Endlich wieder Sportlehrerin: Syrerin Noura Alkhatib kämpft für ihren Traum

Die Syrerin Noura Alkhatib hat einen Traum. Sie möchte in ihrer neuen Heimat an ihr altes Leben anknüpfen und wieder als Sportlehrerin arbeiten. Dafür gibt sie alles und trifft auf viele Menschen, die ihr im richtigen Moment eine Hand reichen.

Silke Derkum-Homburg

Kommt gut an: Bei den Schülern ist Noura Alkhatib beliebt. „Ich habe ihnen gleich zu Beginn meine Geschichte erzählt. Sie sind sehr respektvoll mir gegenüber“, sagt die 32-Jährige. Ihr Kopftuch sei bisher noch für niemanden ein Thema gewesen. Fotos: Burkhard Hoeltzenbein - © Burkhard Hoeltzenbein
Kommt gut an: Bei den Schülern ist Noura Alkhatib beliebt. „Ich habe ihnen gleich zu Beginn meine Geschichte erzählt. Sie sind sehr respektvoll mir gegenüber“, sagt die 32-Jährige. Ihr Kopftuch sei bisher noch für niemanden ein Thema gewesen. Fotos: Burkhard Hoeltzenbein (© Burkhard Hoeltzenbein)

Versmold. „Mein Name ist Noura Alkhatib und ich komme aus Aleppo. Ich habe einen Artikel über Weihnachten in meinem Land geschrieben, und ich möchte ihn gerne in der Zeitung veröffentlichen." Diese Mail erreicht die HK-Redaktion vor ein paar Tagen. Weihnachten in Syrien – das klingt interessant und so laden wir Noura Alkhatib zum Gespräch in die Redaktion ein.

Doch um Weihnachten geht es dann nur am Rande. Zu interessant und berührend ist das, was die junge Frau sonst zu erzählen hat. Von ihrem Leben in Deutschland, von dem, was ihr hier widerfahren ist – und von ihrem großen Traum, wieder als Sportlehrerin zu arbeiten. Und so ist die Geschichte von Noura Alkhatib am Ende doch eine Weihnachtsgeschichte, in der es um Hoffnung geht, um Hilfsbereitschaft und den festen Glauben daran, dass am Ende alles gut wird.

„Entweder wir sterben hier oder im Meer"

Vier Jahre tobt der Krieg schon in Aleppo, als sich Noura Alkhatib und ihr Ehemann Abdulwahab Badenjki 2014 zur Flucht entschließen. „Jeden Tag sahen wir Tote auf der Straße liegen und konnten nicht helfen. Wenn wir das Haus verließen, drückten wir uns immer eng an der Wand entlang, um nicht selbst getroffen zu werden", berichtet sie von der Zeit. „Entweder wir sterben hier oder im Meer, haben wir uns gesagt." Ihr Mann macht sich über Griechenland auf den Weg nach Deutschland, sie selbst bleibt mit den drei und vier Jahre alten Söhnen allein zurück, kümmert sich um ihre krebskranke Mutter und hofft, dass ihr Mann die Familie bald nachholt.

Sportlerin aus Leidenschaft: Noura Alkhatib hat in Syrien fünf Jahre lang Basketball gespielt. Sie liebt die Beschäftigung mit den Kindern. - © Burkhard Hoeltzenbein
Sportlerin aus Leidenschaft: Noura Alkhatib hat in Syrien fünf Jahre lang Basketball gespielt. Sie liebt die Beschäftigung mit den Kindern. (© Burkhard Hoeltzenbein)

Ein Jahr später ist es soweit. Sie bekommt ein Visum zur Familienzusammenführung und kommt am 4. September 2015 in Versmold an. „Ich werde das Datum nie vergessen, denn an meinem ersten Tag in Deutschland, ist meine Mutter in der Türkei gestorben und so war für mich hier alles nur schwarz", sagt sie. Zwei Monate habe sie nur in ihrem Zimmer gesessen, getrauert und nichts gemacht – bis ein Brief vom Jobcenter kam mit der Ankündigung, dass sie ab Januar einen Deutschkurs besuchen soll.

