So sieht es im einst strenggeheimen Bunker in Brockhagen aus

Jonas Damme

Ein Deutz für den Notstrom: Ein großes Dieselaggregat und ein Raum voller mannshoher Batterien sollten sicherstellen, dass die Anlage notfalls autark arbeiten konnte. Der jüngste Führungsgast schaut es sich noch einmal genau an. - © Jonas Damme
Ein Deutz für den Notstrom: Ein großes Dieselaggregat und ein Raum voller mannshoher Batterien sollten sicherstellen, dass die Anlage notfalls autark arbeiten konnte. Der jüngste Führungsgast schaut es sich noch einmal genau an. (© Jonas Damme)

Steinhagen-Brockhagen. Wer den alten Postbunker betritt, kann schon einmal vergessen, dass es sich unter Brockhagener Kuhweiden befindet. Das Betonlabyrinth, das einst Fernmeldetechnik für viele Millionen D-Mark beherbergte, zeigt einmal mehr, wie viele Entwicklungen des Kalten Krieges bis heute nicht an die Öffentlichkeit drangen. Selbst in Steinhagen ist der riesige Bunker den meisten noch unbekannt.

Stockbetten und Wasserkanister: Der Bunker war für alle Fälle gerüstet. - © Jonas Damme
Stockbetten und Wasserkanister: Der Bunker war für alle Fälle gerüstet. (© Jonas Damme)

Um das ein wenig zu ändern, hatte Heimatvereinsvorsitzender Wilken Ordelheide jetzt zum ersten Mal überhaupt eine öffentliche Führung durch das Relikt organisiert. Ein großes Glück war es, dass er als Führer Rolf Szymanski gewinnen konnte. Der frühere Fernmeldetechniker ist einer der letzten, die überhaupt noch wissen, was unter der Erde damals vor sich ging.

„Es gibt keine Infos zu dieser Art Bunker im Netz", erklärte der frühere Postangestellte, der sich in den 80ern mehrere Jahre um Teile der Technik der Anlage kümmerte. Alles was dort geschah, unterlag der strategischen Geheimhaltung. Szymanski selbst hatte »Sicherheitsstufe 2« und damit wenigstens einen grundsätzlichen Einblick in die Arbeit.

Die Schleuse: Die Vorkehrungsmaßnahmen gegen radioaktive Verseuchung verursachen auch heute noch eine Gänsehaut. - © Jonas Damme
Die Schleuse: Die Vorkehrungsmaßnahmen gegen radioaktive Verseuchung verursachen auch heute noch eine Gänsehaut. (© Jonas Damme)


Der Führer begann mit einem Überblick: „Die Räume sind rund 900 Quadratmeter groß", so Szymanski. „Ganz genau weiß das niemand." Der Bunker nahe dem Birkenvenn sei Anfang der 70er Jahre entstanden, zeitgleich mit dem Fernsehturm auf dem Teuto. Möglicherweise, so Szymanski habe das auch geholfen, die Beschaffung der tausenden Tonnen Beton zu tarnen, die in Brockhagen versenkt wurden. „Er wurde in nur einem Jahr gebaut. Die Kosten sollen bei 6,5 Millionen D-Mark gelegen haben", so der Techniker. Noch bis 1993 sei die Anlage in Betrieb gewesen.

„Alle Ferngespräche aus OWL, egal ob nach Hamburg, München oder ins Ausland, liefen hier über Steinhagen." Computer habe man damals noch nicht gehabt, wohl aber Automaten, die Leitungen auswählten, um Kanäle zu bündeln. „Die Leitungen waren für die Kommunikation damals so wichtig, dass sie niemals über große Städte führten", so Szymanski. Viel Kupfer liege noch heute unter Brockhagens Äckern.

