Tabu-Thema: Warum in Seniorenheimen oft gestohlen wird

Melanie Wigger

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Versmold. Auf wenigen Quadratmetern richten sie ihr letztes Zuhause ein. Wohn-, Schlaf- und Empfangszimmer in einem. Ihr Eigentum schrumpft auf das Nötigste, ebenso die Privatsphäre: Wer sie besuchen will, klopft an, tritt ein und steht mittendrin zwischen den letzten Habseligkeiten der Bewohner von Seniorenheimen. Für Diebe ideale Bedingungen. Obwohl aus den Versmolder Seniorenheimen in diesem Jahr erst sechs Fälle bei der Polizei gemeldet wurden, liegt nach der Recherche des Haller Kreisblatts der Verdacht nah, dass die Dunkelziffer größer ist.

„Geklaut wird in allen Einrichtungen"

Auch Erna Meyer (Name geändert) fiel es schwer, ihren Schaden öffentlich zu machen. Der kurz nach unserer Recherche gestorbenen Versmolderin war es wichtig, dass der Heimname nicht genannt wird, um dessen Ruf nicht zu schädigen. 700 Euro wurden aus ihrem Zimmer geklaut. Ein Verwandter überzeugte sie, den Vorfall anzuzeigen. „Das Thema scheint bei alten Leuten ein totales Tabu zu sein", erklärt dieser, als er sich im Nachhinein an das HK wendet. Erna Meyer habe sich geschämt.

Im Gespräch mit dem HK suchte die Seniorin die Schuld für den Diebstahl bei sich selbst. „Ich weiß, ich hätte nicht so viel Geld im Zimmer haben sollen." Im weiteren Verlauf offenbart sie, dass es nicht der erste Vorfall war: Auch ein Armband sei spurlos verschwunden. Von einer anderen Bewohnerin habe sie Ähnliches erfahren. Beide Fälle wurden nicht gemeldet. „Ich bin selbst schuld. Ich hätte den Schmuck nicht auf dem Tisch liegen lassen sollen", begründet sie ihr Schweigen.

Fragt man nach solchen Fällen in den Versmolder Heimen, unterscheiden sich die Antworten stark. Eine Leiterin sagt: „Bei uns ist noch nie etwas weggekommen." Eine Versmolderin, die sich seit Jahren für Pflegebedürftige einsetzt, berichtet: „Geklaut wird in allen Einrichtungen. Egal, ob im Krankenhaus, Alten- oder Pflegeheim. Wo wird denn ständig kontrolliert, wer ein- und ausgeht?" Das sei personell nicht leistbar.

„Ein Anfänger würde alles mitnehmen"

Sie habe von mehreren Fällen erfahren, bei denen Fremde in den Heimen unterwegs waren, in die Zimmer der Bewohner kamen und diese in ein Gespräch verwickelten. „Viele Bewohner freuen sich über diese kleine Abwechslung." Dabei bemerken sie jedoch nicht, wie der Besucher oder auch ein Komplize nebenher Wertsachen einsteckt. Bis der Verlust bemerkt wird oder geklärt ist, dass die Wertsachen nicht nur verlegt wurden, vergeht oft viel Zeit.

Bei einem Besuch im Altenheim bestätigt sich die fehlende Kontrolle nur halb: Auf dem Weg zu Erna Meyer wird die Redakteurin auf einem Gang gefragt, zu wem sie will. Auf dem Rückweg ist nur nahe des Ausgangs eine Pflegerin zu sehen, die jedoch mit einer Seniorengruppe beschäftigt ist. Für einen Dieb wäre es auf den richtigen Moment angekommen.

In Erna Meyers Fall können es Fremde trotzdem nicht so leicht gehabt haben. Denn das Geld lag in ihrem Schließfach, erinnert sich die alte Dame. Der Schlüssel ist in der Regel versteckt bei ihr. Eine Methode, die sicher wirkt. Trotzdem fehlt das Geld. Hundert Euro ließ der Täter zurück, was Erna Meyers Verwandter für die Taktik eines Profis hält. „Ein Anfänger würde sicher alles mitnehmen."

