BielefeldBielefelder Tierheim-Chefin schmeißt hin, neue Leiterin aus der Mode-Branche

Anna Venzke hat überraschend hingeschmissen. Bundesweit suchte der Tierschutzverein nach einer Nachfolgerin - erfolglos. Die Lösung: ein Quereinstieg, der ungewöhnlicher wohl kaum sein könnte. Und es gibt große Pläne.

Susanne Lahr

Zum neuen Konzept des Tierheimes gehören zwei Gruppen-Hundehäuser mit je 200 Quadratmeter großen Ausläufen. - © Susanne Lahr
Zum neuen Konzept des Tierheimes gehören zwei Gruppen-Hundehäuser mit je 200 Quadratmeter großen Ausläufen. © Susanne Lahr

Bielefeld. Das Bielefelder Tierheim hat eine neue Leiterin. Der Vertrag ist unterschrieben, jetzt muss nur noch der bisherige Arbeitgeber mitspielen, damit die Neue am 1. September offiziell anfangen kann. Darum darf der Name der Mittvierzigerin hier noch nicht verraten werden.

Der Tierschutzverein Bielefeld betritt mit dieser Personalie Neuland, denn die künftige Chefin des Tierheims an der Kampstraße ist nicht vom Fach. Die letzten Jahre hat sie in leitender Funktion für das Erscheinungsbild eines großen ostwestfälisch-lippischen Modeunternehmens verantwortlich und sucht nun eine völlig neue Herausforderung. Und noch eine Nachricht: Ab dem kommenden Monat wird sich das Tierheim nach der Corona-Vollbremsung auch wieder zwei Tage in der Woche für Besucher ohne Anmeldung öffnen.

"Null Bewerbungen"

Michael Hanke, früherer kaufmännischer Leiter des Tierheims, ist aus dem Ruhestand in Spanien gekommen, um 10 Tage kräftig beim Aufräumen des 16.000 Quadratmeter großen Geländes zu helfen. - © privat
Michael Hanke, früherer kaufmännischer Leiter des Tierheims, ist aus dem Ruhestand in Spanien gekommen, um 10 Tage kräftig beim Aufräumen des 16.000 Quadratmeter großen Geländes zu helfen. (© privat)
„Auf unsere bundesweiten Stellenausschreibungen haben wir Null Bewerbungen erhalten", schildert Vereinsvorsitzender Helmut Tiekötter, wie schwer es war, für Anna Venzke einen Ersatz zu finden. Diese hatte nach nur zwei Jahren als Chefin zu Ende März ihren Job gekündigt. Zuvor war sie bereits als Jugendliche im Tierheim aktiv gewesen und hatte dort auch eine Ausbildung zur Tierpflegerin absolviert. Inhaltliche Differenzen mit dem Vorstand des Tierschutzvereins als Träger der Einrichtung hatte Venzke als Grund für ihre Kündigung genannt. In der Übergangszeit übernahm aus dem Leitungsteam wieder Barbara Snelting, Venzkes Vorgängerin, die Aufgaben.

Jetzt kommt also eine Quereinsteigern, die dank privater Hundesuche in Kontakt mit dem Tierheim Sennestadt gekommen ist, wie Helmut Tiekötter schildert. „Die Chemie stimmt, und gemeinsam werden wir daran arbeiten, dass dieses Engagement eine Erfolgsgeschichte wird."

Überbleibsel des Fußball-Märchens von 2006 sind diese massiven Betonblöcke. Damit war einst der Niederwall abgesperrt, jetzt sorgen sie dafür, dass die Hunde brav über die gepflasterten Außenbereich ins Innere laufen und so nicht ganz so viel Dreck mit hinein schleppen. - © Susanne Lahr
Überbleibsel des Fußball-Märchens von 2006 sind diese massiven Betonblöcke. Damit war einst der Niederwall abgesperrt, jetzt sorgen sie dafür, dass die Hunde brav über die gepflasterten Außenbereich ins Innere laufen und so nicht ganz so viel Dreck mit hinein schleppen. (© Susanne Lahr)

Grünanlagen ab Herbst

Als erstes wird sie die nötigen Sachkundenachweise erwerben müssen. Wichtig sind dem Vereinschef aber auch Mitarbeiterführung, der Kontakt zu Behörden und Fachkenntnisse, die die leitende Angestellte aus ihrer Branche mitbringt.

Optisch könne sich das Tierheim immer weiter verbessern, sagt Helmut Tiekötter, der mit einem zufriedenen Rundumblick erzählt, dass in den vergangenen zehn Tagen mächtig auf dem Gelände aufgeräumt worden sei. „Jemand, der von außen kommt, hat aber noch einmal einen ganz anderen Blick darauf."