„Ich wusste, dass ich hier nur eine Chance habe, wenn ich die Sprache kann", sagt sie, stürzt sich in den Deutschkurs und findet nach kurzer Zeit zu ihrer früheren Energie zurück. In Aleppo hatte sie sieben Jahre lang als Sportlehrerin an einer Schule gearbeitet. „Als ich gesagt habe, dass ich das hier auch machen will, haben mich viele ausgelacht und gesagt, dass ich mit Kopftuch keine Chance habe", erzählt sie, „diese Worte haben mich stark gemacht und ich habe gesagt: Doch, ich schaffe das."

Die SG Oesterweg wird ihre erste sportliche Anlaufstelle. „Ich habe meine Söhne zum Turnen angemeldet und mir angeguckt, wie das hier so läuft und geholfen", sagt sie. Beim Stadtsportbund Osnabrück macht sie ihren Übungsleiterschein und darf schon kurz darauf selbst zwei Basketballgruppen für Kinder bei der SG anbieten. Der Verein und vor allem Nicole Jakob unterstützen sie. „Dadurch habe ich gespürt, ich bin stark, ich kann etwas machen", sagt sie.

„Ich muss ganz von unten anfangen"

Im Dezember 2016 endet ihr Deutschkurs mit Sprachniveau B1. Sie geht zum Jobcenter, fragt nach dem nächst höheren B2-Kurs und erfährt, dass es dafür zu wenig Interessenten gebe. „Wie viele müssen es sein", fragt Noura Alkhatib. „Zwölf", lautet die Antwort. „Ich habe alle Leute angerufen, die ich in Versmold kenne, und nach drei Tagen bin ich wieder dort hingegangen mit einer Liste mit 16 Teilnehmern und der Kurs konnte stattfinden", sagt sie und strahlt übers ganze Gesicht.

Beim Lernen unterstützt Deutschlehrerin Christina Krößmann-Berg die Syrerin. „Nach etwa drei Monaten im ersten Kurs hatte ich bei Pfarrerin Anja Kettler geklagt, dass ich die Sprache bestimmt nie richtig sprechen werde, wenn ich keine Deutschen kenne, mit denen ich mich unterhalten kann", erzählt sie. „Am nächsten Tag schickte sie mir die Telefonnummer von Christina und ich rief sie an."

Sie erzählt der Versmolderin auch von ihrem Traum wieder Sportlehrerin zu sein. „Ich habe mir die ganze Zeit überlegt, wie ich in das System reinkommen kann und mir war klar, dass ich von unten anfangen muss und vielleicht gäbe es dann einen Chef, der mich sieht und mir auf die nächste Stufe hilft", sagt sie. Ein Praktikum im Kindergarten hatte sie schon einmal gemacht. Nun ist es Zeit für den nächsten Schritt.

Kommt gut an: Bei den Schülern ist Noura Alkhatib beliebt. „Ich habe ihnen gleich zu Beginn meine Geschichte erzählt. Sie sind sehr respektvoll mir gegenüber", sagt die 32-Jährige. Ihr Kopftuch sei bisher noch für niemanden ein Thema gewesen. - © Burkhard Hoeltzenbein
Kommt gut an: Bei den Schülern ist Noura Alkhatib beliebt. „Ich habe ihnen gleich zu Beginn meine Geschichte erzählt. Sie sind sehr respektvoll mir gegenüber", sagt die 32-Jährige. Ihr Kopftuch sei bisher noch für niemanden ein Thema gewesen. (© Burkhard Hoeltzenbein)

Christina Krößmann-Berg schlägt ihr vor, es als Mitarbeiterin im Offenen Ganztag zu versuchen und animiert sie, eine Bewerbung an die Volkshochschule Reckenberg-Ems zu schreiben, die in Harsewinkel Ganztagsträger an mehreren Grundschulen ist. Am 15. September 2017, zwei Jahre, nach ihrer Ankunft in Deutschland, sitzt sie an der Kardinal-von-Galen-Schule in Harsewinkel vor Schulleiterin Monika Scharf – und tritt kurz darauf ihre erste Stelle in Deutschland als pädagogische Fachkraft an.

