Lehrerin spricht Klartext: „Sport ist das wichtigste Fach überhaupt“

Für die Klassen eins bis vier beginnt heute der Wechselunterricht. Tina Brinckemper, Sportlehrerin an der Grundschule Steinhagen, spricht im Interview über ihre Erwartungen, die Bedeutung von Bewegung für Kinder und über die Maskenpflicht.

Christian Helmig

Weiterhin gilt: Der Schulsport soll möglichst kontaktlos vonstatten gehen. - © Themenbild: Stefan Schranz/Pixabay
Weiterhin gilt: Der Schulsport soll möglichst kontaktlos vonstatten gehen. (© Themenbild: Stefan Schranz/Pixabay)

Frau Brinckemper, am Montag geht die Schule und damit auch der Schulsport endlich wieder los. Haben Sie Ihren Turnbeutel schon gepackt?

Tina Brinckemper: Auf jeden Fall. Die Sportsachen stehen schon neben meiner Schultasche parat. Und ich werde sie auch ständig in der Schule lassen, weil ich vorhabe, so viele Sporteinheiten wie möglich für die Kinder anzubieten.

Eine Frage, die sich auch jeder Vereinstrainer stellt: In welcher Form erwarten Sie die Kinder nach der langen Pause zurück?

Das wird von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sein. Der Lockdown war für die Koordination und Kondition bestimmt nicht förderlich. Ich befürchte, dass besonders bei den Kindern, die auch sonst nie viel Sport getrieben haben, über diesen extrem langen Zeitraum einiges auf der Strecke geblieben ist. Die werden wir erst mal langsam wieder heranführen müssen.

Tina Brinckemper, Lehrerin an der Grundschule Steinhagen - © Brinckemper
Tina Brinckemper, Lehrerin an der Grundschule Steinhagen (© Brinckemper)

Lässt sich dieser Rückstand durch den Sport in der Schule allein überhaupt aufholen?

Das glaube ich nicht. Wir müssen uns im Unterricht immer an den Schwächsten orientieren und Spiele und Übungen anbieten, bei denen möglichst jedes Kind mitkommt. Deshalb würde ich mir wünschen, dass bald auch wieder Sport im Verein möglich ist.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder auch zu Hause zur Bewegung zu animieren?

Erwachsene haben immer eine Vorbildfunktion. Deshalb ist es wichtig, dass wir etwas mit unseren Kindern gemeinsam unternehmen und sie nicht alleine raus zum Spielen schicken. Kinder lieben kleine Wettkämpfe mit Mama, Papa oder ihren Geschwistern. Das muss gar nicht immer Hochleistungssport sein. Ein gemeinsamer Spaziergang oder eine Radtour bewirken schon viel. Hauptsache, man hat ein gemeinsames Ziel.

Im Distanzunterricht gab es für die Kinder keine speziellen Sportaufgaben. Ist das Fach nicht wichtig genug?

Im Gegenteil. Als Sportlehrerin würde ich sogar sagen: Es ist das wichtigste Fach überhaupt. Psyche und Motorik hängen ganz eng zusammen. Bewegung ist eine wichtige Voraussetzung für die geistige Leistungsfähigkeit.

Aber?

Es ist ganz schwierig, Sport im Distanzunterricht durchzuführen, weil nicht alle Kinder die gleichen Voraussetzungen haben. Manche haben zu Hause einfach weniger Platz als andere, manche werden von ihren Eltern nicht so unterstützt, wie es nötig wäre. Und, was auch noch hinzukommt: Wenn wir den Kindern im Fach Sport Pflichtaufgaben geben, die sie alleine durchführen sollen, sind sie nicht über die Schule versichert. Man kann von den Eltern nicht verlangen, dass sie diese Verantwortung übernehmen.

Die Empfehlung des Schulministeriums lautet, den Sportunterricht möglichst draußen durchzuführen. Im Winter nicht ganz einfach, oder?

Das ist sicher nur begrenzt möglich. Wenn das Wetter so gut wird, wie es für diese Woche vorhergesagt ist, wäre das super. Bei Regen kann ich die Kinder natürlich nicht mit nassen Sachen zurück in den Unterricht schicken. Aber es gibt zum Glück viele Möglichkeiten und gute Übungen, um sich auch in der Halle, in der Aula oder sogar im Klassenraum sinnvoll zu beschäftigen.

Keine Empfehlung, sondern Pflicht ist das Tragen einer Maske im Sportunterricht. Sinnvoll aus Ihrer Sicht?

Es ist eine Vorgabe, und deshalb können wir mit den Kinder gar nicht darüber diskutieren. In geschlossenen Räumen stehe ich auch voll dahinter. Aber Virologen sagen ja, dass es draußen unter Kindern so gut wie keine Ansteckungsgefahr gibt. Und wenn ich sehe, wie toll sich die Schüler an die Abstandsregeln halten, finde ich diese Vorschrift für Sport unter freiem Himmel nicht ganz so glücklich. Um Ausdauer und Muskulatur aufzubauen, müssen Kinder genügend Sauerstoff bekommen. Und das ist eben schwierig mit Maske. Aber wissen Sie, was auch ein Problem ist?

Verraten Sie es uns bitte.

Wir haben viele Kinder, vor allem Jungs, in der Klasse, die große Fußballfans sind. Die sehen, dass ihre Vorbilder in der Bundesliga jubeln und sich umarmen dürfen und verstehen dann nicht, warum sie selbst beim Sport eine Maske tragen müssen. Ich kann ihnen das nicht erklären.

Meine Tochter geht bei Ihnen in die dritte Klasse. Am traurigsten ist sie darüber, dass der Schwimmunterricht weiterhin ausfällt. Geht es Ihnen genauso?

Natürlich. Schwimmen ist in der Grundschulzeit etwas ganz Besonderes, weil es für jedes Kind nur ein Jahr lang unterrichtet wird. Und wir haben viele Kinder dabei, die noch gar nicht oder zumindest nicht sicher schwimmen können. Viele Eltern verlassen sich darauf, dass sie das in der Schule lernen. Dass die Schwimmbäder wahrscheinlich als letztes wieder öffnen, ist schade – besonders, weil wir in Steinhagen eigentlich beste Voraussetzungen für den Schwimmunterricht haben.

Spüren Sie als Lehrerin im Sportunterricht eine besondere Verantwortung?

Sagen wir es so: Ich habe Respekt davor. Sollte sich doch mal ein Kind anstecken, werde ich mich sicher fragen, ob ich alles richtig gemacht habe, und ob wir alle Regeln eingehalten haben. Aber ich versuche, mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Genauso wichtig ist es, dass wir den Kindern wieder ein Stück Normalität vermitteln. Auch sie müssen das Gefühl bekommen, dass etwas vorangeht.

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