LokalsportWarum dieser Mann teure WM-Tickets in einer Gaststätte verkaufte

Durch Kontakte erhalten Ernst-August Stüssel und sein Kumpel Helmut Welland ein Paket mit 36 Eintrittskarten für die Fußball-WM 1974. Eigentlich wollen die Freunde aber vor allem die Spiele der Deutschen und das Finale sehen. Wohin mit den anderen Karten?

Dennis Bleck

Ernst-August Stüssel hält die Originaleintrittskarte vom Finale der Fußball-WM 1974 in der Hand. Die Kappe trug er damals auf dem Kopf. - © Dennis Bleck
Ernst-August Stüssel hält die Originaleintrittskarte vom Finale der Fußball-WM 1974 in der Hand. Die Kappe trug er damals auf dem Kopf. © Dennis Bleck

Halle. Noch immer muss Ernst-August Stüssel lächeln, wenn er über diese Zeit spricht. „Das war schon eine verrückte Aktion", sagt er. Fast entschuldigend fügt er hinzu: „Heute würde das so sicher nicht mehr gehen. Damals war vieles anders." Mit damals meint der 69-Jährige das Jahr 1974: In diesem Sommer findet die Fußball-Weltmeisterschaft erstmalig in Deutschland statt. Und Stüssel ist bei mehreren Spielen vor Ort. Auch das Finale in München sieht er live.

Dass es soweit kommt, verdankt der Ernst-August Stüssel seinem Kumpel Helmut Welland. Der Wertheraner, mit dem Stüssel noch heute befreundet ist, hat eine Cousine in Frankfurt. Deren Mann ist Zahnarzt mit Kontakten zum Deutschen Fußball-Bund. Als dieser seine Bekannten vom DFB nach WM-Tickets fragt, erhalten Stüssel und Welland daraufhin ein Angebot, das das Duo nicht ablehnen kann. Sie bekommen 36 Eintrittskarten für 1.300 Mark. Auch Finaltickets sind dabei. „Wir mussten aber das komplette Paket nehmen, um das Endspiel sehen zu können", sagt Stüssel: „Natürlich haben wir zugesagt – Obwohl der Gesamtpreis für uns zu dieser Zeit eigentlich nicht zu stemmen war." Es musste also eine Gegenfinanzierung her.

Tickets kosten 1.300 Mark - Gegenfinanzierung muss her

Stüssel, damals 22 Jahre alt und gerade erst ausgelernter Bankkaufmann sowie Welland, der noch auf Lehramt studiert, werden kreativ: Die beiden, die in erster Linie die Partien der deutschen Elf, das Spiel um Platz drei und das Finale besuchen wollen, bieten die übrigen Eintrittskarten zum Verkauf an. In der Gaststätte von Stüssels Eltern finden sich schnell Interessenten. Auch im Gasthof „Deutsches Haus" in Werther werden die Freunde die Tickets los.

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Stüssel selbst besucht anschließend zwei Vorrunden- und ein Zwischenrundenspiel. Er sieht die sensationelle 0:1-Niederlage der Deutschen gegen die DDR. Und er ist im Stadion, als Brasilien seinen Erzrivalen Argentinien mit 2:1 schlägt.

Schotten sorgen auf Campingplatz für Stimmung

Schon eine Woche vor dem Endspiel reisen die Freunde dann nach München. Auf einen Campingplatz. „Dort haben wir gezeltet", sagt Stüssel. Erinnerungen werden wach: „An tolle Begegnungen mit Fans aus aller Welt", berichtet er: „Und an gute Laune und wenig Schlaf." Besonders die Anhänger der Schotten haben es dem heutigen Haller angetan: „Die waren immer fröhlich und haben für Stimmung gesorgt", sagt Stüssel: „Dabei war ihre Mannschaft längst aus dem Turnier ausgeschieden."

Ernst-August Stüssel (rechts) und sein Kumpel Helmut Welland im Jahr 1974 mit den Deutschlandkappen auf dem Kopf. - © Ernst August Stüssel
Ernst-August Stüssel (rechts) und sein Kumpel Helmut Welland im Jahr 1974 mit den Deutschlandkappen auf dem Kopf. (© Ernst August Stüssel)

Anders als die Deutschen. Das Team von Bundestrainer Helmut Schön marschiert souverän ins Finale. In der Zwischenrunde, damals gab es die K.-o.-Phase noch nicht, verlieren die WM-Gastgeber nicht ein Match. Im Endspiel trifft die DFB-Auswahl dann auf die Niederlande.

„Zu der Stimmung nach dem Finalsieg muss ich ja nicht viel sagen"

Der Ausgang ist bekannt: Nach 0:1-Rückstand (2.) drehen Paul Breitner (25.) und Gerd Müller (43.) die Partie. Deutschland ist Weltmeister. Zum zweiten Mal in seiner Geschichte. „Zu der Stimmung nach dem Finalsieg muss ich ja nicht viel sagen", sagt Stüssel. Über 90 Minuten zittern und bangen die Freunde auf der Tribüne. Auf dem Kopf tragen sie eine Deutschlandkappe. In der Hand halten sie die schwarz-rot-goldene Fahne. Als endlich der Schlusspfiff ertönt, ist der Jubel groß. Alle Anspannung fällt ab.

Stüssel und Welland feiern an dem Abend friedlich den Titelgewinn. Am nächsten Tag reisen sie zurück nach Werther. Vorher schießen sie noch ein Erinnerungsfoto. Auf das zeigt Stüssel nun stolz und muss erneut lächeln. „Die Frisur von damals würde ich heute nicht mehr tragen", sagt er: „Aber damals war vieles anders."

Info
Die Ticketserie im HK 

• Der FC Bayern schafft zur nächsten Saison die gedruckte Eintrittskarte ab. Für den Umweltschutz, wie der Verein mitteilt. Das Haller Kreisblatt hat diese Entscheidung zum Anlass genommen, im Altkreis nach den emotionalsten Ticket-Geschichten zu suchen. In den kommenden Wochen folgen weitere Erinnerungen an sportliche Höhepunkte, schmerzhafte Pleiten und unvergessliche Erlebnisse.
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