Eine Woche später bietet Monika Scharf ihr zusätzlich an der Schule selbst einen Sechs-Stunden-Vertrag als Aushilfslehrerin im Sportunterricht an. Für Noura Alkhatib geht ein Traum in Erfüllung. „Ich wollte am liebsten den ganzen Tag an dieser Schule sein und habe gefragt, ob ich die restlichen Vormittagsstunden neben meinem eigenen Unterricht nicht noch als unbezahlte Praktikantin dort lernen kann", sagt sie.

Von 7 bis 17 Uhr ist sie fortan an der Schule, leitet die Basketballgruppe bei der SG Oesterweg, spielt Handball bei der Spvg. Hesselteich und engagiert sich im Förderverein der Sonnenschule, auf die ihre Söhne gehen. „Ich habe viel Energie und möchte Deutschland was zurückgeben", sagt sie.

Ihr Mann, der beim Gewürzhersteller Fuchs in Dissen arbeitet, unterstützt sie bei allem und kümmert sich nachmittags um die Kinder, wenn sie noch bei der Arbeit ist. „Wir haben nur eineinhalb Jahre Hilfe vom Staat bekommen, seitdem leben wir finanziell unabhängig. Das macht uns glücklich", sagt die 32-Jährige.

„Sie gehört einfach in den Schuldienst"

Im vergangenen Sommer endet der Traum vom Leben als Sportlehrerin vorerst, denn der befristete Sechs-Stunden-Vertrag läuft aus. „Ich habe geweint und gefragt, ob ich nicht als Praktikantin bleiben darf", sagt sie. Aber Schulleiterin Monika Scharf lehnt ab und erzählt ihr stattdessen von einer Fortbildung für Sportlehrer im Schwimmen an der Uni Münster. „Ich habe gar nicht gefragt warum, sondern mich einfach angemeldet", sagt Noura Alkhatib und genau das schätzt ihre Mentorin Monika Scharf so an ihr. „Egal, was man ihr vorschlägt, sie geht am nächsten Tag hin und meldet sich an", sagt sie. Das soll sich auszahlen.

Denn im September bekommt sie den Hinweis, dass die Gesamtschule Harsewinkel eine Sportlehrerin sucht. Sie bewirbt sich – und ist nun seit dem 29. Oktober Lehrerin an der Gesamtschule. „Ich habe eine Vollzeitstelle als Vertretungslehrerin mit Anstellungsvertrag vom Land", sagt sie stolz und betont, dass sie ohne Monika Scharf niemals soweit gekommen wäre. „Sie hat im Hintergrund so viele E-Mails geschrieben, mit vielen Leuten gesprochen und mir immer wieder Mut gemacht", sagt sie. „Eine Frau wie Noura gehört einfach in den Schuldienst. Ich habe ihr nur die Türen geöffnet, aber sie hätte das alles nie erreicht, wenn sie nicht so ein offener und herzlicher Mensch wäre, der so zielstrebig für seine Ziele kämpft", sagt die Schulleiterin.

Noura Alkhatib ist in Deutschland angekommen und möchte hier bleiben, um nun etwas zurückzugeben. „Ich erzähle meine Geschichte gerne in der Zeitung, um mich bei Deutschland und allen, die mir auf meinem Weg geholfen haben, zu bedanken. Und weil ich zeigen will, dass wir Syrer und Frauen mit Kopftuch nicht so sind, wie manche vielleicht denken", sagt die Versmolderin. Sie möchte auch ihren Landsleuten Mut machen: "Sie haben oft Angst, die Deutschen anzusprechen, aber das brauchen sie wirklich nicht zu haben."

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