Berlinale 2020: Was man zum Finale wissen muss

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Berlinale 2020 - Chatrian + Rissenbeek - © Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
Die neue Berlinale-Spitze: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. (© Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa)

Berlin - Ausgerechnet eine einsame Kuh. Mit ihrem ungewöhnlichen Western «First Cow» hat US-Regisseurin Kelly Reichardt einen der interessanteren Filme im Wettbewerb der Berlinale gezeigt. Heißen muss das aber noch nichts - denn Jurys können ziemlich unberechenbar sein. Wem also werden die Juroren an diesem Samstag den Goldenen Bären verleihen?

Vielleicht muss man eines vorweg sagen: Erstmals leiten die Niederländerin Mariette Rissenbeek und der Italiener Carlo Chatrian die Berlinale. Chatrian ist als künstlerischer Direktor dafür verantwortlich, die Filme auszusuchen. Und hat bisher lediglich Erfahrung auf dem - ganz dem Arthouse-Kino verpflichteten - kleinen, feinen Festival von Locarno.

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In Berlin gehen diesmal 18 Filme ins Rennen um die Silbernen und den Goldenen Bären. Und wenn man nach einer Woche Im-Kino-Sitzen zurückdenkt, ragen ein paar Projekte heraus. Zum einen ist da eben Reichardts schön erzählter Film über zwei Außenseiter im Wilden Westen, die davon träumen, Blaubeerkuchen zu verkaufen. Dafür melken sie heimlich die einzige Kuh der Region. Dass das in die Katastrophe führt, ist schnell klar, aber trotzdem spannend und witzig erzählt.

Auch das Drama «Never Rarely Sometimes Always» von der ebenfalls aus den USA stammenden Filmemacherin Eliza Hittman ist sehenswert. Erzählt wird die Geschichte einer 17-Jährigen, die ungewollt schwanger ist. Der Film moralisiert und belehrt nicht, sondern zeigt, wie sich das Mädchen mit einer Freundin für eine Abtreibung nach New York aufmacht. Eine tolle Perspektive. Lohnenswert ist auch der südkoreanische Film «Die Frau, die rannte».

Die beiden deutschen Regisseure fallen ebenfalls auf: Mit «Undine» erzählt Christian Petzold eine Liebesgeschichte, die auf einem alten Nixen-Mythos beruht und ins Heute verlegt wird. Filmemacher Burhan Qurbani legt eine spannende und mutige Neuverfilmung des Romans «Berlin Alexanderplatz» vor. Mit einer Anfangssequenz, die einen ziemlichen Sog entfaltet. Aber sonst?

Natürlich zeigt ein Wettbewerb auch Filme, die sich nicht gleich jedem erschließen. In «Days» («Rizi») von Tsai Ming-Liang gibt es keine Dialoge - und man schaut zwei Stunden lang zu, wie jemand Gemüse wäscht. Oder aus dem Fenster guckt. Oder Sex hat. Kultregisseur Abel Ferrara schickt in seinem Film «Siberia» den Hollywoodstar Willem Dafoe auf eine ziemlich abgefahrene, surreale Ekel-Reise ins eigene Ich.

Wenn Dafoe dabei in einer verschneiten Gegend eine schöne Frau trifft, die unter ihrem Mantel nichts trägt als nackte Brüste und ihren schwangeren Bauch, hat das auch ein bisschen was von Altherren-Fantasie. Ähnlich ist es bei Philippe Garrels Schwarz-Weiß-Film «The Salt of Tears» («Le sel des larmes»). Der Film «DAU. Natasha» aus dem gleichnamigen Kunstprojekt fällt vor allem mit einer quälenden Szene auf, in der eine Frau gefoltert und sexuell missbraucht wird.

Diesem Wettbewerb fehlt es weitestgehend an Filmen für einen großen Zuschauerkreis, an Filmen, die künstlerischen Anspruch und Unterhaltsamkeit klug miteinander verbinden. Und obwohl diesmal relativ viele Promis da waren (von Helen Mirren bis Johnny Depp), präsentiert Chatrian die Stars eher so nebenbei.

Er hat aus Locarno den Slogan «Die Filme sind die Stars» mitgebracht. Das funktioniert bei einem Arthouse-Festival, zu dem ein Cineasten-Publikum anreist. Aber beim größten Publikumsfilmfestival der Welt? Es fehlen im Wettbewerb ein wenig die Filme, bei denen man überwältigt aus dem Kino taumelt.

Manche meinen auch, der neue Wettbewerb «Encounters» sei eine überflüssige Konkurrenz zum Hauptwettbewerb. Chatrian hatte die neuen Reihe für ungewöhnlichere Filme ins Leben gerufen, neben dem eigentlichen Bären-Wettbewerb und dem experimentellen Forum. «Encounters» scheint ihm ein wichtiges Projekt zu sein, jedenfalls hat er bei den Premieren dort die Filmemacher selbst vorgestellt und eine «kurze Einführung» gegeben. Ob er daran festhalten wird?

Bis Freitagabend standen noch die letzten beiden Filme auf dem Programm, die ins Rennen um den Goldenen Bären gehen. Zum einen ein Dokumentarfilm des kambodschanischen Regisseurs Rithy Panh, der dokumentarische Aufnahmen von Kriegen, Gräueltaten sowie abstrakte Theatermomente aneinander schneidet. Zum anderen der Film «Es gibt kein Böses» des iranischen Regisseurs Mohammed Rassulof, der selbst nicht nach Berlin kommen durfte. Der Film setzt sich in vier Episoden mit dem Leben in einem Land auseinander, in dem es die Todesstrafe gibt. Beide Filme dürften in den Diskussionen der Jury mindestens eine Rolle spielen.

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