GedenkenHanauer Anschlag: «Seitdem steht die Welt um uns still»

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Gedenkfeier für die Opfer von Hanau - © Foto: Andreas Arnold/dpa
Ein Bündnis Hanauer Jugendorganisationen unter dem Motto «Kein Vergeben - Kein Vergessen - Gemeinsam gegen Rassismus» demonstriert auf dem Marktplatz am Brüder Grimm-Denkmal. © Foto: Andreas Arnold/dpa

Hanau - Trauer und Schmerz, aber auch Enttäuschung und Bitterkeit - ein Jahr nach dem rassistisch motivierten Anschlag in Hanau sind die Hinterbliebenen gezeichnet von ihrem schweren Verlust.

«Seitdem steht die Welt um uns still. Nichts ist mehr so wie es einmal war», sagte Armin Kurtovi, dessen Sohn Hamza am 19. Februar vor einem Jahr getötet worden war, am Freitagabend bei einer bewegenden Gedenkveranstaltung in Hanau. Tag für Tag beschäftige ihn die Frage, wie es so weit kommen konnte und warum die Tat nicht verhindert werden konnte. Das müsse lückenlos aufgeklärt werden - doch fehle es am Willen dazu. «Seit einem Jahr versuchen wir selbst Antworten auf unsere Fragen zu finden, da wir von den zuständigen Stellen kein Gehör finden und immer wieder abgewiesen werden», sagte Kurtovi.

Hanauer Anschlag: «Seitdem steht die Welt um uns still»

An der Gedenkveranstaltung nahmen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) teil. Steinmeier stellte sich hinter die Forderung der Angehörigen nach einer Aufklärung aller offenen Fragen. Zugleich rief er die Bürger zum Zusammenhalt gegen Hass, Rassismus und Hetze auf. «Aufklärung und Aufarbeitung stehen nicht in freiem Ermessen. Sie sind Bringschuld des Staates gegenüber der Öffentlichkeit und vor allem gegenüber den Angehörigen», sagte der Bundespräsident.

Er wisse, dass es Kritik und Fragen an das staatliche Handeln gegeben habe und weiter gebe. Auch der Staat und die, die in ihm Verantwortung tragen, seien nicht unfehlbar. Wo es Fehler oder Fehleinschätzungen gegeben habe, müsse aufgeklärt werden, sagte Steinmeier. «Nur in dem Maße, in dem diese Bringschuld abgetragen wird und Antworten auf offene Fragen gegeben werden, kann verlorenes Vertrauen wieder wachsen. Deshalb müssen wir uns so sehr darum bemühen. Der Staat ist gefordert.»

Keineswegs seien ein Jahr nach dem Anschlag die Trauer gewichen, der Schmerz geringer geworden, die Wut verflogen, alle Fragen beantwortet. «Doch als Bundespräsident stehe ich hier und bitte uns: Lasst nicht zu, dass die böse Tat uns spaltet! Übersehen wir nicht die bösen Geister in unserer Mitte - den Hass, die Ausgrenzung, die Gleichgültigkeit. Aber lasst uns glauben an den besseren Geist unseres Landes, an unsere Kraft zum Miteinander, zum gemeinsamen Wir!»

Der Bundespräsident hatte die Hinterbliebenen der Opfer im vergangenen September ins Schloss Bellevue eingeladen und mit ihnen Gespräche geführt. Unmittelbar vor der Gedenkveranstaltung hatte er sich mit einem persönlichen Brief an die Familien gewandt. In seiner Rede sagte er ihnen: «Ich bin hier, weil mich zutiefst bedrückt, dass unser Staat sein Versprechen von Schutz, Sicherheit und Freiheit, das er allen gibt, die hier gemeinsam friedlich leben, gegenüber Ihren Angehörigen nicht hat einhalten können.»