Für einen ABC-Angriff: Die Kohlefilteranlage sollte die Atemluft aufbereiten. - © Jonas Damme
Für einen ABC-Angriff: Die Kohlefilteranlage sollte die Atemluft aufbereiten. (© Jonas Damme)


Detailliert zeigte der Fachmann den knapp 30 Neugierigen rund eine Stunde lang die Anlage. Die Telekommunikationstechnik ist heute größtenteils demontiert, der große Generator und die archaische ABC-Schutz-Ausstattung reichen aber, um sich in den Kalten Krieg zurückversetzen zu lassen.

Raumfüllende Kohlefilter sollten sicherstellen, dass die Mitarbeiter des Bunkers auch nach einem atomaren Erstschlag Atemluft bekämen und weiterarbeiten könnten. Für den Ernstfall gab es deswegen auch Stockbetten, eine Dusche und mehr. Tage- oder sogar wochenlang hätten die Techniker unter der Erde weitermachen können, wenn oben schon alles in Schutt und Asche gelegen hätte.

Posieren vor dem Eingang: Ein unauffälliges Flachdachgebäude steht über der großen Anlage. Unterirdisch herrschen das ganze Jahr über acht Grad Celsius. Da waren Jacken durchaus angebracht. - © Jonas Damme
Posieren vor dem Eingang: Ein unauffälliges Flachdachgebäude steht über der großen Anlage. Unterirdisch herrschen das ganze Jahr über acht Grad Celsius. Da waren Jacken durchaus angebracht. (© Jonas Damme)


Der Bunker selbst, sei auf Gummi gelagert, erläuterte Rolf Szymanski im Laufe der Führung. Bei einem direkten Treffen habe er sich um mehrere Meter bewegen können, um den Druck aufzufangen.

Was genau im Bunker passierte, ist auch ohne die Geheimhaltung schwer genug zu verstehen. Automaten legten Telefongespräche auf große Kupferleitungen und verstärkten die Signale. 10.800 Gespräche gleichzeitig konnte die Anlage allein auf einem Kupferkabel weiterleiten. Insgesamt seien es bis zu 100.000 parallel gewesen. „Die Technik hier drin war sicher noch deutlich teurer, als die 6,5 Millionen Euro für den Bunker. Es hat irre viel Geld gekostet. Hier war der Dreh- und Angelpunkt für Ostwestfalen." Zusätzlich zur zivilen Nutzung habe auch das Militär einige Leitungen reserviert gehabt. „Mehr wussten wir aber auch nicht."



Bei Nato-Übungen habe man geprobt, was man hätte machen können, wenn eine russische Rakete einen neuralgischen Punkt des Kommunikationsnetzes getroffen hätte. „Irgendwann haben sich die Deutschen aber geweigert an diesen Übungen teilzunehmen – weil die BRD immer nur zwei bis drei Tage überlebt hat."

Sechs Meter unter der Erde: Fernmeldetechniker Rolf Szymanski (oben) erklärt die Belüftungstechnik der riesigen Anlage. Zwölf Stockbetten standen bereit, damit die Mitarbeiter im Ernstfall auch im Bunker wohnen konnten. Der große Dieselgenerator sollte die Technik mit Strom versorgen, würden die Leitungen gekappt. Hinweistafeln warnen vor Kontamination (kleines Bild links). Fotos: Jonas Damme - © Jonas Damme
Sechs Meter unter der Erde: Fernmeldetechniker Rolf Szymanski (oben) erklärt die Belüftungstechnik der riesigen Anlage. Zwölf Stockbetten standen bereit, damit die Mitarbeiter im Ernstfall auch im Bunker wohnen konnten. Der große Dieselgenerator sollte die Technik mit Strom versorgen, würden die Leitungen gekappt. Hinweistafeln warnen vor Kontamination (kleines Bild links). Fotos: Jonas Damme (© Jonas Damme)

Das Ende des Bunkers, der sich heute in Privatbesitz befindet, leitete übrigens nicht der Untergang der Sowjetunion ein. Die Glasfasertechnik machte die Anlage irgendwann überflüssig. „Eine Glasfaser schafft eine Million dieser Systeme", so der Experte. „Deswegen haben wir heute auch ein dezentrales Netz – das bekommt niemand mehr kaputt."

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