Stolpersteine: Versmold ist jetzt Teil des größten Mahnmals der Welt

Silke Derkum-Homburg

Künstler Gunter Demnig aus Köln bei seiner Arbeit - © Silke Derkum-Homburg, HK
Künstler Gunter Demnig aus Köln bei seiner Arbeit (© Silke Derkum-Homburg, HK)

Versmold. Schweigend, routiniert und ohne nur ein einziges Mal den Blick zu heben, kniet Künstler Gunter Demnig auf dem Boden der Gestermannstraße, nimmt drei Pflastersteine heraus und legt an ihrer Stelle die Gedenksteine für Lina, Nathan und Leo Spiegel in den Boden. Um ihn herum stehen rund 60 Versmolder und hören, was Stadtführer Karl-Heinz Galling über Leben und Leidensweg der Familie Spiegel berichtet.

Vor vier Jahren hatte Galling die Idee der Stolpersteine für Versmold an Bürgermeister Michael Meyer-Hermann herangetragen. Seitdem hat er viel positive Resonanz darauf bekommen, aber es gab auch Widerstände von Versmoldern, die Erinnerungen dieser Art kritisch gegenüberstehen.

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Mehr über die Nachfahren der Familie Steinfeld

Fertig! - © Silke Derkum-Homburg, HK
Fertig! (© Silke Derkum-Homburg, HK)

Am Dienstag, 11. Dezember, ist nun der Tag gekommen, den Meyer-Hermann als „neues Kapitel unserer Erinnerungskultur an eines der schwärzesten Kapitel unserer Stadtgeschichte" bezeichnet. Nachdem auch an der Ravensberger und der Wiesenstraße alle Steine verlegt sind, erinnert er im offiziellen Teil des Nachmittags daran, dass es in Deutschland wieder Strömungen gebe, bei denen sich Hass gegen Minderheiten richte. Es fange an mit Worten, sagt er, und man sehe an diesen Mahnmalen, wo es enden könne.

„Wir haben von den Schicksalen dieser Menschen gehört, und dieser Hintergrund ist kein Grund zur Freude", sagt Gunter Demnig. Trotzdem freue er sich über jeden Stein, mit dem das Gedenken aufrechterhalten wird. 1992 habe er die Idee zu den Stolpersteinen gehabt. Aber erst 2000 habe er mit dem Projekt beginnen können und vor drei Wochen in Frankfurt den 70.000. Stolperstein verlegt. In 24 Ländern liegen die Steine und erinnern an Holocaust- und andere Naziopfer.

Auch in Versmold soll es mit dem Gedenken weitergehen, kündigt Meyer-Hermann an. Es sollen nicht nur Steine für jüdische Bürger, sondern zum Beispiel auch für Euthanasieopfer verlegt werden. Das Schlusswort spricht Ben Manion, dessen Frau eine Verwandte der Familie Steinfeld ist, für die ebenfalls vier Steine verlegt werden. Die Familie ist extra aus Irland dafür angereist. Wenn dieses Engagement typisch sei für die Menschen in Deutschland, sagt er, dann habe er keine Angst vor der Zukunft.

Jüdische Bürger in Versmold

Julie Steinfeld: * 6. Dezember 1857 in Borghorst, † 11. Oktober 1943 – ermordet im Konzentrationslager Theresienstadt. Julie Steinfeld, geborene Gumprich, und ihr 1920 verstorbener Ehemann Abraham gehörten zu den wohlhabenden Familien in Versmold. Sie hatten ein großes Anwesen an der Wiesenstraße 11 mit Stallungen und Schlachthaus. Bereits 1933 waren sie Opfer antisemitischer Übergriffe. Im Sommer 1935 versammelten sich über 150 Versmolder vor ihrem Haus und zerstörten die Fenster. Die Familie versuchte vergeblich nach Brasilien zu immigrieren. Am 31. Juli 1942 wurde die 84-jährige Julie Steinfeld nach Theresienstadt deportiert.

Erinnerung an die Familie Steinfeld - © Silke Derkum-Homburg, HK
Erinnerung an die Familie Steinfeld (© Silke Derkum-Homburg, HK)


Alma Steinfeld: * 1. März 1901 in Versmold, † 1944 – ermordet im Vernichtungslager Auschwitz. Alma Alena Steinfeld war die jüngste der fünf Geschwister der Familie. Ihr ältester Bruder Alfred fiel als Soldat für Deutschland im Ersten Weltkrieg, sein Name steht auf den Gedenktafeln für die gefallenen Söhne der Stadt vor der Petri-Kirche. Alma Steinfeld wurde am 31. Juli 1942 gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Selma als letzte Jüdinnen in Versmold in aller Öffentlichkeit deportiert und zunächst ins KZ Theresienstadt gebracht. Von dort wurde Alma Steinfeld am 10. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Selma Steinfeld: * 17. Februar 1893 in Versmold, † 1943 – ermordet im Vernichtungslager Auschwitz. Selma Steinfeld erlebte wie ihre Mutter und die Geschwister Alma und Bernhard den ganzen Schrecken der Judenverfolgung in Versmold. In der Pogromnacht, die in Versmold am 10. November 1938 stattfand, wurde das Haus der Familie verwüstet, Fenster und Türen eingeschlagen, Möbel zerstört, auf die Straße geworfen und geklaut. Selma Steinfeld wurde am 31. Juli 1942 gemeinsam mit Mutter und Schwester zunächst nach Bielefeld gebracht, dann ins KZ Theresienstadt deportiert und von dort am 29. Januar 1943 nach Auschwitz, wo sie ermordet wurde.

