Gegen die Haller Verwaltung formiert sich Widerstand

Die Arbeitsgemeinschaft »Bürger für Halle« vereint fünf Bürgerinitiativen und Interessengemeinschaften. Die rund 100 Personen starke Gruppe will mehr Mitspracherecht zugunsten einer sich positiv entwickelnden Stadt

Uwe Pollmeier

Bürger für Halle: Herbert Piel (von links), Ilka Windisch (beide Interessengemeinschaft Lange Straße), Gregor Bramhoff und Ingrid Padberg-Kleine (Interessengemeinschaft Am Hang), Peer Kranz (Haller Loge), Helmut Rose und Andreas Lüdeke (Bürgerinitiative Alleestraße) sowie Gisela Bültmann, Kai Thöne und Hartmut Lüker (Stadtparkinitiative). - © Uwe Pollmeier
Bürger für Halle: Herbert Piel (von links), Ilka Windisch (beide Interessengemeinschaft Lange Straße), Gregor Bramhoff und Ingrid Padberg-Kleine (Interessengemeinschaft Am Hang), Peer Kranz (Haller Loge), Helmut Rose und Andreas Lüdeke (Bürgerinitiative Alleestraße) sowie Gisela Bültmann, Kai Thöne und Hartmut Lüker (Stadtparkinitiative). (© Uwe Pollmeier)

Halle. Seit einigen Monaten sind häufig mehr Zuhörer als Gremiumsmitglieder im Ratssaal. Politisches Interesse spielt sicherlich eine Rolle, entscheidend für den großen Zuspruch ist aber eher die politische Verärgerung. Schließlich lassen einige Bürger kein gutes Haar mehr an Parteivertretern und Verwaltungsmitarbeitern. In einzelnen Gruppen äußerten sie bisher themenbezogen ihren Missmut, nun wollen sie als Arbeitsgemeinschaft (AG) »Bürger für Halle« den Verantwortlichen als Gruppe Dampf machen. Fünf Bürgerinitiativen (BI) und Interessengemeinschaften (IG) haben sich zusammengeschlossen und wollen nun, bei weiterer Eigenständigkeit, die Gruppenstärke nutzen.

„Ziel ist es, sich gegenseitig zu unterstützen und die Fähigkeiten, die jede Initiative hat, einzubringen", sagt Helmut Rose, Sprecher der Bürgerinitiative Alleestraße. Man wolle an Grundsatzentscheidungen teilhaben. „Wir sehen unser Handeln positiv und möchten der Stadt helfen, sich positiv zu entwickeln", sagt er bei der Vorstellung der AG im Hotel Hollmann. Die Plattform sei offen für alle Bürger, die sich für ihre Heimatstadt engagieren wollen.

Kommentar
Weniger ist manchmal mehr

Nichts gegen konstruktive Kritik oder das Vertreten der eigenen Meinung – so viel sei gleich mal vorab gesagt. Dies wird sicherlich kein Plädoyer für die Diktatur, allerdings fällt immer häufiger auf, dass viele Menschen direkt die große »Dagegen-Keule« rausholen, wenn ihnen etwas nicht so ganz passt. Seine Meinung zu äußern ist ja auch grundsätzlich gut und richtig. Mal abgesehen von den nervigen Zeitgenossen, die über soziale Netzwerke überall rumnörgeln und beleidigen und dabei orthografische Kenntnisse unterhalb des Grundschulniveaus offenbaren. Bei den Mitgliedern der neuen Arbeitsgemeinschaft sprechen wir jedoch von einer ganz anderen Bevölkerungsschicht. Es sind gebildete und sympathische Bürger mit eigenen Ideen und Vorstellungen. Sie sehen ihre persönliche Situation und die daraus resultierenden Nachteile. Sie wollen sich dagegen wehren und das ist auch durchaus nachvollziehbar.
Aber woher soll das Geld kommen, wenn die Straße vor der Haustür erneuert werden muss? Wie soll der Verkehr vernünftig fließen, wenn ein zerfallenes Haus aus dem 19. Jahrhundert im Weg steht, und wie sollen Flächen entsiegelt werden, wenn jeder vor seinem Haus drei Parkplätze haben möchte? Die Verwaltung macht vermutlich nicht alles richtig. Es ist allerdings leicht, die Schuld stets auf sie zu schieben und dabei deren Verantwortung zu vergessen. Manchmal wäre es besser, einen Gang zurückzuschalten, anstatt geballte Wut walten zu lassen. Lieber noch einmal in Ruhe zusammensetzen, das Einzelgespräch suchen, anstatt als Gruppe den Angriff zu starten.
Uwe Pollmeier

