LokalsportFür dieses Fußballmärchen reist ein TV-Team nach Steinhagen

Das DFB-Pokalfinale zwischen Dortmund und Leipzig weckt bei Jörg Böhme Erinnerungen. Vor 20 Jahren gewinnt der Steinhagener mit Schalke 04 in Berlin selbst den „Pott“ – und spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Christian Helmig

RBB-Redakteur Christian Dexne (rechts) interviewte Jörg Böhme jetzt auf dem Amshausener Sportplatz. - © Christian Helmig
RBB-Redakteur Christian Dexne (rechts) interviewte Jörg Böhme jetzt auf dem Amshausener Sportplatz. © Christian Helmig

Steinhagen-Amshausen. Die Freude ist groß: Obwohl der Abend schon fortgeschritten ist, dürfen Leni und Sofie heute noch mal mit ihren Eltern auf den Spielplatz in Amshausen fahren. Unter den wachsamen Augen von Mama Melanie toben die beiden Mädchen herum. Mit vier und fünf Jahren sind sie noch zu klein, um sich für den Anlass dieses Familienausflugs zu interessieren: Es ist die Geschichte, die ihr Vater auf dem benachbarten Sportplatz vor laufender Kamera erzählt.

Jörg Böhme wird es nicht zum letzten Mal tun. Eines Tages, wenn seine Töchter alt genug sind, um die historische Bedeutung dieses Ereignisses zu begreifen, wird er auch ihnen davon berichten. „Einen Titel zu gewinnen, die Eltern im Stadion dabei zu haben und persönlich so am Erfolg beteiligt gewesen zu sein – besser geht es nicht. Das ist etwas, das einem ein Leben lang erhalten bleibt", sagt der zehnfache Nationalspieler.

TV-Team fährt nach Amshausen

Eigentlich soll es in diesem Interview um den 1. FC Union Berlin gehen. Am 26. Mai wird es genau 20 Jahre her sein, dass die „Eisernen" als damaliger Drittligist sensationell ins Endspiel des DFB-Pokals einzogen. Anlass genug für Christian Dexne, Reporter des ARD-Senders Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), sich von der Hauptstadt auf den Weg in den Steinhagener Ortsteil zu machen. Denn ohne Jörg Böhme, der seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Gemeinde lebt und beim TSV Amshausen viele Freunde hat, wäre seine Rückblende (zu sehen am Jahrestag des Finales um 22.15 Uhr im RBB) nicht komplett. Schließlich war es der schussgewaltige Linksfuß, der Unions Pokalmärchen mit seinen zwei Toren für Schalke seinerzeit das Happyend versagte.

 

Eines der wichtigsten Tore in der Karriere von Jörg Böhme (links): Im DFB-Pokalfinale 2001 gegen Union Berlin trifft der Linksfuß per Freistoß zum 1:0 für Schalke. - © imago images/Team 2
Eines der wichtigsten Tore in der Karriere von Jörg Böhme (links): Im DFB-Pokalfinale 2001 gegen Union Berlin trifft der Linksfuß per Freistoß zum 1:0 für Schalke. (© imago images/Team 2)

Den Königsblauen dagegen erspart Jörg Böhme an jenem Samstagabend eine weitere bittere Enttäuschung. Eine Woche vorher haben sie sich in einem dramatischen Finale der Bundesliga-Saison 2000/01 für exakt vier Minuten und 38 Sekunden als Deutscher Meister gefühlt – ehe ihnen Patrik Andersson mit seinem indirekten Freistoßtreffer für Bayern München gegen den Hamburger SV den seit 1958 so heiß ersehnten Titel aus den Händen reißt.

Böhme zu Möller: „Jetzt reicht’s! Lauf’ über den Ball – und ich hau das Ding rein"

Ganz Schalke weint. „Für uns Spieler war es nicht einfach, diesen Schock in der Kürze der Zeit zu verarbeiten", erinnert sich Jörg Böhme. „Viele von uns waren psychologisch und emotional sehr betroffen. Wir haben eine Woche lang keine Zeitung gelesen und keine Interviews gegeben, um uns auf das Pokalendspiel zu fokussieren."

Die Schalker Fans haben ihren Mut derweil schnell wiedergefunden. Zu Tausenden begleiten sie ihr Team in die Hauptstadt und feiern es schon Stunden vor dem Anpfiff. „Wir wollten nach dem Frühstück noch einen Spaziergang machen. Nach 150 Metern hat Huub (Stevens, damaliger Schalke-Trainer, die Redaktion) gesagt: Männer, es macht keinen Sinn", erinnert sich Jörg Böhme. „Ganz Berlin war blau und weiß."

