LokalsportRevolution im deutschen Fußball: Spielen Frauen bald bei den Männern mit?

In den Niederlanden dürfen beide Geschlechter ab der kommenden Saison gemeinsam in gemischten Teams spielen. Eine Idee, die auch in Deutschland heftig diskutiert wird. Im Altkreis ist man skeptisch.

Dennis Bleck

Claudia Bosse (links) stürmt für den Frauen-Bezirksligisten TuS Langenheide. In den Niederlanden könnte sie auch bei der Männermannschaft des Vereins mitspielen. Das soll auch in Deutschland bald möglich sein. - © Dennis Bleck
Claudia Bosse (links) stürmt für den Frauen-Bezirksligisten TuS Langenheide. In den Niederlanden könnte sie auch bei der Männermannschaft des Vereins mitspielen. Das soll auch in Deutschland bald möglich sein. © Dennis Bleck

Altkreis Halle. Von einer Revolution ist die Rede. Von einem historischen Moment: In den Niederlanden dürfen Frauen und Männer ab der kommenden Saison gemeinsam in gemischten Mannschaften Fußball spielen. Ellen Fokkema heißt die junge Frau, die den Stein bei unseren Nachbarn ins Rollen gebracht hat. Die heute 19-Jährige wollte ihren Heimatverein VA Foarut, ein Viertligist in Friesland, nicht verlassen und weiter bei den Männern spielen. Was im Sommer 2020 dann zunächst nur durch eine Sondergenehmigung möglich war, wird in den Niederlanden nun zu einer offiziellen Regeländerung.

Auch im deutschen Fußball wird diese Reform längst diskutiert. Das bestätigt Marianne Finke-Holtz. Sie ist Vorsitzende des Frauenfußball-Ausschusses im Westdeutschen Verband. Gleichzeitig sitzt sie beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) in einem ähnlichen Gremium. Das niederländische Modell findet sie gut, wie sie im Gespräch mit dieser Zeitung verrät. „Grundsätzlich sollte jeder dort Fußball spielen können, wo er möchte", sagt sie: „Wenn eine Frau also bei den Männern mitspielen will, sollte man ihr diesen Wunsch ermöglichen. Auch bei uns in Deutschland." Eine Entscheidung in der Frage stünde zwar noch aus, Finke-Holtz kündigte aber an, dass in den nächsten Wochen noch Gespräche zu dem Thema anstehen.

Schon in der Vergangenheit hat es Anfragen gegeben

Gleichzeitig räumt die Funktionärin, die sich seit mehr als 40 Jahren für den Frauen- und Mädchenfußball einsetzt, ein, „dass auch in Zukunft nicht viele Frauen in den Männerfußball drängen". Anfragen, ob dies grundsätzlich möglich sei, hätte es in der Vergangenheit aber bereits gegeben. „Zum Beispiel von Frauen, die ein konkretes Angebot von einem Team vorliegen hatten und dort auch etwas Geld hätten verdienen können", sagt Finke-Holtz. Denn während es im Männerfußball schon in der Kreisliga den ein oder anderen Euro gäbe, bekämen Fußballerinnen aus höheren Spielklassen mitunter nicht einmal Kilometergeld für den Aufwand, den sie betreiben.

Problematisch wird das System laut Finke-Holtz nur, „wenn plötzlich komplett gemischte Teams in den Ligen an den Start gehen". Das gehöre in den Freizeitbereich. „Frauen punktuell aber die Möglichkeit einzuräumen, bei den Männern mitzuspielen darf kein Tabuthema mehr sein."

„Es gibt für jede Spielerin doch die passende Spielklasse"

Jennifer Damkröger, Trainerin beim Frauen-Landesligisten BV Werther, teilt diese Einschätzung nicht. „Ich finde die Idee total überflüssig und sehe den Sinn darin nicht", sagt sie: „Es gibt für jede Spielerin doch die passende Spielklasse." Vorteile dadurch gebe es also keine. Dafür Nachteile: „Die Fußballerinnen fehlen in den Frauenmannschaften", sagt sie: „Und um den Frauenfußball voranzubringen, brauchen wir qualitativ und quantitativ gute Teams in jeder Liga." Überhaupt mangele es schon jetzt an Nachwuchs. Das bekämen vor allem die Mannschaften in unteren Spielklassen zu spüren.

Jennifer Damkröger ist Trainerin beim BV Werther. Sie hält nichts von der Idee. - © Yvonne Gottschlich
Jennifer Damkröger ist Trainerin beim BV Werther. Sie hält nichts von der Idee. (© Yvonne Gottschlich)

Das bestätigt auch Markus Baumann. Der Vorsitzende im Fußballkreis Bielefeld, zu dem auch der Altkreis Halle gehört, registriert gerade in der Frauen-Kreisliga einen Rückgang an Teams und Spielerinnen „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man diesem Problem entgegenwirken kann, wenn Männer in Frauenmannschaften spielen", sagt er. Davon ist in der derzeitigen Diskussion zwar noch keine Rede. Im Umkehrschluss müsste diese Möglichkeit aber natürlich ebenso eingeräumt werden.

„Um den Frauenfußball zu stärken, brauchen wie jede Einzelne"

Für Jennifer Damkröger sind die körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern ein Problem, das nicht wegzudiskutieren ist: „Die sind viel zu groß", sagt sie und ergänzt: „Es kommt ja auch niemand auf die Idee eine Frau im 100-Meter-Sprint der Herren starten zu lassen." Auf die Frage, in welcher Liga der Männer Spielerinnen aus ihrer Mannschaft am ehesten mithalten können, hat sie keine Antwort parat: „Es gibt einfach keine Vergleichsmöglichkeiten", sagt sie.

Richtig und gut findet Damkröger aber, dass junge Spielerinnen möglichst lange bei den Jungs mitspielen. „Um gefordert und gefördert zu werden", sagt sie. Das geht mit Ausnahmegenehmigung bis zu den A-Junioren. Danach müsste der Wechsel zu den Frauen erfolgen. Und der ist laut Damkröger zwingend nötig: „Denn um den Frauenfußball zu stärken, brauchen wir jede Einzelne."

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