Schwere Tierquälerei bleibt ohne Folgen für Tönnies-Zulieferer

Die Ermittlungen gegen einen Zulieferer-Betrieb von Tönnies werden eingestellt, weil der Staatsanwaltschaft Zeugen fehlen.

Jeanette Salzmann

Tierrechtler dokumentierten grausame Zustände in der Mastanlage in Rheda-Wiedenbrück, viele Tiere hatten blutige Verletzungen an Ohren und Schwänzen. Auch das Deutsche Tierschutzbüro hat damals Strafanzeige erstattet.  - © Deutschen Tierschutzbüro e.V.
Tierrechtler dokumentierten grausame Zustände in der Mastanlage in Rheda-Wiedenbrück, viele Tiere hatten blutige Verletzungen an Ohren und Schwänzen. Auch das Deutsche Tierschutzbüro hat damals Strafanzeige erstattet.  (© Deutschen Tierschutzbüro e.V.)

Gütersloh. Mitten in der Corona-Szenerie rund um Tönnies tauchte im Juli ein Video auf, dass Tierschützer in den Schweineställen der Diedam-Aussel GmbH in Rheda-Wiedenbrück gedreht haben wollen. Gezeigt werden schwere Verstöße gegen das Tierschutzgesetz. Die neue Gütersloher Ratsfrau und stellvertretende Vorsitzende der Partei Die Linke im Kreis Gütersloh, Camila Cirlini, stellte Strafanzeige gegen den Zulieferer-Betrieb von Tönnies.

Jetzt kam Post von der Staatsanwaltschaft Bielefeld, die das Ermittlungsverfahren eingestellt hat. Maßgeblich ist, dass es keine Tatzeugen gibt, da die Ersteller des Videos nicht namentlich in Erscheinung treten. „Das in Rede stehende Video kann für sich alleine nicht als Beweismittel herangezogen werden", so die Staatsanwaltschaft, es könne nämlich nicht zweifelsfrei festgestellt werden, wann, wie und wo das Video produziert worden sei. „Auch Manipulationen sind denkbar." Derweil hat das Veterinäramt und die QS GmbH den Betrieb Diedam-Aussel kontrolliert und freigegeben. „Er wurde auch von uns selbst auditiert", erklärt Tönnies auf Nachfrage. Seitdem sei der Betrieb vom Konzern wieder freigegeben und beliefert ihn. Camila Cirlini kündigt im Interview weitere Schritte an:

Das Filmmaterial, um das es geht, hat durchaus Brisanz. Der große Aufschrei der Öffentlichkeit aber blieb im Sommer aus. Warum eigentlich?

CAMILA CIRLINI: Die Kaltherzigkeit und Verrohung mancher Menschen ist in unserer Zeit ein großes Problem. Ich weiß nicht, warum so etwas in unserer Gesellschaft vielfach einfach toleriert wird und weiterhin weggeschaut wird. Wir müssen erkennen, dass Verstöße gegen das geltende Tierschutzgesetz in der sogenannten Nutztier-Industrie keine Ausnahme sind, sondern leider an der Tagesordnung. Ich wünschte, so etwas wäre eine Ausnahme. Das ist es aber nicht. Ich kann auch verstehen, wenn man derartige Bilder nicht sehen möchte. Es sind zum Teil unerträgliche Bilder und es tut schon beim Hinschauen weh. Aber wenn schon für uns das alleinige Hinschauen nicht auszuhalten ist, wie schlimm muss es erst für die Tiere sein, die so was durchmachen müssen?

Um welche Verstöße geht es genau? Was ist auf dem Video zu sehen?

Cirlini:In dem Video waren schwer verletzte Schweine zu sehen, die sich in einem überfüllten, dreckigen Stall drängen. Man konnte überall Fäkalien sehen und Gülle, die durch die Spaltenböden nach oben drang. Die Tiere standen in ihren eigenen Hinterlassenschaften. Es waren zumeist noch sehr junge Schweine mit schweren, unbehandelten Verletzungen. Während gefilmt wurde, fraßen sich die Tiere gegenseitig die Ohren und Schwänze ab. Es waren tennisballgroße Abszesse, Verstümmelungen und extreme Augenverletzungen zu sehen. Ich habe schon einiges aus Ställen gesehen aber derartig aufgequollene, herausstehende Augen, die auf eine längere Vernachlässigung und Verwahrlosung hinweisen – so etwas habe ich noch nicht gesehen. Diese schweren Verletzungen weisen außerdem darauf hin, dass die betroffenen Tiere außerordentlichen Schmerzen und schwerem Leid ausgesetzt waren.

