Arzt: "Ich kann nicht verstehen, wie man das Virus banalisieren kann"

Klaus-Peter Mellwig ist Oberarzt am Herz- und Diabeteszentrum NRW und Leiter der Sportkardiologie. Er warnt vor den Spätfolgen einer Corona-Infektion. Und hat seinen Bruder wegen der Krankheit verloren.

Jürgen Krüger

Einer der führenden Sportkardiologen Deutschlands: Klaus-Peter Mellwig, hier bei der Feierstunde „20 Jahre Sportkardiologie" im vergangenen Jahr im Herz- und Diabeteszentrum NRW. - © Jürgen Krüger
Einer der führenden Sportkardiologen Deutschlands: Klaus-Peter Mellwig, hier bei der Feierstunde „20 Jahre Sportkardiologie" im vergangenen Jahr im Herz- und Diabeteszentrum NRW. (© Jürgen Krüger)

Altkreis Halle. Der Fall des Eishockeyprofis Janik Möser von den Grizzlys Wolfsburg hatte für Schlagzeilen gesorgt. Der 25-Jährige hatte sich laut Spiegel-Online nach einer mild verlaufenen Corona-Infektion eine Herzmuskelentzündung zugezogen, wobei der Befund rein zufällig gestellt worden sein soll. Daraufhin reagierten die Verantwortlichen von Handball-Bundesligist GWD Minden sofort, als sich ihr Nationalspieler Juri Knorr mit schwerem Verlauf infiziert hatte, und schickten ihn ins Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen.

Dort untersuchten ihn Sportkardiologe Klaus-Peter Mellwig und sein Team. Sie fanden nichts und Knorr bekam grünes Licht für die Handball-Weltmeisterschaft, die seit Mittwoch läuft. Ein Virus unterscheidet nicht zwischen Spitzen- oder Amateursportlern, außerdem gibt es immer mehr Genesene: Deutschlandweit sind es rund 1,5 Millionen Menschen, im Kreis Gütersloh mehr als 10.000. Grund genug für ein Interview mit Klaus-Peter Mellwig.

Wie ist der momentane Erkenntnisstand bezüglich der Auswirkungen einer Covid-19-Erkrankung auf Organe?

Klaus-Peter Mellwig: Aufgrund der Erfahrungen des vergangenen dreiviertel Jahres muss man sagen, dass überwiegend die Lunge betroffen ist. Dass aber auch andere Organe in Mitleidenschaft gezogen werden, wie Herz, Niere, Leber und auch das neuronale System ist offensichtlich, aber bei weitem nicht so ausgeprägt wie das bei der Lungenbeteiligung ist. In dem Moment, wo eine Herzbeteiligung nachweisbar ist, ist die Situation sicher etwas komplexer. Vor allem, wenn die betroffene Person Sport treiben möchte. Das heißt, wenn diese Herzmuskelentzündung unter Umständen nicht erkannt wird, ist mit entsprechenden Spätschäden zu rechnen.

Welche Untersuchungen nehmen Sie vor, wenn Sie das Herz eines Sportlers mit überstandener Covid-19-Erkrankung überprüfen?

Es wird generell bei den Sportlern, die eine Covid-19-Infektion durchgemacht haben, ein umfangreiches Untersuchungsprotokoll abgewickelt. Standardmäßig wird ein EKG geschrieben, eine Echokardiographie durchgeführt und immer auch eine Ergometrie erstellt – immer unter der Voraussetzung, dass bei dem betroffenen Sportler der Infekt abgeklungen ist und er mindestens sieben, besser noch vierzehn Tage, symptomfrei ist. Wenn sich dann Hinweise ergeben für eine Herzbeteiligung, dann ist eine MRT-Untersuchung die Bildgebung der Wahl. Wir sind im Herzzentrum sehr vorsichtig und führen schon beim geringsten Verdacht auf eine Herzmuskelbeteiligung bei entsprechender Symptomatik und auffälligen Laborwerten zeitnah ein MRT durch.

Wie schafft es ein Virus, eine Herzmuskelentzündung hervorzurufen?

Viren können unterschiedlich agieren. Sie können die Herzmuskelzellen befallen, sie können aber auch die Innenschicht der Gefäßwände angreifen und dort entsprechende Schäden auslösen. Das SARS CoV-2-Virus verhält sich letzten Endes nicht anders als andere Viren auch, die eine Herzmuskelentzündung auslösen können.