Wie der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und der Anschlag auf die Synagoge in Halle seien auch die Morde von Hanau kein Zufall gewesen. «Die Taten waren von gezielt gesteuertem Hass initiiert, die Täter davon ermutigt», sagte Steinmeier. «Die bösartige Menschenfeindlichkeit, die sich im Netz oder anderswo zeigt, ist das gefährliche Gift einer kleinen Minderheit - aber ein Gift, das Wirkung hat. Das immer wieder Menschen glauben macht, sie dürften im Namen eines angeblichen Volkswillens andere Menschen demütigen, bedrohen, jagen oder gar ermorden.»

Lübckes Familie übermittelte den Hinterbliebenen der Opfer von Hanau am Freitag ihr Mitgefühl. Es bleibe aber nicht nur Schmerz, sondern es gebe auch viele drängende Fragen, erklärte sie und wünschte den Angehörigen, dass diese bald beantwortet werden. «Es wird ihre Töchter und Söhne, Geschwister, Freundinnen und Freunde nicht zurückbringen. Es wird die Tat nicht ungeschehen machen. Aber es kann helfen, mit dem großen Schmerz und dem tiefen Verlust umzugehen und Kraft geben, weiter für unsere Werte Haltung zu zeigen.»

Der 43-jährige Deutsche Tobias R. hatte am Abend des 19. Februar 2020 neun Menschen mit ausländischen Wurzeln an mehreren Orten in der Stadt im Rhein-Main-Gebiet erschossen, bevor mutmaßlich er seine Mutter tötete und anschließend sich selbst. Zuvor hatte er Pamphlete und Videos mit Verschwörungstheorien und rassistischen Ansichten im Internet veröffentlicht. Die Tat hatte Entsetzen in Deutschland ausgelöst. Die «Initiative 19. Februar Hanau», ein Zusammenschluss von Hanauer Angehörigen, spricht unter anderem von einem «Versagen der Behörden vor, während und nach der Tat». Angehörige der Opfer hatten wiederholt Aufklärung gefordert, etwa zur Frage, warum der unter Wahnvorstellungen leidende Täter Waffen besitzen durfte.

Mit einem Zitat von Wilhelm Grimm hatte der frühere Fußball-Nationalstürmer Rudi Völler die Gedenkveranstaltung am Abend eröffnet: «Hass, der alle anderen Gefühle bald überflügelt, zerstört mehr als alles andere das ruhige und gedeihliche Leben eines Staates, das auf der inneren Gesinnung der Menschen beruht, nicht auf Bajonetten», schrieb der berühmte Märchensammler, der ebenso wie sein Bruder Jacob in Hanau geboren wurde. Im Anschluss entzündete Völler, der Ehrenbürger von Hanau ist, eine Gedenkkerze für die Todesopfer, deren Namen später von Bouffier und Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) abwechselnd verlesen wurden: Ferhat Unvar, Hamza Kurtovi, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Pun und Fatih Saraçolu. Bilder der Toten waren auf Stelen zu sehen, die nach und nach beleuchtet wurden.

Schon vor der offiziellen Gedenkveranstaltung waren am Morgen rund 500 Angehörige und Hanauer Bürger auf dem Hauptfriedhof zu einer Andacht zusammengekommen. Sie versammelten sich an einem Ensemble von Ehrengräbern, wo Ferhat Unvar, Hamza Kurtovi und Said Nesar Hashemi begraben sind. Zu dem Ensemble gehören auch Gedenksteine für die weiteren sechs Todesopfer. Verschiedene Religionsgemeinschaften und Gruppierungen erinnerten mit Demonstrationen und einer Kranzniederlegung an die Ermordeten. Auch in anderen Städten Deutschlands gab es Aktionen und Demonstrationen.

Am späten Abend erinnerten Dutzende Menschen an den damaligen Tatorten in Hanau an die neun Opfer. In stillem Gedenken versammelten sie sich genau zu den Uhrzeiten, als der Attentäter am 19. Februar 2020 die Schüsse in der Innenstadt und kurz darauf im Stadtteil Kesselstadt abgegeben hatte. Auch Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) kam zu dem Tatort in der Hanauer Innenstadt und zündete an einer Gedenktafel mit Bildern der neun Opfer eine Kerze an. Er sprach auch mit Mitgliedern der «Initiative 19. Februar Hanau», in der sich mehrere Angehörige zusammengeschlossen hatten.

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