Zehntausende bei Demos

Große Proteste gegen Gründung neuer AfD-Jugendorganisation

Die Polizei setzt Wasserwerfer gegen Demonstranten ein, die die B429 nahe der Lahnbrücke blockieren. | © Lando Hass/dpa

29.11.2025 | 29.11.2025, 18:34

Draußen große Proteste, im Saal große Einigkeit: In Gießen hat sich die neue AfD-Jugendorganisation mit dem Namen Generation Deutschland (GD) gegründet. Mehrere Zehntausend Gegendemonstranten versammelten sich in der mittelhessischen Stadt, die meisten von ihnen protestierten friedlich. An einigen Orten gab es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. Diese setzte mehrmals Wasserwerfer ein und verhinderte, dass der Versammlungsort gestürmt wurde.

Bis zum frühen Nachmittag wurden 10 bis 15 verletzte Beamte gezählt. Das Uniklinikum Gießen-Marburg sprach außerdem von rund 15 leicht verletzten Demonstranten bis zum Nachmittag mit ambulanter Behandlung. Zahlen zu Festnahmen oder Platzverweisen konnte die Polizei zunächst nicht nennen.

Proteste seit dem frühen Morgen

Die Proteste begannen schon am frühen Morgen. Aktivisten blockierten mehrere Straßen in der Gießener Umgebung, um eine Anreise zu dem Gründungskongress zu verhindern. Das Treffen begann mit gut zweistündiger Verspätung, weil viele der rund 1.000 Teilnehmer nicht pünktlich um 10.00 Uhr in den Gießener Messehallen angekommen waren.

Unterschiedliche Organisationen protestieren gegen die neue AfD-Jugendorganisation. - © Boris Roessler/dpa
Unterschiedliche Organisationen protestieren gegen die neue AfD-Jugendorganisation. (© Boris Roessler/dpa)

Auch die AfD-Chefs Alice Weidel und Tino Chrupalla verspäteten sich. Sie kritisierten die Blockaden scharf. Die Junge Alternative hatte sich im Frühjahr aufgelöst, nachdem sich die AfD von ihr getrennt hatte. Der Grund: Die JA war als eigenständiger Verein nur lose an die AfD angebunden. Mitglieder – mit Ausnahme der Vorstände – mussten nicht Mitglied der Partei sein und agierten weitgehend unabhängig.

Weidel: Kaderschmiede für die Partei

Die Teilnehmer de Demos hatten zahlreiche Plakate dabei. - © Boris Roessler/dpa
Die Teilnehmer de Demos hatten zahlreiche Plakate dabei. (© Boris Roessler/dpa)

Die Generation Deutschland soll nach Angaben von AfD-Chefin Weidel vor allem fähigen Nachwuchs für die Mutterpartei hervorbringen, auch mit Blick auf die Landtagswahlen im nächsten Jahr in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo die Partei nach Umfragen erstmals in Regierungsverantwortung kommen könnte. Dann müssten viele Posten besetzt werden. «Also das ist eine Kaderschmiede für die Regierungsverantwortung», sagte Weidel.

Polizei und Demonstranten treffen auf der B429 nahe der Lahnbrücke aufeinander. - © Lando Hass/dpa
Polizei und Demonstranten treffen auf der B429 nahe der Lahnbrücke aufeinander. (© Lando Hass/dpa)

Mitglied in der neuen AfD-Jugendorganisation kann in der Regel nur noch sein, wer auch schon in der AfD ist. Verstöße gegen Regeln oder Fehlverhalten können somit geahndet werden, bis hin zum Parteiausschluss. Die Organisation soll für alle AfD-Mitglieder unter 36 offen sein.

Mehrere Verletzte - AfD-Abgeordneter berichtet von Angriff

Nach Weidels Angaben wurde am Rande der Proteste der AfD-Bundestagsabgeordnete Julian Schmidt «zusammengeschlagen». Er bestätigte der dpa einen Angriff. Er sei nach dem Parken des Autos nahe der Halle von rund 20 Leuten angegriffen worden. Blaue und rote Flecken auf Nase und Jochbein seien Folgen des Angriffs. Schmidt sprach von einer neuen Qualität der Konfrontation. Die Polizei sagte ohne Namensnennung, ein AfD-Bundestagsabgeordneter sei verletzt und ein mutmaßlicher Täter festgenommen worden. Die Ermittlungen liefen.

Eine unangemeldete Demonstration an der Konrad-Adenauer-Brücke in Gießen. - © Christine Schultze/dpa
Eine unangemeldete Demonstration an der Konrad-Adenauer-Brücke in Gießen. (© Christine Schultze/dpa)

Bis zu 50.000 Teilnehmer waren von der Polizei erwartet worden. Am Nachmittag sprach Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) von 25.000 bis 30.000 Demonstranten. Tausende Polizisten aus 15 Bundesländern waren im Einsatz, es war nach Behördenangaben einer der größten Polizeieinsätze in der Geschichte Hessens. Dies auch, weil vorab Gewaltaufrufe aus der linken Szene kursierten. Laut Poseck gab es mehrere Hundert gewaltbereite Demonstranten. Die Stadt Gießen hat rund 92.000 Einwohner.

