VersmoldFinanzchef der Nagel-Group SE: „Das schlechteste Jahr in der Geschichte“

Der Logistikriese hat seine Geschäftszahlen für 2017 veröffentlicht. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Umsatzerlöse um 1,9 Prozent leicht gestiegen. Das Ergebnis täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass es in Versmold Probleme gibt

Nicole Donath

Die Zentralverwaltung der Nagel-Group: Nach HK-Informationen gehören Teile der Gebäude in Versmold ebenso wie Fuhrpark und Betriebsausstattung zu jenen Teilen, die verkauft wurden, um sie dann zu leasen. - © Nagel Group
Die Zentralverwaltung der Nagel-Group: Nach HK-Informationen gehören Teile der Gebäude in Versmold ebenso wie Fuhrpark und Betriebsausstattung zu jenen Teilen, die verkauft wurden, um sie dann zu leasen. © Nagel Group

Versmold. Gerade erst hat die Nagel-Group ihren sogenannten Modernisierungskurs und in diesem Zuge die Entlassung von 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angekündigt. Nahezu parallel wurden vom europaweit agierenden Familienunternehmen die Geschäftszahlen für das Jahr 2017 veröffentlicht – und sogar die eigene Bewertung dafür fällt hart aus: „Das Jahr 2017 entsprach nicht unseren Erwartungen und war operativ das schlechteste in der Unternehmensgeschichte", erklärte Finanzchef Joachim Ehlers gegenüber der Deutschen Verkehrszeitung.

Fuhrpark und Immobilien verkauft und zurückgemietet

So hat die Nagel-Group SE als Konzernmutter für die rechtlich eigenständigen Gesellschaften der Nagel-Group zum 31. Dezember 2017 einen Umsatzerlös von 1,596 Milliarden Euro erzielt. „Damit konnte der in der Vorjahresprognose erwartete leichte Anstieg ebenso realisiert werden wie die Verbesserung der Rohertragsmarge um einen halben Prozentpunkt", heißt es im Bericht. Der Anstieg des Konzernergebnisses um 2,7 auf 13 Millionen Euro falle derweil etwas geringer aus als veranschlagt – hier hatte man zuvor rund 15 Millionen Euro prognostiziert.

Als Ursachen für den Anstieg der Umsatzerlöse werden unter anderem „erfolgreiche Preisanpassungen bei Kundenverträgen" genannt. 37 Prozent der Erlöse wurden dabei im Ausland erzielt, 63 Prozent in Deutschland. Was dabei Sorgen bereitet: Das Betriebsergebnis – also der Gewinn aus dem operativen Geschäft – ist sogar negativ. 2016 waren es noch 4,4 Millionen Euro; 2017 wird ein Minus von 2,2 Millionen Euro verzeichnet. Als Grund hierfür werden höhere Personalkosten angegeben.

Teile des Fuhrparks und Betriebsausstattung wurden verkauft

Ein Teil des Finanzierungsmodells besteht bei der Nagel-Group offenbar darin, dass große Teile des Fuhrparks sowie Vermögensgegenstände der Betriebs- und Geschäftsausstattung – das können Mobiltelefone, Rechner oder Mobiliar sein – verkauft wurden, um sie dann vom Käufer zu leasen. Dasselbe gilt für drei Immobilien. Nach HK-Informationen betrifft das auch die Zentralverwaltung: Teile der Gebäude in Versmold befinden sich demzufolge nicht mehr in Besitz von Nagel, sondern sind seit 2017 nur noch angemietet. Das Logistikzentrum im Interkommunalen Gewerbegebiet in Borgholzhausen wurde unterdessen gleich mit einer Investmentgesellschaft gebaut.

Der Gesamtwert aller Leasingverpflichtungen belief sich am 31. Dezember 2017 auf 113,38 Millionen Euro. „Die Liquiditätskennzahlen zeigen jedoch, dass die Nagel-Group weiterhin über eine hohe finanzielle Stabilität und ausreichend Handlungsspielraum verfügt", heißt es dazu im Bericht direkt weiter. Ein klares Nein also auf die Frage, ob Nagel aus finanziellen Zwängen heraus diese Geschäfte getätigt hat. Und auch Joachim Ehlers unterstreicht gegenüber der DVZ, dass nicht „schnelle Gewinne" im Vordergrund gestanden hätten, sondern die Veräußerungen „im Zuge der Asset-Light-Strategie" geschehen seien. Dennoch gilt es, diese Entwicklung mittelfristig zu beobachten.

