corona-positiven Schwangeren, zeigen jedoch, dass das nicht der Fall ist.

Theorie hält sich hartnäckig

Trotzdem hält sich die Theorie von Wodarg hartnäckig, vor allem bei Frauen mit Kinderwunsch. „Gegen diese Anti-Wissenschaftler und auch Impfgegner in der Bevölkerung kommt man leider auch mit wissenschaftlichen Argumenten nicht an", bedauert Gynäkologe Englisch. „Eine gefährliche Entwicklung, wenn dadurch die Impfbereitschaft, insbesondere bei Mitarbeitern in Pflegeheimen oder Kliniken sinkt. Denn die dort betreuten Bewohner und Patienten sind durch das Coronavirus besonders gefährdet."

In seiner Praxis erlebt Englisch ein großes Interesse an der Corona-Schutzimpfung. „Viele Patientinnen fragen mich, wann es endlich los geht, doch Antworten kann ich ihnen bislang leider nicht geben." Auch der Gynäkologe hofft, dass er und seine Kollegen in den Hausarzt- und Facharztpraxen bald mit der Immunisierung der breiten Bevölkerung beginnen können. „Die Praxen sind bereit und haben in den vergangenen Woche gezeigt, was sie können, indem sie so viele Patienten wie nie gegen Grippe geimpft haben."

Schwangere haben ein erhöhtes Risiko für schwere Covid-19-Verläufe

Schwangere zählen laut Beschluss der Ständigen Impfkommission (Stiko) für die Empfehlung der Corona-Schutzimpfung zu den Personengruppen mit erhöhtem Risiko. Die Impfstoffe gegen das Coronavirus sind bislang jedoch noch nicht für Schwangere zugelassen worden. Die Impfstoff-Hersteller Biontech und Moderna planen jedoch Studien an Schwangeren. Zudem laufen bereits Tierstudien, deren Ergebnisse in Kürze erwartet werden.

Bis die Ergebnisse vorliegen, empfiehlt die Stiko, dass die Partner von Schwangeren vorrangig geimpft werden sollen. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, die Bundesarbeitsgemeinschaft leitender Ärztinnen und Ärzte in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie der Deutsche Hebammenverband fordern, diese Priorisierung auf das Personal in der Geburtshilfe auszudehnen. Zum Umfeld von Schwangeren zählt laut Englisch auch das Personal gynäkologischer Praxen. „Da Schwangere noch nicht geimpft werden können, ist es wichtig, dass das Umfeld zügig geimpft wird."

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