Eventuelle Auswirkungen auf die Lunge sind bei einer Covid-19-Infektion offensichtlich. Wie macht sich eine Herzmuskelentzündung bemerkbar?

Es gibt tatsächlich Verläufe, bei denen man so gut wie keine Beschwerden spürt. Wir sehen die Herzmuskelentzündung in einer Herzklinik aber des Öfteren. Diese Patienten haben schon Beschwerden, wie Herzschmerzen, Herzrhythmusstörungen oder leiden unter einer Pumpschwäche, so dass sie einen Leistungsknick haben, beziehungsweise bei geringer Belastung Luftnot aufweisen. Das Symptomspektrum geht also von keinen Beschwerden bis hin zu starken Einschränkungen der körperlichen Leistungsfähigkeit. Maximal kontraproduktiv ist es, bei einer Herzmuskelentzündung Sport zu treiben.

Ein Handball-Nationalspieler wie Juri Knorr ist natürlich privilegiert und bekommt rasch eine umfassende Untersuchung. Was kann der Amateursportler tun?

Es wird aktuell ein Projekt initiiert, bei dem die Universitäten Tübingen und Paderborn federführend sind. Wir sind an diesem Projekt auch beteiligt. In diesem Projekt sollen Sportler, die eine Covid-19-Infektion durchgemacht haben, erfasst werden und nach einer gewissen symptomfreien Zeit sowie einem negativen PCR-Test hier bei uns auf mögliche Spätschäden untersucht werden. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren und das Projekt wird in Kürze umgesetzt.

Es gibt immer noch Leute, die behaupten, Covid-19 sei nicht viel schlimmer als eine schwere Grippe und die vielen Toten sind mit dem Virus gestorben, nicht an dem Virus. Was sagen Sie dazu?

Dieses Virus ist sicherlich wesentlich aggressiver als der Grippevirus Influenza und geht mit einer hohen Sterblichkeit einher. Wir sehen aktuell ja auch, wie schnell Mutationen auftreten. Wir können im Prinzip nur hoffen, dass durch die Impfung dieser Infekt in den Griff zu bekommen ist.

Ihr Bruder ist an Covid-19 gestorben.

So ist es. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man diese Erkrankung banalisieren kann. Was derzeit in den Krankenhäusern geleistet werden muss, um diese Patienten auf den Intensivstationen zu versorgen, ist enorm. Wir können nicht so tun, als ginge uns das alles nichts an. Diese Erkrankung zu ignorieren, ist durch nichts zu rechtfertigen.

Seit vergangenen Mittwoch läuft die Handball-Weltmeisterschaft. Wie stehen Sie dazu?

In so einer Situation muss man kritisch hinterfragen, ob so eine Weltmeisterschaft wirklich durchgeführt werden muss. Wir sind alle sportbegeistert, und ich insbesondere bin Handballfan, und eine WM ist immer etwas Großes, ein einmaliges Ereignis. Das habe ich ja selbst miterlebt. Aber als Mediziner sehe ich diese Veranstaltung durchaus mit Sorge. Auch der Deutsche Handballbund muss die Austragung der WM unter diesen Bedingungen kritisch hinterfragen. Der DHB hat doch die Erfahrung gemacht, dass Infektionen trotz Hygienekonzept vorkommen. Ich kann nur hoffen, dass alles gut über die Bühne geht und dass keiner irgendeinen gesundheitlichen Schaden davonträgt. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll gewesen, die Handball-WM zu verschieben.

Wie bewerten Sie die aktuell verschärften Corona-Regeln?

Ich denke, dass sie zwingend notwendig sind. Wir sehen ja, dass wir mit den alten Regularien die Situation nicht in den Griff bekommen. Die Bevölkerung ist ja teilweise immer noch nicht davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, diese Regularien einzuhalten. Wenn die Infektions- und Todeszahlen nicht weiter zurückgehen, dann werden die Restriktionen noch weiter angezogen. Man kann nur hoffen, dass jetzt alle einsehen, wie relevant diese Maßnahmen sind. Die Impfung ist nur ein Faktor, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Die anderen Maßnahmen, wie zum Beispiel Abstand, Mund-Nasen-Bedeckung und Handhygiene gehören mit dazu.

Wann meinen Sie, werden wir wieder Amateursport sehen?

Ich glaube, dass man das momentan dezidiert gar nicht sagen kann. Man muss immer wieder situativ entscheiden. Ich kann mir aber vorstellen, dass in dem Moment, in dem die Infektions- und Todeszahlen zurückgehen, die Restriktionen nach und nach aufgehoben werden.

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