Oberligahandballer der SF Loxten trainieren online: HK-Redakteur schwitzt mit

Weil sie derzeit nicht in die Sporthalle dürfen, treffen sich die Oberligahandballer der Sportfreunde Loxten regelmäßig zum Online-Training. Das HK durfte bei einer Einheit dabei sein – und stellt fest: Auch der Lockdown kann enorm schweißtreibend sein.

Christian Helmig

Physiotherapeut Christian Mosebach macht die Übungen in der Sparkassen-Arena vor. - © Nico Seifert
Physiotherapeut Christian Mosebach macht die Übungen in der Sparkassen-Arena vor. (© Nico Seifert)

Loxten. „Moin!", sagt Michael Boy. Außer ihm ist in der Sparkassen-Arena weit und breit kein Mensch zu sehen. Doch keine Sorge – zu Selbstgesprächen hat die Einsamkeit im Lockdown den Trainer der Sportfreunde Loxten noch nicht getrieben. Es ist Montagabend, kurz nach 19 Uhr, und Boy redet in das Mikrofon seines Laptops.

Auf dem Bildschirm grüßen Philipp Harnacke und Michael Bohnemeier. Sie sind die ersten, die sich heute in das Meeting des führenden Anbieters für Videokonferenzen Zoom geschaltet haben und nutzen die Zeit, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. „Hast du schon was vom Arzt aus Hamburg gehört?", erkundigt sich Co-Trainer „Bohne" nach den nächsten Behandlungsschritten des immer noch an einer Knieverletzung aus dem vergangenen Jahr laborierenden Rückraumspielers. „Am Donnerstag habe ich einen Termin", sagt Philipp Harnacke. „Ich drück’ dir die Daumen."

Christian Helmig beim Online-Training - © Christian Helmig
Christian Helmig beim Online-Training (© Christian Helmig)

Übungen auf der Matte fordern Muskeln am ganzen Körper

Nach und nach poppen immer mehr Fenster auf. Sie öffnen den Blick in Wohnzimmer, Wintergärten und private Fitnessstudios – bewohnt von Akteuren des amtierenden Oberliga-Vizemeisters, die sehnlichst drauf warten, ihrem Bewegungsdrang freien Lauf zu lassen. Wenn schon nicht in der Kabine, wollen sie den Mannschaftsgeist wenigstens zu Hause spüren. Sofort blüht der Flachs. „Harry, wat is’ mit deinen Haaren los?", fragt Michael Boy schmunzelnd an die Adresse von Jan Schröder, als dieser leicht zerzaust in die Kamera linst. „Ich komme gerade aus der Dusche."

Zoom-Training der SF Loxten - © Christian Helmig
Zoom-Training der SF Loxten (© Christian Helmig)

Meine Gymnastikmatte habe ich vor dem Redaktionsrechner in Halle ausgerollt. „Heute wollen wir etwas mehr Gas geben", hat Michael Boy im Vorgespräch angekündigt und damit ernsthafte Zweifel in mir ausgelöst, ob mein 46 Jahre alter, vom Bürostuhl gezeichneter Restkörper dem auf halb so alte Leistungssportler zugeschnittenen Drill von Christian Mosebach standhält.

Zwei Mal in der Woche bittet der Physiotherapeut im Wechsel mit seinem Kollegen Viktor Kanke die „Frösche" seit der coronabedingten Saisonunterbrechung zum virtuellen Fitnesstraining. Schon die drahtige Statur des Vorturners, sein funktioneller Dress und der dynamische Ton in seiner Stimme eignen sich, um dem Gegenüber erste Schweißperlen auf die Stirn zu treiben.

Als die Runde komplett ist, kommt Mosebach ohne Umschweife zur Sache. Die räumliche Distanz zu seinem Publikum kompensiert er mit einem Appell an die Disziplin. „Auch wenn’s mal zwickt – versucht die Übungen durchzuziehen, so gut es geht!", sagt er mit Blick auf körperliche Wehwehchen des ein oder anderen Spielers.

Tiefe Ausfallschritte, Kniebeugen – die ersten Übungen wirken wenig komplex. Dafür erfüllen sie laut Mosebach gleich dreifach ihren Zweck: „Dehnung, Mobilisierung, Kräftigung." Eine gefühlte Ewigkeit halte ich meine Hüfte im 90-Grad-Winkel, meine Oberschenkel senden schon erste Alarmzeichen. Doch der Coach kennt kein Pardon. „Noch zehn Stück!" und „Dranbleiben!", feuert er an.

Meine Hoffnung, dass mit dem Wechsel auf die Matte nun der gemütliche Teil des Abends beginnt, entpuppt sich als fataler Irrtum. Bauch, Schultergürtel, Becken und unterer Rücken – die folgenden Übungen fordern Muskelpartien, die ich längst vergessen und seit Jahren sträflich vernachlässigt habe.

„Wir wollen nach der Pause auf dem gleichen Level sein wie vorher"

Ein kleiner Trost: Auch die Loxtener Spieler scheint das Programm ganz ordentlich herauszufordern. Scherze macht jetzt niemand mehr, hinter den Bildschirmen herrscht angestrengte Stille. Rund 45 Minuten gehen so vorüber, ehe sich Christian Mosebach mit einem kurzen Cool Down und den Worten „Bleibt gesund" bis zum nächsten Mal verabschiedet.

Obwohl seine Schützlinge ihr wichtigstes Arbeitsgerät, den Ball, an diesem Abend mal wieder nicht gesehen haben, blickt Michael Boy auf eine gelungene Übungseinheit zurück. „Es ist wichtig, dass trotz des Lockdowns ein Gemeinschaftsgefühl entsteht und es einen gesteuerten Trainingsreiz gibt", erklärt der Chefcoach. „Wir wollen schließlich weiterhin nach der Pause auf dem gleichen Fitnesslevel sein wie vorher."

Und auch ich habe etwas gelernt: Zum Oberligahandballer wird es für mich in diesem Leben nicht mehr reichen. Obwohl ich höchstens die Hälfte der Übungen durchgehalten habe, habe ich an meinem Arbeitsplatz an diesem Abend mehr geschwitzt als in 20 Berufsjahren zuvor. Umso mehr freue ich mich darauf, wenn ich den „Fröschen" demnächst einfach wieder zusehen darf – am liebsten bei einem Heimspiel vor vollen Rängen in der Sparkassen-Arena.

Ab Freitag: Frösche-Fitness für alle

Nicht nur die Oberligahandballer der SF Loxten sollen im Lockdown in den Genuss eines virtuellen Fitnesstrainings kommen. Ab Freitag bieten die „Frösche" auch ein Online-Programm für jedermann an. „Ein Vereinsleben lebt ja davon, dass Menschen zusammen Sport treiben", erklärt Michael Boy die Motivation hinter der Idee. Neben allen aktiven Sportfreunden sind auch Nichtmitglieder aller Altersklassen zum Mitmachen eingeladen. Die Übungen, die von Physiotherapeut Christian Mosebach live angeleitet werden, können ab 18 Uhr unter anderem auf dem YouTube-Kanal des Vereins verfolgt und nachgeturnt werden.

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