Nach 117 Jahren: Letzte Schicht bei Menzefricke

Traditionswerk stellte gestern die Produktion ein

Jan Herrmann

Historische Schließung: Das Werk Menzefricke war 117 Jahre lang ein Teil von Versmold. Am Freitag wurde die Produktion eingestellt. - © Foto: Menzefricke
Historische Schließung: Das Werk Menzefricke war 117 Jahre lang ein Teil von Versmold. Am Freitag wurde die Produktion eingestellt. (© Foto: Menzefricke)

Versmold. Still und leise ging am Freitag ein bedeutsames Kapitel Versmolder Industriegeschichte zu Ende. Bei Menzefricke wurde die Fleischproduktion am 31. Juli eingestellt, der Betrieb schließt seine Pforten. Nach 117 Jahren verschwindet ein Unternehmen von der Bildfläche, das Generationen von Versmoldern nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz geboten, sondern sie auch miternährt hat.

Firmengründer Friedrich Menzefricke - © Foto: privat
Firmengründer Friedrich Menzefricke (© Foto: privat)

Die Wurzeln liegen im Jahr 1898. Dabei ist die Gründung des Unternehmens eher einem Zufall als konkreter Planung zu verdanken. Da Friedrich Menzefricke eines von zehn Kindern war, konnte er nicht das Erbe des väterlichen Hofes antreten. Deshalb wandte er sich schon in jungen Jahren dem Viehandel zu.

Als Viehhändler belieferte Menzefricke zunächst kleinere Fabriken. Doch erst als im Frühjahr 1898 einer seiner Hauptkunden die Abnahme verweigerte, entschloss er sich, die Schlachtung und Verarbeitung von Schweinen selbst in die Hand zu nehmen. Auf dem elterlichen Besitz entstand ein Betrieb, der es bis in die Spitzengruppe der deutschen Fleischwarenindustrie schaffte.

Menzefricke begann mit sechs Arbeitern, für die er zunächst nur im Winter Arbeit hatte. Der Versmolder Gründer war eine echte Unternehmerpersönlichkeit, unter dessen Führung die Firma stetig wuchs. War er 1905 noch froh, als zehn Schweine in der Woche geschlachtet werden konnten, waren es vier Jahre später bereits 100 Schweine und 30 Rinder, die in sieben Tagen geschlachtet und verarbeitet wurden. Der Weg zum industriellen Betrieb führte aber über die verkehrsmäßige Erschließung und die Energieversorgung. 1910 installierte er eine der modernsten Kühlanlagen, installierte eine eigene Energiequelle im Betrieb und baute eine feste Straße, um den Betrieb besser mit der Gemeinde Versmold und dem Eisenbahnanschluss zu verbinden.

Strom für Knetterhausen

Der Erste Weltkrieg brachte eine Zäsur. Um den Stillstand des Unternehmens zu verhindern, nahm Menzefricke eine Ölmühle für heimischen Raps in Betrieb. Während dieser Zeit versorgte er auch die Häuser in Knetterhausen mit Strom, die erst 1927 ans allgemeine Netz angeschlossen wurden. Nach dem Krieg ging der Patriarch mit der ihm eigenen Zuversicht und Tatkraft ans Werk. So konnten 1922 schon 1000 Schweine und 300 Rinder geschlachtet werden. 1928 errichtete er das markante und für diese Zeit ungewöhnlich hohe Produktionsgebäude und holte seinen Schwager Emil Berg als rechte Hand dazu. Berg kümmerte sich um den Vertrieb und erschloss neue Käuferschichten in Berlin.

Die Anfänge: Weil das Vieh von Friedrich Menzefricke nicht abgenommen wird, beschließt er, es selbst zu schlachten. - © Foto: privat
Die Anfänge: Weil das Vieh von Friedrich Menzefricke nicht abgenommen wird, beschließt er, es selbst zu schlachten. (© Foto: privat)

Das Unternehmen entwickelte sich zu einem der größten Fleischproduzenten Deutschlands und hatte 1933 bereits 200 Angestellte. Menzefricke hatte Mühe, die nötigen Fachkräfte aufzutreiben und holte sie sogar aus Schlesien. Um sie zu binden, entstanden Wohnungen auf dem Firmengelände. Menzefrickes Frau Wilhelmine kochte zeitweise für 60 Männer. Menzefricke war zu einer Qualitätsmarke geworden, die man mit hochwertigem Schinken, Speck sowie hochwertiger Wurst verband. Friedrich Menzefrickes Pioniergeist zeigt sich auch darin, dass er das Räucherverfahren von sechs bis sieben Wochen auf acht bis zehn Tage verkürzte. Der Produktion brachte das einen nachhaltigen Schub.

Der Zweite Weltkrieg warf das Unternehmen zurück. Im Krieg starben 21 Angestellte, 31 blieben vermisst. Noch vor Kriegsende starb Friedrich Menzefricke am 23. Februar 1944. Danach begann die Aufbauarbeit und Sohn Erwin Menzefricke trat an die Spitze der Firma. Doch Fleisch war in dieser Zeit zu einem raren Gut geworden. Erst als die Fleischversorgung 1950 wieder gesichert war, folge der rasante Wiederaufstieg.

Söhne folgten ihren Vätern

Die Identifikation mit dem Unternehmen war auch in dieser Zeit außergewöhnlich hoch. Häufig war es selbstverständlich, dass Söhne ihren Vätern in den Betrieb folgten. Auch der Zusammenhalt war groß. „Die Handwerker saßen abends noch oft zusammen und unterhielten sich“, erinnert sich Rita Sprick, freie Mitarbeiterin beim Haller Kreisblatt. Sie hat ihre Kindheit auf dem Firmengelände verbracht, weil ihr Vater, Willi Wallmeyer, dort als technischer Meister wohnte. Sie erinnert sich noch gut an die Villa der Menzefrickes, die ein eigenes Nähzimmer und ein großes Bügelzimmer beinhaltete. „Das war dort wie eine kleine Oase“, sagt sie. Das Unternehmen besaß eine eigene Schlosserei, eine Tischlerei und beschäftigte mehrere Maler und Elektriker. Auch die ersten Lastwagenfahrer haben auf dem Anwesen gewohnt, zudem gab es einen Nachtwächter. „Er ging nachts durch die Räuche und hat kontrolliert, ob die Maschinen noch liefen“, erinnert sie sich.

Weltrekord bei Menzefricke: Die größte Dauerwurst der Welt wird 1977 mit 750 Kilogramm hergestellt. - © Foto: privat
Weltrekord bei Menzefricke: Die größte Dauerwurst der Welt wird 1977 mit 750 Kilogramm hergestellt. (© Foto: privat)

Schlagzeilen machte der Betrieb noch einmal in den 1970er- Jahren, als dort die mit 750 Kilogramm schwerste Wurst der Welt produziert wurde. Die Versmolder Landcervelatwurst war 4,25 Meter lang und wurde in einem Spezial-Leinendarm abgefüllt.

Ein ganz entscheidender Einschnitt war das Jahr 1975: In dieser Zeit erwarb Nölke die Anteilsmehrheit bei Menzefricke. 1991 fusionierten beide, was das Ende der Firma Menzefricke bedeutete. Trotzdem blieb die Marke erhalten. Das ist auch die Parallele zum 31. Juli 2015: Zwar schließt das Werk, doch die Marke bleibt bestehen.

Nach 117 Jahren: Letzte Schicht bei Menzefricke

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