Blockaden von Bundesstraßen

Die Gewerkschaften protestieren gegen die Gründung einer neuen AfD-Jugendorganisation. - © Michael Brandt/dpa
Die Gewerkschaften protestieren gegen die Gründung einer neuen AfD-Jugendorganisation. (© Michael Brandt/dpa)

Demonstranten blockierten unter anderem zeitweise die Bundesstraßen 49 und 429. Rund 2.000 Menschen besetzten die Bundesstraße 49. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein, nachdem trotz mehrmaliger Aufforderung die Straße nicht freigemacht worden sei. Auch auf der B429 kam es zu einer Blockade und zum Einsatz eines Wasserwerfers. Zudem wurden Beamte laut Polizei auf der Konrad-Adenauer-Brücke in der Stadt mit Flaschen beworfen und nahe der Messehallen mit Leuchtspurmunition beschossen. An einer Blockadestelle hätten sich Beamte mit Pfefferspray gegen Steinewerfer verteidigt.

Demo gegen neue AfD-Jugendorganisation in Gießen. - © Boris Roessler/dpa
Demo gegen neue AfD-Jugendorganisation in Gießen. (© Boris Roessler/dpa)

Eine Gruppe von Demonstranten versuchte am Nachmittag, zum Veranstaltungsort in den Messehallen durchzubrechen. Wie ein dpa-Reporter berichtete, versuchten etwa 30 bis 40 Personen, die Polizeiabsperrungen zu überwinden. Die Polizei drängte die Aktivisten auch mit einem Wasserwerfer zurück. Die Bundespolizei berichtete zudem von einem Dienstpferd, das «ohne Fremdeinwirkung» einen Abhang neben einer Straße hinuntergestürzt sei. Weder Reiterin noch Pferd seien verletzt worden.

«Alle zusammen. Gegen den Faschismus»

Es kam zu Zusammenstößen von Demonstranten und Polizei. - © Lando Hass/dpa
Es kam zu Zusammenstößen von Demonstranten und Polizei. (© Lando Hass/dpa)

Die größte von zahlreichen Demonstrationen hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) organisiert. Rund 20.000 Menschen versammelten sich morgens. Protestierende skandierten etwa «Alle zusammen. Gegen den Faschismus» und «Stoppt die Brandstifter». Der Bezirksvorsitzende des DGB Hessen-Thüringen, Michael Rudolph, sprach von einem «beeindruckenden, sichtbaren und zutiefst demokratischen Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit und Spaltung».

Mehrere Bundesstraßen wurden zeitweise blockiert. - © Thomas Naumann/dpa
Mehrere Bundesstraßen wurden zeitweise blockiert. (© Thomas Naumann/dpa)

Die Polizei sicherte den Veranstaltungsort in den Messehallen mit einem Großaufgebot und riegelte die Zufahrtswege ab, darunter auch Brücken über die Lahn. In der Gießener Innenstadt - ein Stück entfernt vom Veranstaltungsort am anderen Lahnufer - blieb es weitgehend ruhig. Hubschrauber kreisten in der Ferne in Luft. Auf dem Weihnachtsmarkt waren deutlich weniger Stände offen - auch viele Geschäfte blieben geschlossen.

Merz kritisiert Gewalt

Bei den Protesten kam es zu Rangeleien und Zusammenstößen. - © Lando Hass/dpa
Bei den Protesten kam es zu Rangeleien und Zusammenstößen. (© Lando Hass/dpa)

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kritisierte die Gewalt scharf. «Sie werden heute Abend Fernsehbilder aus der Stadt Gießen sehen, die alles andere als erfreulich sind, eine Auseinandersetzung zwischen ganz links und ganz rechts», sagte Merz beim Landesparteitag der sachsen-anhaltischen CDU in Magdeburg. «Ich möchte, dass wir in der politischen Mitte unseres Landes zeigen, dass wir Probleme lösen können.»

Auch die AfD-Bundesvorsitzenden Weidel und Chrupalla trafen mit Verspätung ein. - © Thomas Frey/dpa
Auch die AfD-Bundesvorsitzenden Weidel und Chrupalla trafen mit Verspätung ein. (© Thomas Frey/dpa)

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt betonte: «Demonstrieren ist ein Grundrecht, deswegen muss man das ermöglichen. Sich versammeln ist auch ein Grundrecht, das muss man auch ermöglichen», sagte der CSU-Politiker in einer Rede beim Landesparteitag der sächsischen CDU in Leipzig. «Aber ich kann nur sagen: Größten Respekt vor den Polizistinnen und Polizisten, wenn ich jetzt schon wieder sehe, wie Vermummte, wie Chaoten, wie Leute mit Bengalos, mit Fackeln, gewaltbereit auf die Polizei zugehen.»