 

Von März bis Mai 2018 trainierte Jörg Böhme den damaligen Landesligisten Spvg. Steinhagen. - © Philipp Kreutzer
Von März bis Mai 2018 trainierte Jörg Böhme den damaligen Landesligisten Spvg. Steinhagen. (© Philipp Kreutzer)

Vor 73.011 Zuschauern geht der „Meister der Herzen" natürlich als haushoher Favorit in dieses Spiel. Und trotzdem ist sie den Schalkern anzusehen, „die Angst, am Ende wieder mit leeren Händen dazustehen", wie Jörg Böhme zugibt. „In der ersten Halbzeit haben wir in einigen Situationen echt Glück gehabt", blickt er zurück.

Fünf Minuten später - Elfmeter

Doch dann kommt die 53. Minute – und mit ihr die Erlösung: Ein Foul an Emile Mpenza bringt S 04 einen Freistoß auf der halblinken Seite ein. „Eigentlich eine Megaposition für Andreas Möller", erinnert sich Jörg Böhme. Doch während Schalkes Spielmacher, ein Rechtsfuß, noch überlegt, ob er das lange oder kurze Eck anpeilen soll, hat Schlitzohr Böhme einen anderen, seinen eigenen Plan. „Ich habe zu Andi gesagt: Jetzt reicht’s! Lauf’ über den Ball – und ich hau das Ding rein", beschreibt Böhme grinsend, wie er das Leder zum 1:0 versenkte. „Gott sei Dank hat es geklappt."

Fünf Minuten später – Elfmeter für Schalke. Wieder schnappt sich Böhme den Ball, diesmal ohne Diskussion. „Ich habe alles reingelegt, was meine Kraft noch hergab", denkt er an den Schuss zurück, mit dem er endgültig zum Matchwinner avanciert – und sich auf ewig seinen Ehrenplatz in der Knappen-Historie sichert. Kurios: Ein Jahr später trifft Böhme an selber Stelle erneut. Zur Schalker Pokalverteidigung gegen Leverkusen (4:2) steuert er den 1:1-Ausgleich bei.

Neben Schalke kickt Jörg Böhme in der Bundesliga für Eintracht Frankfurt, 1860 München, Arminia Bielefeld und Borussia Mönchengladbach – insgesamt 233 Mal. 2002, wenn auch ohne Einsatz, wird er in Japan und Südkorea mit der deutschen Nationalmannschaft Vizeweltmeister. Sein Herz aber, das macht der 47-Jährige noch deutlich, als die Kamera längst abgeschaltet ist, hängt am Ruhrpottclub. Und umgekehrt. „Typen wie du fehlen uns hier." Diesen Satz höre er von Fans bis heute, je näher er Richtung Gelsenkirchen kommt.

„Es ist ein Privileg, hauptberuflich als Fußballlehrer arbeiten zu dürfen"

Auch Jörg Böhmes erwachsener Sohn Erik (22), der einst in Amshausen mit dem Fußballspielen begann, ist Schalke-Fan. Umso mehr schmerzt ihn der Absturz des Vereins in die zweite Liga. Böhme hat ihn kommen sehen. „Das war ein schleichender Prozess. Schon unter Domenico Tedesco hat die Mannschaft ganz unansehnlichen Fußball gespielt", sagt er. Die Vizemeisterschaft in der Saison 2017/18 habe viele Probleme übertüncht. Seine Hoffnung ist, „dass der Verein jetzt erst mal zur Ruhe kommt". Sportdirektor Peter Knäbel müsse „die Lage in Ruhe sondieren und ein vernünftiges Team für den Neuanfang zusammenstellen".

Vielleicht sogar mit Jörg Böhme? Unwahrscheinlich. Der einstige Pokalheld, der noch häufig mit seinen alten Kumpels Gerald Asamoah und Mike Büskens telefoniert, zieht an seiner Zigarette. Dann sagt er: „Es ist ein Privileg, hauptberuflich als Fußballlehrer arbeiten zu dürfen." Böhmes Job als U 19-Coach beim FSV Zwickau ruht zur Zeit. Wegen Corona. Der Vertrag bei den Sachsen endet am 30. Juni.

Für Jobs in der Regional- oder Oberliga wäre er zu haben. Zur Spvg. Steinhagen, bei der er von März bis Mai 2018 ohne Erfolg im Landesliga-Abstiegskampf eingesprungen war, wird er nicht zurückkehren. „Der Trainerposten dort ist ja belegt", sagt er. Dann fügt er schmunzelnd an: „Und ohne Herrmann macht es eh keinen Sinn."

Steinhagens ehemaliger Torgarant Sebastian Herrmann, mittlerweile zum TuS Quelle gewechselt, Benedikt Schoebel und Tobias Kreutzer waren es, die ihn einmal zum Comeback am Cronsbach überreden wollten. Nach einem Oktoberfest. „Mitten in der Nacht haben die drei von der Tankstelle an meiner Haustür geklingelt", verrät Böhme. Nicht ganz so historisch – aber sicher auch eine Geschichte, die er eines Tages seinen Töchtern erzählen wird.

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