Chemie-Branche erwartet schwierige Zeiten

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Christian Kullmann - © Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Christian Kullmann ist Vorstandsvorsitzender des Spezialchemiekonzerns Evonik. (© Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Frankfurt/Main - Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie will sich mit einer neuen Lobby-Spitze im rauen Branchenumfeld behaupten.

Christian Kullmann soll vorzeitig den amtierenden Präsidenten Hans Van Bylen ablösen, teilte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) am Dienstag in Frankfurt mit. Der 50-jährige Kullmann, Chef des Essener Spezialchemiekonzerns Evonik, stelle sich auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 25. März zur Wahl. So lange bleibe Van Bylen an der Verbandsspitze.

Zugleich stellt sich Deutschlands drittgrößte Industriebranche nach dem Auto- und Maschinenbau auf nur wenig Wachstum ein. Produktion und Umsatz sollen 2020 um 0,5 Prozent wachsen - nah an der Stagnation.

VCI-Präsident Van Bylen war im September 2018 für zwei Jahre an die Spitze gewählt worden, seine Amtszeit wäre also bis Herbst 2020 gelaufen. Er tritt aber Ende dieses Jahres als Chef von Henkel ab. Dort stand Van Bylen unter Druck, da die Geschäfte bei dem Konsumgüterkonzern nicht mehr rund liefen.

VCI-Präsidenten sind für gewöhnlich Chef eines wichtigen Branchenunternehmens, was bei Van Bylen zu Beginn des neuen Jahres nicht mehr der Fall sein wird. Zudem soll es an Kritik an dem Manager gegeben haben. Van Bylen gelte manchen Mitgliedsfirmen als zu wenig dynamisch, so die «Frankfurter Allgemeiner Zeitung».

Der designierte Nachfolger Kullmann steht vor der Aufgabe, den VCI politisch stärker zu positionieren. Erfahrung mit Öffentlichkeitsarbeit hat der Manager: Der ausgebildete Journalist und studierte Wirtschaftshistoriker hatte bei Evonik jahrelang die Kommunikation verantwortet und gilt als politisch gut vernetzt.

Weit oben auf der VCI-Agenda stehen Klima und Nachhaltigkeit. Die energieintensive Chemiebranche will bis 2050 neutral beim Ausstoß von Treibhausgasen werden. Dafür seien aber niedrigere Strompreise nötig. Auch fordert der VCI mehr staatliche Infrastruktur-Investitionen und niedrige Unternehmenssteuern. Der Verband will politisch mehr Gehör.

Zugleich bleibt das Umfeld für die Chemie- und Pharmaindustrie rau. «Die geringe wirtschaftliche Dynamik wird sich noch weit ins kommende Jahr ziehen», sagte Van Bylen. «Auch von den Auslandsmärkten dürften keine starken Impulse für eine Trendwende der Chemiekonjunktur kommen.» Handelskonflikte hätten 2019 zunehmend das Wirtschaftswachstum in den USA, China, aber auch Europa gedämpft.

Die konjunktursensible Chemie leidet schon länger gerade unter der schwachen Industrienachfrage, da sich etwa Autobauer, Metallverarbeiter und Papierindustrie mit Aufträgen zurückhalten. Der Bauboom und eine starke Kosmetikbranche stützen hingegen die Chemie.

Der VCI zählt zu den einflussreichsten Branchenverbänden in Deutschland und vertritt knapp 465.000 Beschäftigte hierzulande. Rechnet man chemienahe Branchen wie Kunststoff- oder Kautschuk-Hersteller dazu, arbeiten 580.000 Menschen in der Industrie. 2018 hatte die Branche ein Rekordumsatz von 203 Milliarden Euro erzielt.

Für dieses Jahr senkte der VCI seine Prognose für die Produktion das vierte Mal und rechnet nun mit einem Rückgang von 7,5 Prozent. Jedoch hatte das Ende der Produktion eines Arznei-Blockbusters für einen Sondereffekt gesorgt. Ohne Pharmazweig bleibt ein Rückgang von 2,5 Prozent. Der Umsatz soll um 5 Prozent auf 193 Milliarden Euro sinken.

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