Denn das EBITDA, also der Gewinn ohne Berücksichtigung von Steuern, Zinsen oder Abschreibungen, ist rückläufig: 2016 waren es 66,1, im Jahr 2017 nur noch 64,7 Millionen Euro. Oder anders herum: Wären Fuhrpark und Immobilien nicht verkauft worden, würde das Konzernergebnis nicht ein Plus von rund 13, sondern einen Verlust von rund sieben Millionen Euro ausweisen. Und tatsächlich wird auch im Bericht konstatiert, dass der Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit trotz des gestiegenen Konzernergebnisses um 18,53 Millionen Euro geringer ausgefallen sei, weil im Ergebnis Erträge aus der Veräußerung von Anlagevermögen enthalten seien, die nicht der operativen Geschäftstätigkeit zugerechnet würden.

Mann für die Zukunft: Carsten Taucke kam erst im Dezember 2018 zu Nagel. - © Andre Zelck
Mann für die Zukunft: Carsten Taucke kam erst im Dezember 2018 zu Nagel. (© Andre Zelck)

Erstmals macht Nagel durch den Konzernlagebericht auch öffentlich, wie teuer der Kauf des Tiefkühlspezialisten MUK Transthermos (heute Nagel TK GmbH & Co KG) war. So wurde der Firmenwert mit 68,1 Millionen Euro eingestuft und dementsprechend auch bezahlt. Weitere 17,7 Millionen Euro müssen jedoch zusätzlich beim Kaufpreis berücksichtigt werden – diese Summe beinhaltet die weiteren Sachanlagevermögen. Dabei kann es sich beispielsweise um die Einrichtung der Tiefkühlhäuser handeln.

Nachdem die Übernahme von MUK Transthermos während des Geschäftsjahres 2016 noch beim Kartellamt lag, fließt das Ergebnis der Münchener seit 2017 in das Gesamtergebnis der Nagel Group mit ein. Zwar haben sich die Tiefkühlspezialisten von der Offenlegung ihrer Jahresabschlüsse befreien lassen. Laut Björn Schniederkötter (COO) beläuft sich das operative Ergebnis in 2018 jedoch auf rund 2,5 Millionen Euro. Nach HK-Informationen waren das in den Vorjahren zwischen sieben und acht Millionen Euro.

Für das Geschäftsjahr 2018 hat die Nagel-Group einen Umsatzanstieg auf rund 1,8 Milliarden Euro prognostiziert sowie ein EBITDA von 79,5 Millionen Euro. Ein ambitioniertes Ziel. „Wir haben Anfang 2018 die Preise um fünf Prozent angehoben und streben für 2019 erneut sechs Prozent an – die zusätzlichen Mautkosten kommen noch obendrauf", wird Schniederkötter in der DVZ zitiert.

Kaufpreis für MUK Transthermos öffentlich gemacht

In diesem Zusammenhang hat der neue CEO Carsten Taucke noch eine große Baustelle zu bearbeiten: Die Auslandsgesellschaften Dänemark, Tschechien, Slowakei und Ungarn sollen defizitär sein. Dasselbe gilt HK-Recherchen zufolge für die Gesellschaften in Holland und Belgien, während Österreich, Italien und Frankreich eine schwarze Null schreiben. Positive Nachrichten gibt es aus Polen und England – und dem Kerngeschäft Deutschland. Es bleibt mit Abstand der wichtigste Markt für Nagel.

Spannend bleibt die Frage, wie intensiv sich die Sparmaßnahmen im Zuge des Modernisierungskonzeptes auswirken. Und ob es bei der Zahl von 100 Mitarbeitern bleibt, deren Stellen abgebaut werden sollen. Bis Ende März soll die verunsicherte Belegschaft nach Aussage der Geschäftsführung Klarheit haben.

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