Bernhard Steinfeld: * 24. August 1894 in Versmold, † 9. September 1942 – ermordet im Vernichtungslager Kulmhof. Bernhard Steinfeld führte nach dem Tod des Vaters den Viehhandel der Familie weiter. Er war schon ab 1933 das Ziel offenen Judenhasses. 1938 wurde gegen ihn der fingierte Vorwurf der Tierquälerei erhoben und er wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er in Bochum absitzen musste. Da er schwer krank war, wurde er nach Köln ins jüdische Krankenhaus verlegt. Von dort wurde er am 22. Oktober 1941 ins Ghetto nach Lodz deportiert und von dort ins Vernichtungslager nach Kulmhof, wo er ermordet wurde.

Nathan L. Spiegel: * 11. September 1879 in Versmold, † Todesdatum unbekannt – ermordet im Vernichtungslager Sobibor. Nathan Lefmann Spiegel lebte mit seiner Familie an der Gestermannstraße 9. Die Familie betrieb dort eine Schlachterei und einen Fleischerladen. 1938 musste Nathan Spiegel das Geschäft schließen, da ihm der Gewerbeschein entzogen wurde. Er zog zunächst nach Frankfurt und dann mit seiner zweiten Frau Bertha Loeb nach Bendorf-Sayn im Westerwald. Dort arbeitete er als Pförtner in einer jüdischen Heil- und Pflegeanstalt. Am 15. Juni 1942 wurde das Ehepaar ins Vernichtungslager Sobibor deportiert.

Gedenken: Familie Spiegel lebte an der Gestermannstraße. - © Silke Derkum-Homburg, HK
Gedenken: Familie Spiegel lebte an der Gestermannstraße. (© Silke Derkum-Homburg, HK)

Leo Spiegel: * 16. März 1911 in Versmold, † 11. Januar 1943 – ermordet im Vernichtungslager Auschwitz. Leo Spiegel war der Sohn von Nathan und Regina Spiegel. Seine Mutter Regina verstarb 1937 nach längerer Krankheit und war die Letzte, die auf dem jüdischen Friedhof in Borgholzhausen beigesetzt wurde. Im selben Jahr ging der 26 Jahre alte Leo Spiegel in die jüdische Heil- und Pflegeanstalt in Bendorf-Sayn. Im November 1942 wurde er für elf Tage im Jüdischen Krankenhaus Berlin inhaftiert und am 29. November 1942 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde.

Lina Spiegel: * 27. November 1880 in Erdmannrode/Hünfeld, † Todesdatum unbekannt – ermordet im Vernichtungslager Auschwitz. Lina Spiegel war eine geborene Katz und die Schwägerin von Nathan Spiegel. Sie betrieb an der Berliner Straße in Versmold ein Tuch- und Textilgeschäft. Als sie dieses aufgeben musste, zog sie in den Haushalt ihres Schwagers Nathan an die Gestermannstraße 9 und von da aus später nach Bielefeld. Sie wurde am 31. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und blieb dort fast zwei Jahre. Am 15. Mai 1944 wurde sie ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Simon Blein: * 30. April 1907 in Gramsberge/Niederlande, † 16. Juli 1943 – ermordet im Vernichtungslager Sobibor. Simon Blein war als Handlungsreisender in Diensten der Firma Bergfeld und unterstützte Luise Bergfeld im Geschäft. Der Niederländer wohnte über dem Kaufhaus an der Ravensberger Straße 17. Im Februar 1935 floh er in die Niederlande, wurde aber dort von August 1942 bis Juli 1943 nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Sammellager Westerbork interniert. Am 13. Juli 1943 wurde er ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und drei Tage später ermordet.

Luise Bergfeld: * 2. August 1865 in Versmold, † September 1942 – ermordet im Vernichtungslager Treblinka. Luise Bergfeld war die Inhaberin des Kaufhauses Bergfeld an der heutigen Ravensberger Straße 17. Ihr Bruder Carl Bergfeld hatte 1918 eine Stiftung gegründet, die die Behandlung von Kindern mittelloser Leute im Versmolder Krankenhaus ermöglichte. Aufgrund der antijüdischen Boykottaufrufe verkaufte sie das Geschäft 1935 und zog nach Warburg, später dann nach Köln in ein jüdisches Altenheim. Sie wurde im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert, im September dann nach Treblinka, wo sie ermordet wurde.

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