Corona und Konkurrenz in ChinaDeutscher Schiffbau in schwerer See

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Schiffbau - © Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
Weil die Kreuzfahrtschifffahrt wegen Corona eingebrochen ist, bleiben für den deutschen Schiffbau die Aufträge aus. © Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Hamburg - Die deutschen Schiffbauer stecken gleich doppelt in der Klemme. Die Corona-Pandemie hat den Kreuzfahrtmarkt einbrechen lassen, der bislang den Löwenanteil ihrer Aufträge gesichert hat.

Und zugleich sehen sie sich seit Jahren einem Kampf mit ungleichen Mitteln ausgeliefert, den sie gegen übermächtige Konkurrenz aus China ausfechten müssen. Dabei fühlen sie sich von Berlin und Brüssel im Stich gelassen.

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Von Bundesregierung und EU verlangt der Branchenverband VSM nun einen «grundlegenden Umbau der Rahmenbedingungen für den europäischen Schiffbau», bis hin zu staatlichen Subventionen. «Wir reden nicht über Protektionismus, wir reden über Herstellung des Wettbewerbs, den haben wir zurzeit nicht», sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM), Reinhard Lüken, in Hamburg.

«Als deutscher Mittelständler können Sie gegen strategisches Handeln des chinesischen Staates nicht ankommen», mahnte der VSM-Präsident Harald Fassmer, der die gleichnamige Werft in der Wesermarsch leitet. «Mit den bisherigen Rahmenbedingungen droht der irreversible Verlust essenzieller Schiffbaufähigkeiten.» Die Probleme seien seit langem bekannt, aber Europa haben «dagegen in den letzten Jahren nichts unternommen», beklagt Fassmer. «Vielleicht war zuletzt der Leidensdruck nicht groß genug angesichts des Neubaubooms bei den Kreuzfahrtschiffen.» Für den Chef der Papenburger Meyer Werft, Bernard Meyer, stellt sich indes die «Frage, ob in Deutschland und Europa in zehn Jahren überhaupt noch zivile Schiffbauindustrie in nennenswertem Umfang bestehen kann».

Schiffe aus Deutschland und Europa sind global betrachtet längst nur noch ein zwar technologisch ausgefeiltes, aber auch teures Nischenprodukt. Zwar habe Europa den größten maritimen Binnenmarkt der Welt, 40 Prozent der Schiffbauaufträge stammten von europäischen Reedern. Aber 95 Prozent der Order europäischer Reeder gingen an Werften außerhalb der EU, berichtete Lüken. Das sei aus Sicht der Reedereien kurzfristig «ja ganz schön», sagte Meyer. «Aber langfristig haben die Chinesen auch das Ziel, über 50 Prozent der weltweiten Flotte zu besitzen, also die Transporte in der Hand zu haben.»

Seit den 1980er Jahren haben die Schiffbauer immer mehr Marktanteile in den Fernen Osten abgeben müssen, zunächst nach Japan, dann auch nach Südkorea - und seit Anfang dieses Jahrhunderts verstärkt in Richtung China. Damit ist die Fertigung von großen, später auch kleineren Containerschiffen und RoRo-Schiffen fast komplett abgewandert. «Deswegen ist schon die Frage, wird in den nächsten Jahren China versuchen, sich auch in den Kreuzfahrtmarkt einzubringen, was sie ja eben erfolgreich bei den Fähren gemacht haben?», sagte Meyer.

In der momentanen Corona-Krise profitieren die Chinesen nach VSM-Angaben denn auch als einzige von wachsenden Aufträgen: Während das globale Auftragsvolumen 2020 um 12 Prozent geschrumpft sei, betrage das Minus in Europa 64 Prozent, während es in China um 15 Prozent zugelegt habe.

Besonders dramatisch sieht es in den deutschen Orderbüchern aus: «Während sich die Auftragseingänge bei deutschen Seeschiffswerften in den letzten fünf Jahren vor der Pandemie im Durchschnitt pro Jahr noch auf 4,3 Milliarden Euro beliefen, fiel der Wert der Neubestellungen 2020 um 80 Prozent auf geringe 0,9 Milliarden Euro», berichtet der VSM. «Die Pandemie zeigt nun, wie viel Substanz im deutschen Schiffbau in den vergangenen Jahren abseits der erfolgreichen Entwicklung bei Kreuzfahrtschiffen, großen Jachten und Behördenschiffen verloren ging.»

Eine Existenzkrise sieht auch Deutschlands größte Gewerkschaft. «Diese Krise geht an die Substanz des deutschen Schiffbaus. Tausende Arbeitsplätze auf Werften und bei Zulieferern sind in Gefahr», sagte der Bezirksleiter Küste der IG Metall, Daniel Friedrich, der Deutschen Presse-Agentur. «Einzelne Standorte - und damit wichtige industrielle Kerne an der Küste - stehen vor dem Aus», befürchtet er. «Um die Zukunft des Schiffbaus in Deutschland zu sichern, müssen Politik und Unternehmen jetzt handeln.» Ein «klares Signal» verlangt Friedrich von der 12. Nationalen Maritimen Konferenz am 10. und 11. Mai in Rostock. Dort müssten «konkrete Maßnahmen zum Schutz der Arbeitsplätze und Standorte» auf den Weg gebracht werden, so seine Forderung. Zu der Konferenz wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet.

Die Bundesregierung hatte bereits im vergangenen Jahr Geld für die maritime Wirtschaft zur Verfügung gestellt. Im vorigen Juni hatte sie ein beispielloses Konjunkturprogramm zur Milderung der Corona-Folgen auf den Weg gebracht, darin war rund eine Milliarde Euro für Schiffbau und Schifffahrt in Deutschland enthalten. Das hat nach Aussage von VSM-Hauptgeschäftsführer Lüken aber den Werften kaum helfen können: «Bei den Auftraggebern für Schiffe ist davon nicht so viel angekommen.»

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