Neues Hundehaus, Tierheim Sennestadt, in Betrieb - © Susanne Lahr
Neues Hundehaus, Tierheim Sennestadt, in Betrieb (© Susanne Lahr)

Das neue Hundehaus wird diesem kritischen Blick sicher standhalten. Im Großen und Ganzen sind die Bauarbeiten, die vor mehr als zwei Jahren begonnen haben, abgeschlossen. Aufwendige Kleinigkeiten müssen noch angebracht oder eingebaut werden, die Grünanlagen werden erst im Herbst gestaltet.

Künftig Platz für 40 Hunde

Die ersten Fellnasen haben die neuen, viel großzügigeren Räume und Ausläufe schon bezogen. Der 50 Meter lange Neubau, der anstelle eines von zwei alten Hundehäusern à 25 Meter errichtet worden ist, hat für die meisten 8 Quadratmeter große Räume und 40 Quadratmeter große Außenzwinger. Vorher mussten sich oft zwei Hunde einen 12-Quadratmeter-Zwinger teilen, der 1976 als Standard galt.

Das neue Hundehaus (hinten) ist fast fertig, die Außenanlagen, die Helmut Tiekötter hier mit seine Hündin Ayla inspiziert, müssen bis Herbst warten. - © Susanne Lahr
Das neue Hundehaus (hinten) ist fast fertig, die Außenanlagen, die Helmut Tiekötter hier mit seine Hündin Ayla inspiziert, müssen bis Herbst warten. (© Susanne Lahr)

Jetzt sind die Unterkünfte der Tiere so konstruiert, dass sie vor Zugluft geschützt sind, an kalten Tagen kann eine kleine Fläche per Fußbodenheizung extra geheizt werden. Eine zentrale Hochdruckreiniger-Anlage erleichtert die Pflege des Hundehauses mit 20 Innenboxen, die bei Bedarf noch mit Kunststoffpaneelen geteilt werden können.

Leonie Jürging vermacht dem Tierheim ein Haus

Auch die 17 Außenzwinger sind flexibel nutzbar. So ist künftig Platz für 40 Hunde. „Im Schnitt liegen wir bei 30 Hunden, die im Tierheim auf Vermittlung warten", sagt Helmut Tiekötter. Ebenfalls bezogen sind die beiden neuen Gruppenhäuser mit 200 Quadratmeter großem Außengelände, wo diejenigen Hunde im Rudel vergesellschaftet werden, die zu den Langzeitkunden des Tierheims gehören, weil sie aufgrund von Ängsten oder Macken nicht so leicht vermittelbar sind. Dort ist Platz für 15 Hunde.

Geplant ist, das neue Hundehaus nach der Sennerin Leonie Jürging zu benennen, die 2015 verstorben ist und dem Tierheim ein Haus im Wert von 150.000 Euro vermacht hat. Das war ein wichtiger Grundstock für das Projekt, das rund 600.000 Euro gekostet hat.

Pläne für Mehrzweckgebäude

Robert heißt der kräftige Bursche, der im Tierheim auf ein neues Zuhause wartet. Derweil kann er sich im neuen Hundehaus und den großzügigen Zwingern recht wohlfühlen. - © Susanne Lahr
Robert heißt der kräftige Bursche, der im Tierheim auf ein neues Zuhause wartet. Derweil kann er sich im neuen Hundehaus und den großzügigen Zwingern recht wohlfühlen. (© Susanne Lahr)

Trotz der vielen Eigenleistung des Tierheim-Teams und der vielen Ehrenamtlichen. Zuletzt ist sogar Michael Hanke aus Spanien angereist, um an der Kampstraße wieder mal tatkräftig mit anzupacken. Hanke war vor seiner Verrentung kaufmännischer Leiter des Tierheims und verbringt nun seinen Lebensabend in Spanien.

Das Tierheim, das Mitte März zunächst für alle Besucher und Gassi-Geher geschlossen worden ist, wird sich nun langsam wieder öffnen. „Einige Gassi-Geher sind zurück", sagt Tiekötter. Nun sollen auch wieder Besucher kommen dürfen. Ab 1. September sollen die Tore dienstags und freitags von 14 bis 17 Uhr geöffnet werden – natürlich unter Corona-Bedingungen . Montags, donnerstags und samstags kann man nach Terminvereinbarung kommen.

Helmut Tiekötter schmiedet derweil schon neue Pläne: für ein Mehrzweckgebäude an Stelle des zweiten alten Hundehauses, für eine Modernisierung und Aufstockung des Kleintierhauses, eine kleine Abteilung für Exoten fehlt auch, ein Schwimmbecken für das Wassergeflügel .... Ans Aufhören denkt der 68-Jährige noch nicht. „Ist ja auch kein Nachfolger in Sicht", sagt er und lacht.

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