IG Lange Straße

„Uns liegt der Erhalt der historischen Häuser sehr am Herzen", sagt Ilka Windisch. Das historische Kapital solle nicht Bausünden zum Opfer fallen. Die IG freue sich, dass das Thema in der Verwaltung und der Politik angekommen sei und dass es diskutiert werde. Die rund 15 Bürger zählende Gruppe sehe, dass der Erhalt der Häuser durchaus angestrebt werde. „Es bedarf aber letztendlich des Willens und der Entscheidung der Stadt, welche Häuser erhalten werden", sagt Windisch. „Wir sind nicht gescheitert", ergänzt Herbert Piel mit Blick auf die ernüchternden Aussagen des LWL-Experten Dr. David Gropp hinsichtlich des Denkmalschutzes.

Stadtparkinitiative

„Wir verteidigen seit fünf Jahren die Grünfläche am Berufskolleg", sagt Gisela Bültmann. Man habe schon sehr viele Gespräche mit der Stadt und der Politik geführt, darunter auch einige nicht so nette. „Das ISEK-Verfahren ist für mich eine Katastrophe gewesen. Da fühle ich mich überhaupt nicht mitgenommen", kritisiert sie. Obwohl zugesagt, gebe es bis heute von dem Treffen weder Protokoll noch Dokumentation. „Das ist eine Blamage, so geht man mit Bürgern nicht um." Mit ihr kämpfen acht weitere Bürger für mehr Grün im Zentrum.

Haller Loge

Einst 2002 gegründet, um die Restaurierung der 1797 erbauten Kaffeemühle zu realisieren, bringt sich die neunköpfige Gruppe nun auch ins aktuelle Geschehen aktiv ein. „Die Art und Weise, wie mit Bürgern umgegangen wird, ist katastrophal", sagt Peer Kranz. Die Workshops seien „Pseudo-Veranstaltungen", deren Ergebnisse keine Beachtung fänden. „Mit einer großen Gruppe haben wir die Chance, Politik und Verwaltung zu zeigen, was wir unter aktiver Mitarbeit verstehen. Wir sind Bürger und keine Bittsteller. Hier gilt wohl Gutsherrenart", sagt Kranz. Halle sei keine Stadt der Bürger, sondern eine Stadt der Verwaltung.

IG Am Hang

„Unsere Anliegerversammlung war eine reine Farce", sagt Anwohner Gregor Bramhoff. Man habe den Bürgern direkt eine Maßnahme gezeigt ohne die Option offen zuhalten, dass alles so bleibt wie bisher. „Unsere Straße ist nämlich intakt. Warum soll sie saniert werden?", fragt sich Bramhoff. Gegenvorschläge der Anwohner, wie etwa der Bau von Zisternen als Alternative zu Versickerungsbeeten, seien gar nicht näher betrachtet worden. Immerhin habe man auf Bitten der IG eine Transparenzoffensive hinsichtlich des Kriterienkatalogs für die Straßenerneuerung erreicht. Zudem hoffe man, dass ein beschlossener Ortstermin doch noch zum Umdenken führt.

BI Alleestraße

„Knackpunkt ist für uns das Nahmobilitätskonzept", nennt Helmut Rose einen der Hauptbeweggründe für die 50-köpfigen BI. Die eigentlich gescheiterte Kaulen-Planung werde nun in einer Art Salami-Taktik umgesetzt. „Wir finden das Verfahren unerträglich, es ist eine Zumutung für alle Beteiligten. Die Erfahrungen, die wir gemacht haben, sollen andere zukünftig nicht wieder machen."

Reaktion aus dem Rathaus

Anne Rodenbrock-Wesselmann erfuhr erst jetzt von der neuen Arbeitsgemeinschaft, war aber nicht überrascht. „Ich habe mir schon gedacht, dass die zusammenarbeiten", sagte die Bürgermeisterin. Generell begrüße sie das Engagement von Menschen, jedoch gefalle ihr die Art nicht. Der Auftritt der Schloerstraßen-Anwohner, die ohne vorab ein Gespräch zu suchen im Verkehrsausschuss mit großen Pappschildern demonstrierten, habe sie richtig geärgert. „Es ist wichtig, dass die Bürger vorab ins Rathaus kommen und mit uns reden. Das machen wir dann auch gerne."

Den ersten Auftritt der »Bürger für Halle« wird es an Christi Himmelfahrt beim Stadtfest zwischen 11 und 17 Uhr am Infostand in der Bahnhofstraße (gegenüber vom City Grill) geben. Erreichbar ist die Gruppe über diese Internetseite.

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