Wann ist das Video aufgetaucht und wie haben Sie davon Kenntnis erhalten?

CIRLINI: Das Video wurde im Rahmen einer Protestaktion am 22. Juli dieses Jahres vor Tönnies gezeigt. Ich konnte an der Protestaktion leider nicht teilnehmen, habe aber das entsprechende Foto- und Filmmaterial zugesendet bekommen und auch weiteres Material im Netz angesehen. Das Foto- und Filmmaterial wurde im Anschluss aber auch öffentlich von den bekannten Fernsehsendern gezeigt.

Sind Sie die einzige, die Strafanzeige gegen den Landwirt gestellt haben?

CIRLINI: Ich habe als Privatperson Strafanzeige gegen den derzeitigen Tönnies-Zulieferer Diedam-Aussel GbR aus Rheda-Wiedenbrück gestellt. Es gibt noch mindestens zwei weitere Personen aus Gütersloh, die ebenfalls Strafanzeige erstattet haben. Zwar habe ich nicht im Namen meiner Partei Strafantrag gestellt, aber Sie können davon ausgehen, dass ich hier vollste Unterstützung habe.

Hatten Sie Kontakt zu den Landwirten? Konnten Sie sich ein Bild von der Situation machen?

CIRLINI: Nein, ich habe keinen Kontakt zu den Landwirten und verzichte auch sehr gern darauf. Ich weiß auch nicht so recht, ob der Begriff Landwirte hier angebracht ist. Ich stamme selber väterlicherseits aus der Landwirtschaft, aus dem Obstanbau. Mein Vater hat jedes Obst-Bäumchen sorgsam von Hand einpflanzt und gepflegt. Wir alle brauchen Landwirtschaft, weil die Landwirtschaft dafür sorgt, dass wir zu Essen haben. Deshalb distanziere ich mich hier in aller Deutlichkeit von derartigen „Landwirten".

Camila Cirlini (Die Linke) stellte Strafanzeige gegen einen Zuliefererbetrieb von Tönnies. - © NW
Camila Cirlini (Die Linke) stellte Strafanzeige gegen einen Zuliefererbetrieb von Tönnies. (© NW)

Wer Tiere quält, ist ein Tierausbeuter und Tierquäler, aber sicher kein Landwirt. Ich trete ein für eine nachhaltige, ökologische Landwirtschaft, die zukunftsfähig ist. Tierfabriken gehören nicht dazu.

Warum wollen die Zeugen/Ersteller des Videos nicht namentlich in Erscheinung treten?

CIRLINI: Dazu kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Es gibt zur Zeit Gespräche mit den Personen und Anwälten und man wird sicherlich in Kürze damit an die Öffentlichkeit treten.

Wie haben die Zeugen von den Missständen erfahren?

CIRLINI: Auch hierzu kann ich Ihnen leider nichts sagen. Aber Sie können davon ausgehen, dass solche Zustände kein Einzelfall sind. Manchmal spricht es sich einfach herum. Alle Jubeljahre werden Ställe mal kontrolliert. Ich weiß von Ställen, die in 30 Jahren nicht ein einziges Mal kontrolliert wurden. Die verantwortlichen Veterinäre sind überfordert und überarbeitet. Wir brauchen dringend mehr Stellen diesbezüglich, um hier regelmäßig in kürzeren Abständen kontrollieren zu können. Freiwilligkeit bringt meiner Meinung nach gar nichts.

Können Sie selbst sicher sein, dass das Video keine Fälschung ist und vor Ort gedreht wurde?

CIRLINI: Es wurde an Eidesstadt versichert, dass die Aufnahmen aus dem besagten Stall und vom 13. Juli stammen. Eine Zeitung im Video belegt dies außerdem. Ein Video mit solchen schlimmen Verletzungen von Tieren kann doch gar nicht gefaked werden.

Ist der Vorfall damit erledigt oder werden Sie versuchen, weitere Maßnahmen zu ergreifen?

CIRLINI: Für mich ist dies erst dann erledigt, wenn die Straftäter vor Gericht gestellt werden. Auf jeden Fall werde ich die Angelegenheit weiter verfolgen und falls erforderlich, die Whistleblower unterstützen.

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