„Keine Befugnis, das zu prüfen"

Er ärgert sich über die schwachen Sicherheitsmaßnahmen. „Die Bewohner können ihr Zimmer aus verständlichen Gründen nicht wie eine Wohnungstür verriegeln, und haben dann nicht einmal einen sicheren Ort, an dem sie einige ihrer kostbaren Habseligkeiten unterbringen können." Das schlichte Schließfach auf Erna Meyers Zimmer könnten geübte Diebe mit einfachen Mittel geöffnet haben. Seiner Meinung nach müssten Heime Hotelsafes anbieten. Eine Abfrage in den Altenheimen zeigt, dass es zum Teil Schließfächer gibt sowie die Möglichkeit, Wertsachen verwahren zu lassen. Tresore sind kein Standard, können aber selbst angeschafft werden.

Solche Maßnahmen schützen zwar Bargeld und Co., doch in Pflegeeinrichtungen verschwinden noch ganz andere Dinge, berichten eine Ehrenamtliche und ein Heimmitarbeiter. Brillen, Kleidung, Fernbedienung: Alles, was offen rumliegt, kann verschwinden, wenn Demenzpatienten auf Streifzug durchs Haus gehen. Sie sind zwar sehr verwirrt, aber trotzdem noch mobil. Auch Erna Meyer hatte andere Patienten im Zimmer. „Eine Frau hat sogar steif und fest behauptet, es wäre ihr Zimmer."

„Das wäre Entmündigung"

Pfleger haben immerhin theoretisch viele Gelegenheiten, etwas einzustecken – nicht zu vergessen die Angehörigen. Ein Heimmitarbeiter habe schon beobachtet, wie diese Sachen mitnehmen: „Aber ich habe keine Befugnis, das zu prüfen."

Die sicherste Variante – gar nichts Wertvolles im Zimmer zu haben – schließt Erna Meyers Verwandter kategorisch aus. „Das wäre Entmündigung", sagt er. „Zum Selbstbestimmungsrecht der Heimbewohner gehört es, einen gesicherten Aufbewahrungsort zu haben, zudem nur sie exklusiv Zutritt haben." Gesetzlich geregelt ist diese Forderung jedoch nicht.

Info
Warum wir auf Namen verzichten
  • Gerne hätten wir die Pflegeheime noch intensiver und namentlich mit in die Berichterstattung miteinbezogen. Erna Meyer bat uns, darauf zu verzichten. Leider ist sie kurz nach der Recherche gestorben. Wir haben uns entschieden, trotzdem bei der Absprache zu bleiben. Deshalb können wir an einigen Stellen Informationen nur vage andeuten.
  • Die Altenheime sollen nicht verteufelt werden. Sie bieten ihren Bewohnern durchaus Möglichkeiten, Wertsachen zu schützen. Auf gesetzlicher Ebene wird zudem geregelt, dass vom Personal verwahrte Wertsachen genau dokumentiert werden müssen. Auch Versmolder Senioren, die ambulant betreut werden, sind laut einer ehrenamtlichen Betreuerin immer wieder Opfer von Dieben und Betrügern.
  • Doch gerade, wer auf Hilfe angewiesen ist, schreckt davor zurück, sein Umfeld anzuklagen. Sich dagegen zu wehren, ist mit Anstrengung verbunden. Deshalb wundert es nicht, wenn geschwächte Menschen solche Vorfalle auf sich beruhen lassen. Aufmerksame Angehörige könnten dabei entlasten.
  • Da in Zeiten des Pflegenotstands das Heimpersonal sehr viel leisten muss, ist es für sie unmöglich, immer und überall die Patienten im Blick zu behalten – mal davon abgesehen, dass es für die Bewohner eine Zumutung wäre, unter permanenter Kontrolle zu stehen.

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