Patientinnen üben Kritik an Therapie mit einer Nazi-Anhängerin

Tattoo-Symbole auf der Haut ihrer Mitpatientin lösen Angst bei zwei Bielefelderinnen aus. Wie die Therapeuten der Gruppe darauf reagieren, ärgert sie sehr.

Jens Reichenbach

Der Aufnäher der Rechtsrockband Skrewdriver prangte auf der Jacke der Frau. Ihr angeblicher Ausstieg aus der Neonazi-Szene wurde damit nicht glaubwürdiger. - © picture alliance
Der Aufnäher der Rechtsrockband Skrewdriver prangte auf der Jacke der Frau. Ihr angeblicher Ausstieg aus der Neonazi-Szene wurde damit nicht glaubwürdiger. (© picture alliance)

Bielefeld. Zwei junge Bielefelderinnen (24, 29) sahen sich gezwungen, ihre Gruppentherapie zu verlassen, weil unter ihnen eine offenkundig rechtsradikale Mitpatientin saß. Im Hochsommer waren ihnen Neonazi-Tattoos auf der Haut der Frau aufgefallen. Als sie ihre Therapeuten darauf ansprachen, erlebten sie zunächst viel Verständnis für ihre Angst.

Bei den Symbolen handelte sich um die bei Neonazis weit verbreitete „Schwarze Sonne", die gemeinhin als Ersatz für das verbotene Hakenkreuz verwendet wird, und die germanische Odal-Rune, die zum Erkennungssymbol der verbotenen Neonazi-Organisation Wikingjugend geworden war. Davon verunsichert holten sich beide Rat bei Experten für Rechtsextremismus und die bestätigten die eindeutige Botschaft der Tattoos: Sie werden als eine Art Aushängeschild oder Wappen genutzt. Sowohl innerhalb der Szene als Beweis für die unumstößliche, auf dem Körper verewigte ideologische Haltung, aber auch ganz offen nach außen als Provokation.

Frauen empfanden Angst

Beide Frauen empfanden seitdem Angst – zumal die 29-Jährige jüdische Wurzeln hat. In ihrem offenen Brief an die Bodelschwinghschen Stiftungen, zu denen die Therapiegruppe gehört, schreiben sie: „Eine Gruppentherapie sollte ein geschützter Raum sein – auch für privateste Informationen." Obwohl die Tattoo-Trägerin nie in der Therapie unangenehm oder mit rechtsextremen Ansichten aufgefallen war, fühlten sie sich nicht mehr sicher.

Sie befürchteten, dass private Informationen an gewaltbereite Nazis weitergegeben werden könnten. Als sie ihre Therapeuten auf den Hintergrund der Symbole hinwiesen, „reagierten sie entrüstet und sehr rücksichts- und verständnisvoll", sagt die 24-Jährige. Der Therapeut betonte, dass er aber seine Patientin darauf ansprechen werde.

Ausstieg aus der rechten Szene ist "nicht glaubhaft"

Nach einer Woche kam die Rückmeldung, dass die Patientin tatsächlich der Neonaziszene angehört habe, aber ausgestiegen sei. Allerdings habe sie bis heute noch vereinzelt Kontakte in die Szene, hieß es. Sie wolle weder die Tattoos überstechen lassen, was viele Aussteiger als Abschluss des schwierigen Prozesses tun, noch wollte sie auf den Aufnäher der Rechtsrockband Skrewdriver auf ihrer Jacke verzichten.

Für die Bielefelderinnen und ihre Unterstützer war diese Geschichte vom Ausstieg aus der Szene nicht glaubhaft. Deshalb lehnten beide das Angebot der Verantwortlichen ab, in der Gruppe mit der Frau über die Situation zu sprechen, in der sich diese von rechter Gesinnung distanzieren und künftig die Symbole verdecken sollte.

Ohne strafrechtliche Vergehen, kann man auch Nazis keinen Wechsel nahelegen

„Wir wollten nicht, dass eine Schein-Distanzierung unwidersprochen in der Gruppe stehenbleibt. Außerdem blieb unsere Angst", sagt die 24-Jährige. Beide hatten gehofft, die Gruppe wechseln zu können, oder noch besser – dass die Rechte außerhalb ihrer Gruppe weitertherapiert werden könnte.

Bethel-Sprecher Johann Vollmer erklärt: „In Deutschland wie in Bethel wird medizinische Versorgung jedem zuteil, der sie benötigt. Keiner wird zurückgelassen, ein Gruppenausschluss ist, so keine strafrechtlichen Gründe vorliegen, darum nicht möglich." Es bedeutet: So lange sie keine Gesetze bricht, kann man der Tattoo-Frau keinen Wechsel nahelegen. „Wir hoffen sehr, dass wir mit den Beteiligten darüber ins Gespräch kommen können", so Vollmer.

Statt der Frau mit den Nazi-Tattoos waren nun die anderen beiden draußen

Weil sie sich weigerten, an einem gemeinsamen Gruppengespräch teilzunehmen, waren dafür nun die beiden Beschwerdeführerinnen draußen. Der 29-Jährigen wurde alternativ eine Einzeltherapie angeboten. Die 24-Jährige bekam die Nachricht, dass man es schade fände, dass sie nicht weiter an der Gruppe teilnehme. „Für mich hat es sich angefühlt, als würden mir die Therapeuten in den Rücken fallen", sagt sie.

Deshalb kritisieren sie die Entscheidung der Verantwortlichen als inakzeptabel: „Therapeuten stellen ihre Patientinnen vor die Wahl, sich entweder einer Bedrohung durch Nazis auszusetzen oder die Therapie zu beenden." Johann Vollmer entschuldigt sich, sollte es hier zu einem Missverständnis gekommen sein: „Wir wiederholen daher unser Angebot gegenüber den Patientinnen, die Therapie individuell und in Einzelgesprächen fortzuführen, wenn sie die Teilnahme in der Gruppe ablehnen." Bethel stehe für Vielfalt, Toleranz und Offenheit gegenüber allen Menschen. „Wir positionieren uns klar gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus."

Experten fragen, statt das Problem schnell wegschieben

Die Betroffenen machten den Fall dennoch öffentlich, „um ein Umdenken anzuregen". Die 29-Jährige hat ähnliche Erfahrungen in einer anderen Stadt gemacht: „Jedes Mal hatte ich den Eindruck, dass die Unsicherheit der Verantwortlichen dazu führt, das Problem schnell wegzuschieben – jedes Mal zu meinem Nachteil." Sie fordert daher Bethel auf, mit professionellen Beratungsstellen zusammenarbeiten.

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