Forscher der Uni Bielefeld: Warum sich Menschen beim Sex filmen

Drei Jahre untersucht die Hochschule Amateurpornos - nach zwölf Monaten gibt es nun erste interessante Erkenntnisse. Und weitere Studienteilnehmer werden gesucht.

Susanne Lahr

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Bielefeld. Menschen, die sich beim Sex filmen, finden sich in allen Altersgruppen; auf dem Land wie in der Stadt und in den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. "Und das sind nicht irgendwelche Freaks." Das ist eine erste Erkenntnis des Forschungsprojektes "Die Praxen der Amateurpornographie" des Bielefelder Soziologen Sven Lewandowski. Vor einem Jahr hat er damit begonnen, Feldforschung in den privaten Schlafzimmern der Nation zu betreiben.

Wenige haben sich bisher getraut

Insgesamt drei Jahre lang will der 50-jährige Wissenschaftler ergründen, warum sich die Menschen bei welcher Art von Sex filmen und diese Filme zum Teil auch im Internet veröffentlichen. Die privaten Videos bieten einen neuen Zugang für die sozialwissenschaftliche Sexualforschung. Unterstützt wird er dabei nicht nur von einer Mitarbeiterin und zwei studentischen Hilfskräften der Uni Bielefeld, sondern auch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Seine ersten Studienteilnehmer hat Sven Lewandowski in erster Linie mit Hilfe einer Sex-Dating-Plattform gefunden, auf der er die Studie bewerben durfte.

Soziologe Sven Lewandowksi. - © Uni Bielefeld
Soziologe Sven Lewandowksi. (© Uni Bielefeld)

"Es haben sich viele interessiert", schildert der Soziologe auf Nachfrage der NW, "aber nur wenige trauen sich dann tatsächlich mit uns zu sprechen." In der ersten Runde haben sich sieben Einzelpersonen oder Paare interviewen lassen, haben Videomaterial zur Verfügung gestellt. "Das ist nicht schlecht", sagt Lewandowski, der auf den enormen Arbeitsaufwand verweist. Aber weitere Rekrutierungsrunden werden in den nächsten beiden Jahren folgen.

Unterschiedliche Gesprächsorte

Die Interviews fanden an Autobahnraststätten, in Gaststätten oder auch mal bei den Teilnehmern zu Hause statt. "Unsere Gesprächspartner bestimmen, wo die Interviews stattfinden und wie sie verlaufen", schildert Lewandowski. Sie sollen sich möglichst sicher fühlen, wenn sie von ihren Sexpraktiken und ihren Selbstinszenierungen erzählen. "Wir brauchen jedenfalls eine Atmosphäre, die ihnen behagt."

Eigentlich, sagt der Soziologe seien es dann keine Interviews, sondern mehr Gespräche. Einige wenige Fragen zum Anstoß, dann erzählen die Menschen frei von ihren Beziehungs- und Sexualgeschichten. Die Schwerpunkte bestimmten die Interviewpartner selbst: Sie sollen erzählen, was ihnen wichtig ist. Paare kommen dabei selbst ins Gespräch. Zwischen zweieinhalb und sechs Stunden haben die bisherigen Interviews gedauert. Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten, aus dem Gesagten filtern die Forscher das für sie Wichtige heraus. Was wichtig ist, stellt sich aber erst in den Gesprächen heraus.

Acht Stunden für eine Minute

Zeitaufwändig ist nicht nur das Transkribieren und die Auswertung des Gesprochenen, sondern auch die des Videomaterials. Bis zu fünf Minuten lang sind die Filme, die die Soziologen bisher bekommen haben. "Um eine Minute gründlich zu analysieren, brauchen wir acht bis neun Stunden", erklärt Sven Lewandowski. Es gelte, kleinste Bewegungsabläufe zu erkennen, Körperreaktionen wahrzunehmen. Die Clips seien sehr unterschiedlich: von spontan gedrehten Handy-Filmchen bis hin zu vorbereiteten kleinen Inszenierungen mit passender Beleuchtung.

Nach den Worten des Soziologen drehen die Partner keine Pornos im eigentlichen Sinn, sondern bilden ihre wirkliche Sexualität ab. Eine Annahme, die die Forscher jetzt schon im Ansatz bestätigt sehen. "Sie machen in den Videos das, was sie auch sonst im Schlafzimmer tun", sagt Lewandowski. Die Gründe, warum sich die Menschen bei aller Intimität filmen, seien völlig unterschiedlich. Die einen haben sich schon immer bei Sex gefilmt, andere sammeln mit dem Partner Erinnerungen dieser Art wie Urlaubsbilder. Andere, sagt Lewandowski, wollen die Erregung steigern oder sagen, es steigere ihr Selbstwertgefühl. "Die Motive sind sehr vielfältig."

Bis sich die Muster wiederholen

Die Sexualforscher werden jetzt weitere Teilnehmer für die Studie suchen, auch Homosexuelle. Unter den ersten Sieben war bislang nur Heterosexuelle. "Wir werden so lange neue Fälle suchen, bis sich die sexuellen Handlungsmuster wiederholen und wir nichts grundsätzlich Neues mehr finden", schildert Sven Lewandowski, wie es nun weitergeht.

Wer bei dem Forschungsprojekt mitmachen möchte oder Fragen dazu hat, kann in direkten Kontakt treten via E-Mail: amateurpornographie@uni-bielefeld.de. Oder über die Webseite html. und Twitter: com\/Porno_Studie\. Absolute Verschwiegenheit und Datenschutz seien selbstverständlich, betont der Soziologe.

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